Thematische Hinführung im Ökumenischen Gottesdienst anlässlich der bundesweiten Eröffnung der Woche für das Leben 2016

Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm

9. April 2016

Ich freue mich sehr, dass wir dieses Jahr die Woche für das Leben 2016 hier im Mainzer Dom eröffnen können. Seit mehr als zwei Jahrzehnten begehen wir die Woche für das Leben. Viele Kirchengemeinden, Einrichtungen und Verbände in 27 katholischen Bistümern und 20 evangelischen Landeskirchen beteiligen sich daran.

Wir wollen mit dieser Initiative auf die vielfältigen Gefährdungen des menschlichen Lebens hinweisen. Und wir wollen für die Schutzwürdigkeit und die Schutzbedürftigkeit des Lebens in allen seinen Phasen sensibilisieren. Die Wertschätzung des Lebens im Alter, der Umgang mit behinderten, kranken oder pflegebedürftigen Menschen, der Einsatz für eine kinderfreundliche Gesellschaft, der besondere Schutz des ungeborenen Lebens, Fragen der Bioethik, Chancen und Grenzen der modernen Medizin, die Bewahrung der Schöpfung oder der Schutz von Ehe und Familie – die Bandbreite der Themen der Woche für das Leben ist so vielfältig wie das Leben selbst. In vielen Regionen hat sich die ökumenische Zusammenarbeit sehr bewährt und die Kampagne ist zu einer festen Größe des kirchlichen Miteinanders geworden.

Seit 2014 - also über einen Zeitraum von drei Jahren – widmet sich die Woche für das Leben der letzten Lebensphase des Menschen. Unter dem Motto „Herr, Dir in die Hände“. Die Lyrik-Freunde unter Ihnen wissen sofort: Das stammt aus einem Gedicht von Eduard Mörike: „Herr, Dir in die Hände sei Anfang und Ende, sei alles gelegt“. Während wir uns im vergangenen Jahr auf das „Sterben in Würde“ konzentriert haben, geht es in diesem Jahr um die sogenannte vierte Lebensphase des Menschen. Deshalb heißt der Titel der diesjährigen Woche „Alter in Würde“.

Bis vor einigen Jahren war es noch üblich, das Leben in drei Phasen zu unterteilen: (1) Jugend und Zeit des Lernens, (2) Erwachsenenalter und Erwerbstätigkeit, sowie (3) Alter und Ruhestand. Die sogenannte dritte Lebensphase des Menschen, also die 65- bis 85-Jährigen, auch best oder golden agers genannt, stand damals im Mittelpunkt der Alters-Forschung. Die „Golden Agers“ sind als Konsumenten hoch geschätzt, und für viele tun sich vielfältige Möglichkeiten auf, das Leben zu genießen, sei es auf Reisen, in freiwilligen Diensten, in Familienaufgaben oder durch Kultur und Bildung. Hier ist ein neuer Raum zur Lebensgestaltung entstanden. Was früher die Ausnahme war, ist heute die Regel: Junges Alter und Ruhestand stellen für die Allermeisten eine aktive Lebensphase mit Chancen und Herausforderungen dar.

In den letzten 150 Jahren hat sich in Deutschland die durchschnittliche Lebenserwartung mehr als verdoppelt. Und wenn die Prognosen denn stimmen, werden aus den 4 Prozent, die die „Generation 80 plus“ derzeit an der Gesamtbevölkerung stellt, in 20 Jahren wohl 14 Prozent werden. Mit dem 85. Geburtstag öffnet sich heutzutage für eine wachsende Zahl von Menschen eine neue Lebensphase. Die Demographen bezeichnen sie als „das vierte Alter“.

Die Zunahme an Lebenserwartung führt oft zu einem Leben mit altersbedingten Krankheiten, mit erheblichen Einschränkungen, mit erhöhtem Pflegebedarf und mit Angewiesenheit auf andere. Eine der wichtigen Aufgaben im hohen Alter – darauf weist der Gerontologe Andreas Kruse immer wieder hin – besteht deswegen darin, nicht nur die eigene Verletzlichkeit anzunehmen, sondern zugleich offen zu sein für neue Erlebnisse, Erfahrungen und Entwicklungsmöglichkeiten. Als Beispiel nennt er die Schaffenskraft von Johann Sebastian Bach, der noch im hohen Alter trotz größter körperlicher Einschränkungen zwei bedeutende Werke schuf: Die Kunst der Fuge und die h-Moll-Messe. Nicht jeder Hochbetagte ist ein Johann Sebastian Bach. Aber solch ein Beispiel mag doch etwas von der Hoffnung vermitteln, auch „im Alter neu werden zu können“, wie es eine Orientierungshilfe des Rates der EKD vor einigen Jahren formuliert hat.

Im Alter erleben wir in besonderer Weise unsere Verletzlichkeit. Deswegen zeigt sich die Humanität einer Gesellschaft daran, wie sie mit Menschen im Alter umgeht. Als Christinnen und Christen setzen wir uns mit besonderem Nachdruck dafür ein, dass Menschen in Würde alt werden können.

In diesem Geist eröffnen heute hier in Mainz die Woche für das Leben 2016. Gemeinsam wollen wir, evangelische und katholische Christen, Junge und Alte, jetzt Gottesdienst feiern, auf Gottes Wort hören und unsere Gebete und Anliegen vor ihn tragen, denn er ist es, der uns alle trägt und hält.