Grußwort zur Verabschiedung von Hermann Barth und zru Einführung von Hans Ulrich Anke, Thies Gundlach und Christoph Thiele

Katrin Göring-Eckardt

02. Dezember 2010

Freiheit, die wir den „Neuen“, denen die anfangen, wünschen, hat Hermann Barth jetzt quasi von selbst, faktisch. Als er hier als Präsident anfing, hat Barbara Rinke ihm ein Psalmwort mit auf den Weg gegeben: Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch (Ps 68,20). Manche Last nimmt Hermann Barth mit. Manche lässt er aber auch da. Ob ihn das nun zu manchem erleichtertem Sprung animiert? 

Wohin gesprungen werden könnte, ist verschiedentlich gesagt: Nach Schottland, zu den zu schreibenden und zu lesenden Büchern, zu den Freunden, die getroffen werden wollen, zum Pfälzer Haus, das bewohnt werden will.

Einige Last bleibt da. Es sind Hinter-Lassenschaften. Das, was da gelassen wird und auch losgelassen. Manches von dem liegt offen herum, man kennt es quasi in und auswendig. Die Frage ist eigentlich im Zweifel nur, wer das Gelassene zu sich nimmt und auf seinen Schreibtisch trägt und nicht mehr los lässt.

Anderes wird erst nach und nach sichtbar. Das ist vielleicht ein wenig wie mit dem Wanderrucksack, den mein Sohn zwar ausgepackt hat, aber der wochenlang den Weg zum Dachboden nicht schaffte, obwohl er mehrfach täglich passiert werden musste. Der steht immer und immer noch da…

An mancher Stelle wird man wohl nicht umhin kommen, dich anzurufen, zu fragen, wie dies und jenes gemeint war und ganz sicher eben auch um Rat fragen. Das Wichtigste sind aber vielleicht die Hinter-Lassenschaften, die nicht zu sehen sind, im Moment. Ich glaube, da ist manches Schatzkästchen an Stellen deponiert, die niemand kennt, über die man aber doch stolpern wird, beim Suchen nach irgendetwas, vermeintlich ganz anderen. Solches Finden wird dann wohl nicht nur große Erleichterung, sondern auch große Erleuchtung bringen….Auch dafür, wie für so vieles andere unendlichen Dank!

Und nun zu denen, die heute Neues beginnen. Vom Generationswechsel ist geschrieben worden und ja, wir sind dabei weiterzugeben. Es gibt da derzeit keine Anzeichen von Revolution, noch von Revolte. Vielleicht eher ein sanfte Übergang, aber das ist ja gar nicht das Schlimmste. Ob daraus im Rückblick eine samtene Revolution wird, wie damals in Prag, die Überkommenes verwirft und Mauern einreißt, das wird erst im Nachhinein zu bemerken sein.

Reform allerding schon. Aber wie und wohin, wenn wir ehrlich sind, müssen wir sagen: genau wissen wir es noch nicht. Wir kennen Abläufe, Vorgänge, Kreisläufe, Jahreskreise, Ereignisse. Wir wissen: es geht um das Evangelium, aber wie?

  1. Wie sagen wir es so, dass wir gehört und verstanden werden, so, dass man Vater und Mutter verlassen und uns nachlaufen will? Wie sagen wir es in einer Welt, in der Statements, die Verbreitung finden sollen, nicht länger als 1 Min 30 Sek sein dürfen? Jede Generation hat ja ihre Form und Sprache, vielleicht ist diese neue ja eine, die Laut geben, zuspitzen muss, die tatsächlich ab und an eine Welle machen muss?
  2. Wie sagen wir es so, dass Licht in die Welt kommt, dass die Ecken ausgeleuchtet werden, in die sonst keiner schaut, vor allem Licht, wie das von der abgeschafften Glühlampe – hell und warm, erleuchtend und umhüllend zugleich.
  3. Wie suchen wir Gott, wir Jüngeren? Ist uns erst einmal die Einsicht gemeinsam, dass Gott sich womöglich versteckt hat? Suchen wir ihn in Mitgliedschaftsprognosen, Taufzahlen und Staatsleistungen? Suchen wir Gott an ganz anderen Orten, in einem ganz anderen Leben? Oder geht es uns wie den beiden, die sich aufmachten, um Gott zu suchen und als ihnen endlich jemand den letztgültigen Hinweis gab, doch vor der eigenen Tür standen, nur war es drinnen kalt und dunkel?
  4. Wie gelingt es uns, die Zärtlichkeit Gottes in die Welt zu tragen? Sind wir Ort für die Sehnsucht nach Heimat, Verortung, Spiritualität? Reden wir genug und gut genug und ausreichend laut von dem Gott, der uns die Hand hält, der den Kopf streichelt, der uns fest im Arm hält, wenn wir sorgend zittern? Reden wir froh genug über den Gott, der uns umhüllt wie ein wärmender Mantel?
  5. Reden wir, ganz einfach, überhaupt genug von Gott?

Jetzt könnte man Geschichten erzählen über die Neuen. Über ausreichende Zeiterfassung während der Fußball-WM, über allgemeines Amtsentsetzen über – zumindest in der Zuschreibung – wilde Motorradurlaube. Ich könnte Geschichten zitieren; die von dem Abt, zum Beispiel, der von einem Vorübergehenden dafür gelobt wird, dass die Brüder ein neues Kloster bauen und der dann beschied, dass man das Alte abreiße, damit man morgens den Sonnenaufgang sehen kann. Oder die von dem kleinen Prinzen und dem Händler, der Pillen verkauft, damit man die Zeit spart, die man zum Trinken braucht, und der kleine Prinz dann sagt, in der gewonnenen Zeit würde er dann gern gemütlich zum Brunnen gehen.

Ich habe mich für Rainer Maria Rilke entschieden: „…und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages die Antworten.“

Und dann ist gestern ein wundervolles neues Bild dafür entstanden, wie es in der Praxis geht: chilirot, Sportversion, Beschleunigung von 0 auf 100 in 7 Sekunden, 184 PS und fast vorbildliche 136g CO2-Emmision. Mitten in der Reihe der dunklen schweren Kirchenamtswagen steht seit gestern ein kleiner feiner Minicooper und sein Nutzer ist der gerade eingeführte theologische Vizepräsident. Kaum ist der alte Präsident aus dem Kirchenamt geschieden, da brechen rasend schnelle, beschleunigte Zeiten an? Das könnte man so denken, gäbe es da nicht die kleine Tatsache, dass der erste Fahrgast, den Thies Gundlach in seinem tageweise von der Abteilung geschenktem Minicooper mitnahm, niemand anderes war als Hermann Barth. Dieses Bild, meine lieben Schwestern und Brüder, das gefällt mir ausgesprochen gut für das Kirchenamt. Das Kirchenamt als der rote Sportwagen, der auffällt, aber nicht protzig ist. Der Sprit spart und dennoch genug Kraft hat, um lange Strecken zu überwinden und notfalls auch mal schnell in eine Richtung spurten kann. Das aber nicht, ohne die Erfahrung derer mitzunehmen, die schon eine lange Zeit für unsere Kirche Verantwortung getragen haben und tragen. Zwei passen, glaube ich, ganz gut rein in den Mini, und wenn Bruder Thiele sich quer setzt, könnte er aus der zweiten Reihe wohl noch gut helfende Hinweise geben. Und ich freue mich, wenn ihr fröhlich losfahrt, und: wir, eure Kirche, freuen uns auf euch!