Rede des EKD-Ratsvorsitzenden anlässlich des 50. Jahrestages der Veröffentlichung der Ostdenkschrift

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

17. September 2015

Französische Friedrichstadtkirche in Berlin
Es gilt das gesprochene Wort!

Begrüßung

Eminenzen, Exzellenzen, sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Schwestern und Brüder,

zu diesem Festakt zur Erinnerung an den 50. Jahrestag der Veröffentlichung der sogenannten Ostdenkschrift begrüße Sie sehr herzlich! Besonders begrüße ich Herrn Bundesaußenminister Dr. Frank-Walter Steinmeier; vielen Dank, dass Sie zugesagt haben, heute den Festvortrag zu halten! Und ich begrüße als Gäste aus unserem Nachbarland Polen, den Präses des Polnischen Ökumenischen Rates, seine Eminenz Erzbischof Jeremiasz von Wroclaw/Breslau, - danke, dass auch Sie zu uns sprechen werden! -, ich grüße Sie und die Vertreter aus dem Präsidium des Polnischen Ökumenischen Rates und aus den evangelischen Schwesterkirchen in Polen.

Mit der Veröffentlichung der Ostdenkschrift entstanden die Beziehungen der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Polnischen Ökumenischen Rat. So darf dieser Festakt zugleich diese Jahrzehnte dauernde Partnerschaft würdigen - als Ausdruck des gemeinsamen Bemühens um Versöhnung. Ein aktuelles Projekt des Polnischen Ökumenischen Rates befasst sich mit Unterstützung der Evangelischen Kirche in Deutschland seit gut zwei Jahrzehnten mit dem Thema "Versöhnung in Europa - eine Aufgabe der Kirche in Polen und Deutschland, in Belarus und der Ukraine". So gehört zur Delegation aus Polen auch ein Vertreter aus Belarus. Herzlich willkommen!

Begrüßen darf ich für das diplomatische Korps namentlich auch den Botschafter der Republik Polen, S. E. Dr. Jerzy Marganski, und in ökumenischer Verbundenheit Weihbischof Dr. Hans Jochen Jaschke.

Doppelte Zielrichtung

Mit diesem Festakt erinnern wir an die Veröffentlichung der Denkschrift "Die Lage der Vertriebenen und das Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen östlichen Nachbarn" [1] zum 1. Oktober 1965.

Schon der Titel zeigt, dass die ursprüngliche Intention der Denkschrift in zwei Richtungen wies. Zum einen wurde auf die Lage der Menschen hingewiesen, die als Deutsche nach dem Zweiten Weltkrieg durch Flucht und Vertreibung in das heutige Deutschland kamen. Auf der anderen Seite steht das Anliegen dieser Denkschrift, angesichts der neuen Grenzziehungen, die zu einem schier unauflöslichen Knoten von gegenseitigen Ansprüchen und Aufrechnungen geführt hatten, einen Neuanfang in den Beziehungen zu den östlichen Nachbarn Deutschlands zu markieren.

Der ethische Neuansatz

Berühmt geworden und wirksam gewesen ist die Denkschrift allerdings besonders mit einem ethischen Neuansatz. "Die hier anzustrebende internationale Friedensordnung ist ohne Wahrheit und Gerechtigkeit, ohne gegenseitige Berücksichtigung berechtigter Interessen und ohne dem Willen zum Neuanfang auf der Grundlage der Versöhnung nicht denkbar," [2] so haben die Verfasser 1965 formuliert. Damit war die Grundlage gelegt (ich zitiere) "..., eine neue Bewegung in die politischen Vorstellungen des deutschen Volkes hineinzubringen und den Nachbarn im Osten einen Dialog auf neuer Ebene anzubieten." [3]

Über die Wirkung dieses Impulses und seine Entfaltung werden wir im Festvortrag und im Beitrag aus Polen mehr hören.

Die theologische Grundlage: Versöhnung

Dieser ethische Impuls war es, der in den nachfolgenden Jahren politisch ausgesprochen wirksam wurde. Er beruhte auf einer theologischen Überlegung, nämlich dem Anliegen, bei dieser neuen Akzentuierung aller damals strittigen Fragen "...Begriff und Sache der Versöhnung auch in das politische Handeln als einen unentbehrlichen Faktor einzuführen." [4]

Man kann nicht deutlich genug betonen, wie folgenreich diese ethische Grundentscheidung war und ist. Sie könnte nicht aktueller sein. Versöhnung ist nicht nur ein Begriff für das private Glaubensleben, sondern Gegenstand öffentlicher Theologie! Versöhnung ist eine politische Zielmarke, für die sich einzusetzen zum Auftrag der Kirche gehört!

Verantwortungsübernahme

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg - und das hat damit sehr viel zu tun - wuchs in der deutschen Politik und in der deutschen Gesellschaft mehr und mehr das Bewusstsein, dass eine dezidierte Verantwortungsübernahme nötig sei: eine Verantwortungsübernahme für die schrecklichen Folgen einer von Deutschland ausgehenden rassistischen Gewaltpolitik und eines Krieges, der unendliches Leid mit Unterwerfung, Vertreibung und dem Tod von Millionen mit sich brachte. Diese rassistisch motivierte Gewalt traf vor allem die Juden, aber auch besonders die Völker im Osten Europas, in Polen, in Tschechien, in der damaligen Sowjetunion, darüber hinaus auch fast alle anderen Völker Europas.

Die Verantwortungsübernahme in der Rückschau ist nur dann glaubwürdig, wenn sie auch mit einer klaren Verantwortungsübernahme heute verbunden ist. Deswegen treten die Kirchen in Deutschland und viele in der ganzen Bevölkerung fremdenfeindlichen Übergriffen auf Flüchtlinge in diesen Tagen entschieden entgegen. Würden sie es nicht tun, wären alle Erklärungen zur Verantwortungsübernahme im Hinblick auf die Vergangenheit das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt wurden.

Erinnerung an Flucht und Vertreibung

Wenn wir uns heute für Flüchtlinge einsetzen, dann erinnern wir uns daran, dass die Erfahrung der Flucht auch eine Erfahrung vieler Deutscher gewesen ist.

Bei klarer Sicht auf die Ursachen der rassistischen Gewaltherrschaft und des Krieges, der von Deutschland ausging, ist festzuhalten, dass auch Deutsche in Folge dieses Krieges persönliches Unrecht erlitten. Nach dem Ende des Krieges mussten 14 Mio. Menschen [5] fliehen und kamen auf diesem Weg in das heutige Deutschland. Sie haben zum Teil Grauenhaftes und Unerträgliches erlebt und leiden bis ins hohe Alter unter den Traumata, die sie mit sich tragen. Ich habe als Gemeindepfarrer in Coburg, einem Ort, an dem sich nach dem Krieg viele Flüchtlinge angesiedelt hatten, noch zu Beginn dieses Jahrhunderts, bei meinen Seelsorgegesprächen anlässlich von Geburtstagsbesuchen viele schlimme Geschichten erzählt bekommen.

Kontroverse um die Ostdenkschrift

In den 60er Jahre war es schwer, über dieses erlittene Leid offen zu reden. Zu fragil war das Terrain, auf dem der Hinweis auf das Leid Deutscher allzu schnell missbraucht wurde für revisionistische politische Bestrebungen, die sich zudem mit einem ausgeprägten Anti-Kommunismus verbanden. Vielleicht auch deswegen hat der Impuls der Ostdenkschrift 1965 auf theologischer, ethischer Grundlage unter dem leitenden Motiv der Versöhnung einen Neuansatz in den politischen Verhältnissen zu suchen, zu heftigen Diskussionen, vor allem in Westdeutschland, geführt. Es gab Kritik. Es gab Menschen, die ihre evangelische Kirche verließen. Die meisten aber blieben und beteiligten sich an der Diskussion, die diesem neuen Impuls schließlich zur vollen Wirkung verhalf.

Wirkung der Ostdenkschrift im deutsch-polnischen Verhältnis

Wenn wir heute 50 Jahre nach diesem Ereignis auf seine Wirkungen und Folgen zurückblicken, so ist festzuhalten, dass der Impuls zur Versöhnung wirksam geworden ist und seine heilsamen Folgen hatte bis in die politische Sphäre hinein. Vor allem für das deutsch-polnische Verhältnis ist dies festzustellen. Hier kann man in der Tat von einem "gelungenen Versöhnungsprozess" sprechen. [6]

Die Überlegungen dieser Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland sind sogar in dem nicht weniger berühmten Briefwechsel der Polnischen und der Deutschen BischofsBischofskonferenzen [7] mit aufgenommen worden und haben damit auch in Polen bei der dortigen Mehrheitskirche ökumenische Wirkung gezeigt.

Wir erinnern uns also nicht nur, sondern wir empfinden darüber hinaus sehr unmittelbar die Herausforderung, die mit dieser Denkschrift verbunden ist, nicht nur in Deutschland, sondern neu auch für ganz Europa. Europa erschien nach den Zweiten Weltkrieg und noch einmal nach dem Ende der kommunistischen Diktaturen als ein Projekt neuen, friedlichen, Gewalt vermeidenden Zusammenlebens. Dieses Projekt ist aktuell gefährdet, nicht nur durch die Uneinigkeit der europäischen Staaten im Umgang mit der großen Zahl von Flüchtlingen, sondern auch durch Gewalt und Krieg in manchen Regionen. Hier wird ganz besonders das Frieden stiftende Engagement jeder einzelnen Kirche in Europa herausgefordert, an ihrem jeweiligen Ort und in ökumenischer, geschwisterlicher Gemeinschaft.

Dazu gehört das in der Begrüßung genannte Projekt "Versöhnung in Europa", das sich 2013 bei einer bemerkenswerten Konferenz noch vor dem Maidan mit der polnisch-ukrainischen Versöhnung befasst hat. Dazu gehört die Initiative des Ökumenischen Rates der Kirchen mit wiederholten Besuchen 2014 und 2015, das Zeugnis der Kirchen in der Ukraine für eine gewaltfreie Lösung des Krieges in der Ostukraine zu stärken. Dazu gehören die vielen bilateralen kirchlichen Beziehungen und Dialoge, nicht nur der EKD und vieler ihrer Gliedkirchen und Gemeinden zu Gemeinden und Kirchen in ganz Europa und bis nach Russland. Dies sind nur wenige Beispiele eines kirchlichen Engagements, eines Netzwerkes der Begegnung und Versöhnung, das Europa jetzt mehr braucht denn je zuvor.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


Fussboten

  1. Die Lage der Vertriebenen und das Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen östlichen Nachbarn. Eine evangelische Denkschrift, Hannover 1965, 44 S.
  2. a.a.O., S. 34.
  3. a.a.O.; S. 42.
  4. a.a.O., S. 41.
  5. Zahl nach: Konzeption für die Arbeit der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, Berlin 2012, S. 6 u.ö, vgl. www.sfvv.de/sites/default/files/downloads/konzeption_2012_sfvv.pdf (7.9.2015)
  6. Das Auswärtige Amt spricht bei der deutsch-polnischen Zusammenarbeit von einem "gelungenen Versöhnungsprozess", vgl.: www.auswaertiges-amt.de/DE/Europa/Zusammenarbeit_Staaten/Polen/PolitischeBeziehungen_node.html; sonst nur noch "deutsch-französische Aussöhnung", vgl. www.auswaertiges-amt.de/DE/Europa/Zusammenarbeit_Staaten/Frankreich/Uebersicht_node.html
  7. "Überbringen Sie auch, wir bitten Sie darum, unsere Grüße und unseren Dank den deutschen evangelischen Brüdern, die sich mit uns und mit Ihnen abmühen, Lösungen für unsere Schwierigkeiten zu finden.", in: Hirtenbrief der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder vom 18. November 1965