„Du sollst deines Glaubens leben und, was gerade ist, nicht krumm machen“ - Grußwort bei der Tagung der pfälzischen Landessynode

Hermann Barth

19. November 2010

Anrede

Ich überbringe Ihnen herzliche Grüße und Wünsche aus der EKD: zum ersten des Präsidiums der Synode, namentlich der Frau Präses, zum zweiten des Rates, namentlich des neu gewählten Vorsitzenden, Nikolaus Schneider.

Für mich persönlich schließt sich mit dem heutigen Besuch bei der pfälzischen Landessynode ein Kreis. Vor vierzig Jahren legte ich vor der Prüfungskommission der Pfälzischen Landeskirche mein Erstes Theologisches Examen ab. Dann begann mein beruflicher Weg als Theologe: Universität Hamburg, Vikariat in der Evangelisch−reformierten Kirche, Kerzenheim, Hannover. In gut zehn Tagen endet mein aktiver Dienst.

Ich habe mir auf meiner Nord-Süd-Pendelmission, die mich abwechselnd Lutheraner, Reformierter und Unierter werden ließ, meine pfälzische Identität – kulinarisch, sprachlich, theologisch – bewahrt und mich − vielleicht abgesehen von ihrer verbissenen Distanz  zum Reformprozess − als ein defensor ecclesiae Palatinae, zu Deutsch: als ein „Verteidiger der pfälzischen Kirche“, verstanden. Dabei empfand ich es stets als eine heikle Sache, aus Überzeugung dazu zu stehen, dass die pfälzische Union ein Kind der Aufklärung ist. Die klangvollen Formulierungen der Unionsurkunde sind jedem rechten pfälzischen Protestanten im Ohr: Es gehöre "zum innersten und heiligsten Wesen des Protestantismus ..., immerfort auf der Bahn wohlgeprüfter Wahrheit und echtreligiöser Aufklärung mit ungestörter Glaubensfreiheit muthig voranzuschreiten." Ohne den Ton einer gewissen Vergleichgültigung dogmatischer Streitfragen wäre die Union nicht erfolgreich zustande gekommen. In den Jahren, in denen ich Theologie studierte, galt das nicht als Ruhmesblatt. Insofern habe ich, wenn es um die pfälzische Bekenntnisunion ging, meist den Mund verschlossen gehalten und den Kopf eingezogen. Erst am Ende meines beruflichen Weges habe ich einen Zugang zur Aufklärungstheologie gefunden, der es mir erlaubt, mich nicht mehr weg zu ducken, wenn die geistigen und kulturellen Wurzeln der pfälzischen Union in den Blick treten. So wird dieses Grußwort in voller Absicht zu einer Ehrenrettung des aufklärerischen Geistes und einer milden Aufklärungstheologie. Ehrenrettung ist nicht Lobhudelei. Die Defizite einer aufklärerischen Theologie liegen offen zu Tage: "Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als du dir in deiner Philosophie träumen lässt" heißt es bei Shakespeare.

Der Name, mit dem sich meine Neuorientierung vor vielen anderen verbindet, ist Johann Peter Hebel, unser badischer Nachbar, dessen Sterbeort Schwetzingen nur ein paar Kilometer von hier entfernt liegt. Besonders lebhaft scheint damals der Austausch zwischen Baden und der Pfalz nicht gewesen zu sein. In Hebels Texten jedenfalls tauchen pfälzische Orte und pfälzische Namen kaum auf – bis auf Oggersheim. Meine Großeltern väterlicherseits wie mütterlicherseits würden sich gefreut haben. Am 10. Mai dieses Jahres jährte sich Hebels Geburtstag zum 250. Male. Er ist Zeitgenosse der pfälzischen Union und ein starker Förderer der badischen Union.

Es sind vor allem Hebels Kalenderbeiträge und –geschichten, an denen die Verwurzelung seiner Theologie und Frömmigkeit in der Aufklärung anschaulich wird. Das gilt nicht zuletzt für die Erzählung unter dem Titel „Die Bekehrung“. Sie handelt von zwei Brüdern, die „miteinander in Frieden und Liebe lebten, bis einmal der jüngere lutherisch blieb und der ältere katholisch wurde“. Der Vater schickte einen der beiden in die Fremde: Frieden durch Trennung. Aber nach einigen Jahren schrieb dieser seinem Bruder einen Brief: „Bruder“, schrieb er, „es geht mir doch im Kopf herum, dass wir nicht einen Glauben haben und nicht in den nämlichen Himmel kommen sollen, vielleicht in gar keinen. Kannst du mich wieder lutherisch machen, wohl und gut, kann ich dich katholisch machen, desto besser.“ Sie verabredeten sich im „Roten Adler“ in Neuwied, und ihre gegenseitigen Bekehrungsversuche wogten hin und her. Nach sechs Wochen schrieb der jüngere einen Brief: "Bruder, deine Gründe haben mich unterdessen vollkommen überzeugt. Ich bin jetzt auch katholisch. Den Eltern ist es insofern recht. Aber dem Vater darf ich nimmer unter die Augen kommen." Da ergriff der ältere voll Schmerz und Unwillen die Feder. "'Du Kind des Zorns und der Ungnade, willst du denn mit Gewalt in die Verdammnis rennen, daß du die seligmachende Religion verleugnest? Gestrigs Tags bin ich wieder lutherisch worden.' Also hat der katholische Bruder den lutherischen bekehrt, und der lutherische hat den katholischen bekehrt, und war nachher wieder wie vorher, höchstens ein wenig schlimmer."

So endet Hebels Geschichte. Aber auf dem Fuße folgt die aufklärerische – heute würde man in der Didaktik sagen: - Ergebnissicherung:

„Merke: Du sollst nicht über die Religion grübeln und düfteln, damit du nicht deines Glaubens Kraft verlierst. Auch sollst du nicht mit Andersdenkenden darüber disputieren, am wenigsten mit solchen, die es ebenso wenig verstehen als du, noch weniger mit Gelehrten, denn die besiegen dich durch ihre Gelehrsamkeit und Kunst, nicht durch deine Überzeugung. Sondern du sollst deines Glaubens leben und, was gerade ist, nicht krumm machen.“

Mit diesen Sätzen hätte Johann Peter Hebel auch in Neustadt oder in Landau viel Zustimmung erworben. Der christliche Glaube ist im Kern etwas ganz Schlichtes, Einfaches, Gera-des. Hebels eindringlicher Rat lautet: Setzt diesen Kern nicht aufs Spiel. Hütet euch, was eure Person angeht, vor dem Grübeln und Tüfteln. Meidet den Disput mit Andersdenkenden. Und schließlich, ich kann's nicht übergehen: Am wenigsten lasst euch auf einen Disput mit Gelehrten ein; die machen alles kompliziert und wissen alles besser. Diese  Ratschläge haben samt und sonders eine klare seelsorgerliche Ausrichtung: Der Glaube verleiht einen festen Stand und ein festes Herz; das darf um keinen Preis der Welt gefährdet werden.

Was heißt das für das Nebeneinander unterschiedlicher Gestalten des Glaubens? Jede Seite soll ihres Glaubens leben und ihre Stärken zur Geltung bringen. Wir sollen uns hüten, der anderen Seite klar machen zu wollen, dass das, was sie als gerade ansieht, in Wirklichkeit krumm sei. Das ist nicht nur eine gute Regel für den Umgang miteinander in der evangelisch-katholischen Ökumene.

Man soll sich allerdings in Johann Peter Hebel nicht täuschen. Er bietet weit mehr als ein langweiliges „allen wohl und niemand weh“. Darum ist mein Hebelscher Lieblingstext, mit dem ich schließe, ein Stück über den frischen Mut zur Sache:

"Frisch gewagt, ist halb gewonnen." Daraus folgt: "Frisch gewagt, ist auch halb verloren." Das kann nicht fehlen. Deswegen sagt man auch: "Wagen gewinnt, Wagen verliert." Was muss also den Ausschlag geben? Prüfung, ob man die Kräfte habe zu dem, was man wagen will, Überlegung, wie es anzufangen sei, Benutzung der günstigen Zeit und Umstände und hintennach, wenn man sein mutiges A gesagt hat, ein besonnenes B und ein bescheidenes C. Aber so viel muß wahr bleiben: Wenn etwas Gewagtes soll unternommen werden und kann nicht anders sein, so ist ein frischer Mut zur Sache der Meister, und der muss dich durchreißen. Aber wenn du immer willst und fangst nie an oder du hast schon angefangen und es reut dich wieder und willst, wie man sagt, auf dem trockenen Lande ertrinken, guter Freund, dann ist "schlecht gewagt ganz verloren".