Rede des Ratsvorsitzenden der EKD, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm zum Johannisempfang in Berlin

Heinrich Bedford-Strohm

02. Juli 2015

Heinrich Bedford-Strohm auf dem Johannisempfang in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

„Ich danke Gott und freue mich...“
Vom Gottvertrauen in unruhigen Zeiten

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,
sehr geehrte Damen und Herren!

„‚Ich danke Gott und freue mich...‘ – vom Gottvertrauen in unruhigen Zeiten“. So lautet der Titel meiner Rede am heutigen Abend des Johannisempfangs, an dem ich mich über die vielen Menschen freue, die heute Abend gekommen sind und damit uns als evangelische Kirche in Deutschland ihre Wertschätzung zeigen. Viele von Ihnen, das wage ich zu vermuten, haben sich diese Frage in diesen Tagen immer wieder gestellt: Kann man dankbar sein und sich freuen, wenn um uns herum die Welt brennt? Wenn nach dem Ablauf der Frist des Rettungsprogramms für Griechenland trotz aller Bemühungen völlig unklar ist, wie ein weiterer wirtschaftlicher Absturz von Griechenland und mögliche negative Konsequenzen weit darüber hinaus zu verhindern sind?

Können wir unser Leben genießen, wenn so viel Leid in der Welt ist und wenn es immer schwerer ist, diesem Leid aus dem Wege zu gehen? Längst sind es nicht mehr Reisen in andere Länder, die uns mit der Realität von Not und Armut konfrontieren. Menschen kommen hierher, und das in großen Zahlen, weil sie vor Krieg und Gewalt fliehen, weil sie angesichts der Not in ihrem eigenen Land nichts mehr zu verlieren haben und selbst die größten Gefahren nicht scheuen, um dieser Not zu entfliehen.

Man kann schon den Mut verlieren, wenn die Gewalt an so vielen Orten in der Welt zu triumphieren scheint. Der Glaube an das Gute im Menschen kann ins Wanken geraten, wenn wir Bilder von brutalen Mordaktionen sehen oder uns diesen Bildern auch ganz bewusst nicht aussetzen, um der Propaganda, die sie funktionalisiert, durch das eigene Entsetzen nicht noch einen Triumph zu gönnen. Und wenn es dann auch noch die Religion ist, auf die sich die Mörder berufen, wenn Christen aufgrund ihres Glaubens umgebracht werden, oder Muslime, die nicht die eigene Interpretation des Koran teilen, dann mag sogar das Gottvertrauen ins Wanken geraten. Wie kann Gott solch schreckliche Dinge zulassen? Ist Gott überhaupt da? Oder thront er irgendwo hoch über dem Kosmos und schaut zu? Oder ist Gott am Ende überhaupt eine Illusion?

I. Matthias Claudius und seine Botschaft

Können wir in einer solchen Situation diesen Ausruf überhaupt so tun: Ich danke Gott und freue mich!?

Dieser Satz ist der Beginn eines Gedichtes von Matthias Claudius. In diesem Jahr begehen wir seinen 200. Todestag. Claudius hat fürwahr in unruhigen Zeiten gelebt. Als er 1815 verstarb, war der Glanz Napoleons vorbei und die Schlacht bei Waterloo geschlagen, der Wiener Kongress ordnete Europa neu. Zugleich hatte der Siegeszug der Dampfmaschine begonnen, die Industrialisierung eroberte immer weitere Räume des Lebens. Es ist kein Wunder, dass Matthias Claudius oftmals als „Poet zwischen zwei Epochen“ [1] tituliert wurde.

Kann uns so ein ferner Mensch heute noch etwas zu sagen haben?

Sein berühmtes Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“ ist – so wurde oft gesagt – in die deutsche Seele eingegangen, und wir singen es ja in aller Regel auch heute noch sehr gerne, mit Kindern im Schlafanzug oder ohne sie. Ich weiß noch sehr genau, wie ich dieses Lied an vielen Abenden am Bett meiner drei Söhne beim Einschlafen gesungen habe und dann selbst mit einem großen Gefühl der Dankbarkeit in den Rest des Abends gegangen bin. Und die Dankbarkeit war eben nicht abhängig davon, ob der Tag gut gelaufen war oder weniger gut.

II. Frömmigkeit als Zukunftsressource

Die heitere Dankbarkeit jenseits der objektiven Lebensumstände ist das, was auch das Lied von Matthias Claudius ausmacht, das dem heutigen Abend den Titel gegeben hat.

„Ich danke Gott und freue mich
Wie's Kind zur Weihnachtsgabe,
Daß ich bin, bin! Und daß ich dich,
Schön menschlich Antlitz! habe;
Daß ich die Sonne, Berg und Meer,
Und Laub und Gras kann sehen,
Und abends unterm Sternenheer
Und lieben Monde gehen;
[..]“
[2]

Claudius lebte mit seiner Familie immer am Rande der Armut. Und trotzdem strahlte er die Dankbarkeit aus, die auch in seinem Lied zum Ausdruck kommt. Denn reich und mächtig sein – so weiß er – hat eben auch eine Menge Schattenseiten, die man erst auf den zweiten Blick sieht:

„[..]
Ich danke Gott mit Saitenspiel,
Daß ich kein König worden;
Ich wär geschmeichelt worden viel,
Und wär vielleicht verdorben.
Auch bet ich ihn von Herzen an,
Daß ich auf dieser Erde
Nicht bin ein großer reicher Mann,
Und auch wohl keiner werde.
Denn Ehr und Reichtum treibt und bläht,
Hat mancherlei Gefahren,
Und vielen hat's das Herz verdreht,
Die weiland wacker waren.
[..]“ [3]

Einen König oder eine Königin haben wir heute Abend zwar nicht da. Aber hier sitzen überdurchschnittlich viele Menschen, die – so wage ich zu vermuten – genau wissen, wovon Claudius spricht. Die, wenn die Leute ihnen lauter nette Dinge sagen, am Ende nicht wissen, wie viele von ihnen dann immer noch nett sind, wenn die Zeiten schwerer werden und die Tage des Rampenlichts vorbei sind. Und diejenigen, die wohlhabend sind, können nicht so leicht auseinanderhalten, ob das Interesse mancher freundlicher Zeitgenossen wirklich ihnen gilt oder am Ende nur ihrem Geld und ihrem Einfluss. Und mancher hat vielleicht schon auf sich selbst und sein Leben geschaut und sich bange gefragt: Passiert das jetzt bei mir auch, dass Macht korrumpiert, dass Reichtum mir das Herz verdreht?

Die Unbefangenheit der dankbaren Freude über das Dasein, die hinter den Worten von Claudius steht, hat etwas Anziehendes, egal, welche gesellschaftliche Stellung wir einnehmen oder wie reich wir sind. Sie lässt uns ahnen, dass sich dahinter eine der größten gesellschaftlichen Ressourcen verbirgt, die wir haben. Und solche kraftvollen Ressourcen für ein gelingendes Leben“, die in den alten Worten von Matthias Claudius zum Ausdruck kommen, haben nichts von ihrer Aktualität verloren. Es spricht viel dafür, dass sie aktueller denn je sind. „Ich danke Gott und freue mich“ – warum spüren wir manchmal so wenig von diesem Gefühl in einem Land, das nicht nur zu den wohlhabendsten Ländern der Erde gehört, sondern das auch in einem ungewöhnlich hohen Maß Merkmale aufweist, nach denen sich viele Menschen auf dieser Erde sehnen: soziale Sicherheit, eine trotz aller ökologischen Herausforderungen vergleichsweise intakte natürliche Umwelt, und vor allem: nicht Chaos und den Triumph des Stärkeren, sondern die Herrschaft des Rechts.

„Ich danke Gott und freue mich“ – die Haltung, die als Quelle hinter diesem Satz steht, empfinden manche heute als altmodisch – jedenfalls dann, wenn wir das althergebrachte Wort dafür verwenden: „Frömmigkeit“ – so hat man diese Haltung traditionell genannt. Heute sagt man lieber „Spiritualität“. Ich halte mich daran bewusst nicht, wenn ich sage: Frömmigkeit ist gerade heute ein Zukunftsmodell.

Im Kern ist damit eine innere Haltung gemeint, die Gott mehr zutraut als sich selbst, die ein Gespür dafür hat, dass alle Selbstoptimierung ihre heilsame Grenze findet und aufgehoben wird in dem tiefen Vertrauen auf Gott. Fromm sein hat mit jener Weisheit zu tun, die die eigenen Grenzen erkennt, die die Seele mit Gelassenheit füllt und das Erkennen mit Liebe. Unsere Welt braucht Menschen, die von der Güte Gottes wissen, die von der Barmherzigkeit reden, die aus der Dankbarkeit leben.

III. Frömmigkeit des Einzelnen

Frömmigkeit ist die heute weit unterschätzte Quelle einer Lebenshaltung, die sich eigentlich viele wünschen, zu der sie sich aber nicht in der Lage sehen.

Denn was uns wirklich verändert, sind nicht gute Ratschläge oder konsequent verfolgte Lebenspläne. Was uns verändert ist ein offenes Herz für die Gnade Gottes und eine Praxis, die dem Ausdruck verleiht. Worte aus der Bibel, diesem wunderbaren alten und in bestimmter Hinsicht so unglaublich modernen Buch haben dafür eine besondere Kraft. „Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ [4] – Der Psalm 103 lässt dankbar werden, wo er unser Herz erreicht. „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ [5] – Wer dieses Gebet Jesu regelmäßig nachspricht, weiß, wie er immer wieder die notwendige Selbstdistanz gewinnen kann. „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein [..].“ [6] „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.“ [7] ... Und „ihr Mund wird voll Lachens sein.“ [8] – Wer diese Sätze der Bibel mitsprechen kann, wird selbst angesichts der schlimmsten Gewalt nicht die Hoffnung verlieren. Weil er weiß: das, was wir jetzt sehen, ist nicht das letzte Wort.

Dankbarkeit, Selbstdistanz und Hoffnung sind Türöffner für ein im besten Sinne frommes, eben erfülltes Leben. Aber man kann es sich nicht kaufen. Und es ist auch nicht mit einem Schnellkurs „Wie werde ich glücklich“ zu haben. Es erfordert eine gelebte Praxis, die ihre Zeit braucht. Die alte Tradition des christlichen Glaubens, die die Kirche über zwei Jahrtausende weitergegeben und immer wieder neu interpretiert und dadurch neu aufgeschlossen hat, ist Grundlage für eine solche Praxis. In einer religiös und weltanschaulich pluralen Gesellschaft nicht die einzige. Aber, das mögen Sie einem Bischof zu sagen erlauben, eine besonders starke.

Frömmigkeit und das damit verbundene Gottvertrauen ist zu einer der produktivsten Kräfte der Veränderung geworden, die wir kennen:
Denn Menschen, die aus Gottvertrauen leben, engagieren sich für Flüchtlinge, weil der Herr, an den sie glauben, selbst ein Fremder gewesen ist.
Menschen, die aus Gottvertrauen leben, stehen an der Seite der Schwachen, weil die biblische Option für die Armen zu den grundlegendsten Traditionen ihres christlichen Glaubens gehört.
Menschen, die aus Gottvertrauen leben, streiten für die ökologische Neuorientierung von Wirtschaft und Gesellschaft, weil ihr Bekenntnis zu Gott als dem Schöpfer des Himmels und der Erden klare Konsequenzen für den Umgang mit der Natur hat.

Menschen, die aus Gottvertrauen leben, hören auf, sich im Lehnstuhl zurückzulehnen und aus sicherer Warte nur Kritik zu üben, sondern sie mischen sich ein in die aktive Gestaltung von Politik und übernehmen damit Verantwortung, weil sie wissen, dass Gott in der ganzen Welt wirkt und nicht nur in einem religiös besonders qualifizierten Spezialbereich.

Und das vielleicht Wichtigste angesichts der Komplexität der Herausforderungen: Menschen, die aus Gottvertrauen leben, leben aus der Hoffnung. Sie stumpfen nicht ab, sondern lassen sich das Leid der Welt nahegehen. Aber gleichzeitig lassen sie sich nicht lähmen vom Leid, weil sie an einen Herrn glauben, der als Folteropfer am Kreuz gestorben und dann auferstanden ist.

IV. Konsequenzen für die Gesellschaft

Ich bin davon überzeugt, dass Frömmigkeit und Dankbarkeit nicht nur eine große Kraft für jeden Einzelnen haben. Sie haben auch eine große Kraft für die Gesellschaft als ganze.

Denn eine Gesellschaft, die aus der Dankbarkeit lebt, ist auch eine soziale Gesellschaft, die für die Schwachen einsteht. Sie weiß, was sie denen schuldig ist, die weniger gesegnet sind. Wer sein eigenes Leben, alles was er ist und hat, nicht vorrangig als das wohlverdiente Ergebnis der eigenen Anstrengungen versteht, sondern auch und vor allem als unverdienten Segen Gottes, der teilt, was er hat.

Ein Feld, auf dem sich diese Einsicht gegenwärtig besonders zu bewähren hat, ist der Umgang mit schwerstkranken und sterbenden Menschen. Ich bin sehr dankbar, dass die Frage der Begleitung und Unterstützung dieser besonders verletzlichen Menschen mittlerweile eine so breite Aufmerksamkeit erfährt. Es ist gut, dass es einen breiten Konsens darüber gibt, dass wir als Gesellschaft genügend Geld in die Hand nehmen müssen, um Menschen am Lebensende durch gute palliativmedizinische und seelische Betreuung ein würdiges Sterben zu ermöglichen. Unabhängig davon, zu welchem Gesetz die heute im Bundestag geführte Debatte um die Sterbehilfe am Ende führt, kann das schon jetzt als Erfolg dieser Debatte festgehalten werden. In vielen Veranstaltungen, in den Medien, in den Landesparlamenten und nicht zuletzt im Deutschen Bundestag erleben wir eine fundierte und ernsthafte gesellschaftliche Auseinandersetzung, die von gegenseitigem Respekt geprägt ist. Die Kirchen treten aus tiefer christlicher Überzeugung für eine Kultur der Lebensbejahung und Lebensförderung ein. Deswegen beziehen wir in dieser Debatte auch Position und treten für ein klares gesetzliches Zeichen gegen geschäftsmäßig angebotene Beihilfe zum Suizid ein. Das Tötungstabu in unserer Gesellschaft darf nicht aufgeweicht werden. Wir müssen verhindern, dass alte Menschen irgendwann unter einen subtilen sozialen Druck geraten, um Beihilfe zur Beendigung ihres Lebens zu bitten. Ich möchte, dass niemals ein Mensch in diesem Land das Gefühl bekommt, sich dafür rechtfertigen zu müssen, dass er noch leben will! Die Mittel dafür zur Verfügung zu stellen, dass das nie passiert, ist auch Ausdruck der Dankbarkeit gegenüber Lebensleistung alter Menschen.

Nicht nur die Dankbarkeit ist für die Gesellschaft von besonderer Bedeutung, sondern auch die Selbstdistanz. Eine Gesellschaft, für die Selbstdistanz ein prägendes Merkmal ist, ist eine fehlerfreundliche Gesellschaft. Sie erkennt ihre Fehler und lernt daraus. Dass Deutschland sich der Schuld in der Zeit des Nationalsozialismus gestellt hat und eine Erinnerungskultur entwickelt hat, deren wichtigstes Merkmal die Selbstdistanz ist, kann als die vielleicht wichtigste Quelle des Ansehens gesehen werden, das unser Land heute in der Welt genießt. Der eigenen Sünde ins Gesicht zu sehen, ist ein Türöffner in die Freiheit, vielleicht der wichtigste. Für die Wahrheit dieser theologisch grundlegenden Einsicht gibt es gute empirische Gründe. Die Entwicklung der Fähigkeit zur Selbstdistanz hat unserem Land gut getan.

Und schließlich die Hoffnung: Eine Gesellschaft, die das Hoffen auch in schwieriger Zeit nicht verlernt, behält die Kraft zum Handeln. Wer resigniert, gibt der Aussichtslosigkeit Recht. Nur wer hofft, entwickelt die Kraft zur Veränderung. Wer in den letzten Jahren die Vorhersagen der Klimawissenschaftler wahrgenommen hat, wer von der Trägheit der Reaktion der Natur auf jetzt getroffene Maßnahmen weiß, der konnte schon ein Ohnmachtsgefühl gegenüber der heraufziehenden Klimakatastrophe entwickeln. Aber viele Menschen haben die Hoffnung nicht verloren. Die Zivilgesellschaft hat die Politik wieder und wieder zur Verantwortung gerufen. Und die Politik hat ihre Stärke dadurch bewiesen, dass sie zugehört hat. Die Vision einer Weltwirtschaft, die ohne fossile Brennstoffe auskommt, ist in den Gipfelerklärungen der mächtigsten Staaten angekommen. Es könnte sein, dass man später auf den Gipfel von Elmau als historischen Gipfel schaut. Dazu muss noch viel passieren. Die eigenen Hausaufgaben müssen gemacht werden. Andere Staaten müssen überzeugt werden. Aber die Tür ist jetzt offen. Für Ihren persönlichen Einsatz in dieser Sache möchte ich Ihnen, liebe Frau Bundeskanzlerin, an dieser Stelle ausdrücklich danken und wünsche Ihnen viel Kraft und Durchsetzungsvermögen bei der Umsetzung. Wir werden Sie dabei, wo nötig, kritisch begleiten, aber Ihnen auch Rückenwind geben, wo Sie das Notwendige gegen starke Widerstände durchzusetzen haben werden.

Wenn wir uns in diesen Tagen die Frage stellen, welche Tugenden für unser Handeln im Umgang mit der Griechenlandkrise am wichtigsten sind, dann könnten es genau diese drei sein: Dankbarkeit, Selbstdistanz und Hoffnung.

Dankbarkeit, weil wir nie vergessen dürfen, wie kostbar das Friedensprojekt Europa ist, welche Riesenerrungenschaft es ist, dass Völker, die früher gegeneinander gekämpft haben, jetzt Freunde geworden sind und zusammenarbeiten. Wer sich klar macht, welch unermessliche materielle und menschliche Kosten Krieg, Hass und Gewalt verursachen, der wird auch viel Geld dafür zu investieren bereit sein, um das Friedensprojekt Europa zu retten.

Selbstdistanz, weil gerade dann, wenn es so viele gute Gründe gibt, den Kopf zu schütteln über die anderen, die beste Zeit ist, über die eigenen Defizite nachzudenken. Haben wir in unserem berechtigten Beharren auf Veränderungen wirklich verstanden, wie hart bestimmte Maßnahmen in Griechenland gerade die Schwachen treffen?

Hoffnung, weil alle Frustration über das Verhalten einer bestimmten Regierung nie dazu führen darf, dass das Volk, das sie gewählt hat, fallen gelassen wird. Es ist deswegen richtig, zu betonen, dass die Tür nie zu ist, und damit zu rechnen, dass Lernerfahrungen auch Verhalten verändern und zu neuen Wegen des Umgangs mit der Krise führen können. Was jetzt gefragt ist, ist eine kluge Mischung aus Pragmatik, fachlich solide fundierter Einschätzung der Steuerungswirkungen der zur Debatte stehenden Maßnahmen und einer klaren Wertebindung, die sich an der Verantwortung für die Schwachen orientiert. Wenn diese drei Faktoren berücksichtigt werden, dann könnte Europa stärker aus dieser Krise herausgehen, als es hereingegangen ist.

V. Schluss

„Ich danke Gott und freue mich“ – ja, diesen Satz dürfen wir in unruhigen Zeiten sagen! Denn die Kraft zum Handeln in solchen Zeiten, kommt nicht aus der Verzagtheit, sondern aus der Freude und Dankbarkeit über die eigene Existenz und die Gemeinschaft mit den anderen. Wer sich des eigenen Reichtums bewusst ist, kann auch am meisten geben. Wenn wir uns am heutigen Abend an gutem Essen und Trinken freuen, dann sind wir uns dieser Verantwortung bewusst, aber dann können wir uns auch daran freuen.

Ich wünsche uns nun gute Begegnungen. Schön, dass Sie da sind! Lasst uns den Abend miteinander genießen und uns aneinander freuen – und genau darin Gott danken.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!


Fußnoten

  1. Vgl. Jürgen Kaube, Matthias Claudius. Vor lauter Schreiben kam er zu keinem Werk, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21.1.2015 (www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/martin-gecks-biografie-ueber-matthias-claudius-13381451.html; aufgerufen am 28.5.2015).
  2. Matthias Claudius, „Ich danke Gott und freue mich“ (1777), zitiert nach: Martin Geck, Matthias Claudius. Biographie eines Unzeitgemäßen, München: Siedler 2014, S. 118.
  3. Ebenda.
  4. Psalm 103, Vers 2.
  5. Matthäusevangelium, Kapitel 6, Vers 12.
  6. Offenbarung, Kapitel 21, Vers 4.
  7. Psalm 126, Vers 5.
  8. Vgl. Psalm 126, Vers 2.