Grußwort zur Eröffnungsveranstaltung zur nationalen Kommunikationskampagne „Am Anfang war das Wort“, Berlin

Stephan Dorgerloh, Kultusminister und Lenkungsausschussvorsitzender

27. Oktober 2011

Es gilt das gesprochene Wort.

Wie und wodurch spricht uns heute die Reformation an?
Ich behaupte: Der Thesenanschlag Martin Luthers 1517 ist das historische Bild für die Zivilgesellschaft in Deutschland. Es ging um die Zweifel des Einzelnen – um das individuelle Gewissen. Aber schnell wurde deutlich; es ging auch um den öffentlichen Diskurs, um das gelehrte Diskutieren, um die Teilhabe und nicht zuletzt um die Deutungshoheit.

Luther als erster Wutbürger? Sie merken, das wird der historischen Dimension nicht gerecht. Und doch: Dieser Bettelmönch stellte sein Wort, das er aus der Bibel gewann, gegen die kirchliche Obrigkeit – und löste eine Revolution aus, die nicht nur die Kirchen, sondern die gesamte Gesellschaft von Grund auf reformierte.

„Am Anfang war das Wort.“ Das berührt heute noch und ist hochaktuell. Damals war das geschriebene Wort das Medium der Kommunikation. Für die Reformation war die Erfindung des Buchdrucks die Schlüsseltechnologie: Worte konnten beliebig vervielfältigt und buchstäblich in die Welt gesetzt werden. „Ohne Buchdruck keine Reformation“, so hat der Kirchenhistoriker Bernd Moeller die zentrale Bedeutung des Buches für die Verbreitung der reformatorischen Ideen zusammengefasst und sogar von der Reformation als „Buch-Ereignis“ gesprochen. Darum soll heute mit einem ,Buch-Ereignis’ an die Wirkungskraft der Reformation erinnert werden. Luthers Zeitgenossen kommentierten die schnelle Verbreitung der Reformation so: „Es war, als ob die Engel selbst die Botenläufer waren.“ Die Botenläufer von 2011 sind das Internet und ganz besonders alle aktiven Büchertauscher. 500 Jahre später ist es das Internet, das unsere Wörter in Echtzeit hinaus in alle Welt trägt und vervielfältigt. Das Internet ist das neue Medium des Diskurses, der öffentlichen Meinungsbildung und steht neu für eine Form der Partizipation.

Das geschriebene Wort und das Internet – ein Zeitsprung von 500 Jahren und doch gibt es eine frappierende innere Linienführung: Hinter mir stehen 18 Bücherregale, gefüllt mit 500 Büchern. Die Bücher sind mit Blick auf das Thema „Reformation“ zusammengestellt. Und weil Reformation mehr als Theologie ist, sind es nicht nur theologische oder historische Abhandlungen, sondern auch Comics, Krimis, Romane, Ratgeber. Die Bücher werden in die Welt hinausgehen wie damals die Thesen und zum Diskurs über die Reformation, das Reformationsjubiläum 2017 und vor allem über die Anliegen und Botschaften Luthers einladen.

Wie genau funktioniert der Büchertausch? Unsere 18 Bücherregale werden von 18 Partnern an verschiedenen Standorten bundesweit als Büchertauschzentrale aufgestellt. Damit sind die Bücher für alle Bürgerinnen und Bürger frei zugänglich.

Auf der Büchertauschplattform www.bookcrossing.com sind die Bücher im Internet aufgelistet und die Aktion genauer beschrieben.

Heute nur so viel: Jedes einzelne Buch ist im Netz mit einer Identifikationsnummer registriert. Die Plattform macht es möglich, das ausgewählte Buch auf der Seite zu bewerten und es danach wieder „freizulassen“ – so heißt es im Jargon der Büchertauscher. So wird sichtbar, wo sich das Buch gerade befindet. Und wir können lesen, zu welchen Gedanken und Äußerungen zum Reformationsjubiläum es anregt – auch das impliziert die heute eröffnete Dachmarkenkampagne „Am Anfang war das Wort“.

Was als Initiative Sachsen-Anhalts begann, ist inzwischen nicht mehr nur ein mitteldeutsches, sondern ein bundesweites Projekt geworden. In den Gremien zur Vorbereitung des Reformationsjubiläums 2017 spiegelt sich dies wider: Bund, Länder, Regionen, Kommunen, kulturelle und wissenschaftliche Einrichtungen, Kirchengemeinden, Tourismusverbände u.v.m. bringen sich ein in die Vorbereitungen dieses Ereignisses von Weltbedeutung.

Für das Jubiläum 2017 gilt besonders, dass die Reformation nicht uns Deutschen gehört. Sie war und ist eine weltweite Bewegung. 2017 werden wir darauf vorbereitet sein, für die Gäste aus aller Welt ein guter Gastgeber zu sein. Die Kampagne, die wir heute starten, ist auch deshalb eine Dachkampagne. Wir bieten ein organisatorisches und konzeptionelles Dach für alle Aktionen, Initiativen und Bemühungen zum Jubiläum 2017.

Öffentliche Teilhabe und zivilgesellschaftlicher Diskurs sind wichtige Stichworte und zugleich Aufgaben für die Jahre bis 2017. Es ist nicht Ziel, von staatlicher oder kirchlicher Seite zentral vorzugeben, zu
bestimmen, wie die Reformation zu bewerten und das Jahr 2017 zu würdigen sind. Wir haben die Themenjahre der Lutherdekade auch deshalb ins Leben gerufen, um alle Facetten der Reformation – die zur
Aufklärung hinführenden und freudigen, aber eben auch die schwierigen und schmerzvollen – in der Vorbereitung zu bedenken.

Zu dieser öffentlichen Teilhabe, zu einem breiten Diskurs in der Zivilgesellschaft möchte ich hiermit in meiner Funktion als Vorsitzender des Lenkungsausschusses aufrufen – getreu dem Motto: „Am Anfang
war das Wort“.