„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“ (Psalm 18, 30) - 2. Tag für Lehrerinnen und Lehrer in Westfalen

Nikolaus Schneider

1. Oktober 2010

Thema: Reformation und Bildung - mit Melanchthon Schwellen übertreten und über Mauern springen

Hinführung

„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“. Wer so redet, hat den Sprung bereits hinter sich. Als würde die Springerin oder der Springer, fast ein wenig überrascht, den Blick über die Schulter zurückwerfen. Tatsächlich, es ist geschafft: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ In den Worten vibriert die Erfahrung des gelungenen Sprungs nach.

Der jubelnde Ton überdeckt allerdings nicht, wo die Kraft herkommt zu solchen Sprüngen. Der Beter des Psalms, von dem dieser Satz stammt, lässt uns über seine Kraftquelle nicht im Zweifel: „Der Herr tut wohl an mir... Er streckte seine Hand aus von der Höhe und fasste mich ... Gott rüstet mich mit Kraft, und macht meine Wege ohne Tadel. Er macht meine Füße gleich den Hirschen...“(21; 17;33).

Allerdings: Dieses Hirschgefühl in den Füßen stellt sich nicht spontan ein. Diese hirschgleiche Sprungkraft hat einen Vorlauf, einen Vorlauf an Gotteserfahrung, einen Vorlauf an Lebenserfahrung mit Gott. Der gelungene Sprung über die Mauer reiht sich ein in eine Erfahrungskette. Die aufgezählte Fülle stärkender Gotteserfahrung schafft genug Rückhalt für das Vertrauen, auch künftig vor hohen Mauern nicht scheuen zu müssen.

Doch um große Sprünge machen zu können, reicht Kraft oft alleine nicht. Es bedarf auch einer Technik und Training – also nichts anderes als Bildung – um die Kraft umsetzen zu können. Schauen wir auf das Klima der bildungspolitischen Debatte in Deutschland, so zeigt sich: Es ist überwiegend rau und frostig. Das fördert Erstarrung und schränkt Bewegungsspielräume ein. Die bildungspolitische Debatte wird derzeit kontrovers und ideologisch aufgeladen geführt. Stichworte wie G8, offene oder gebundene Ganztagsschule, Inklusion oder Integration geraten in die Schlagzeilen.

Das bleibt nicht ohne Folgen: In den vergangenen Monaten gingen in Deutschland Schüler und Studenten auf die Barrikaden. Zu Zehntausenden zogen sie durch die Straßen, zogen durch Innenstädte, in Berlin vor das Rote Rathaus, und demonstrierten für bessere Lernbedingungen und gegen Studiengebühren. Mit Trommeln und Trillerpfeifen skandierten Schüler und Studenten in München, Köln, Berlin, Freiburg und vielen anderen deutschen Hochschulstädten: „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut!“ In Berlin übten Sprechchöre: „Bildung für alle, und zwar umsonst!“  Oder besser noch, aber vielleicht noch besser gleich das Übel der Bildungsungerechtigkeit am Anfang des Bildungsweges, sozusagen an der Wurzel packen. „Bildung für alle, und zwar umsonst!“ okay. Besser noch: „Reiche Eltern für alle!“
Wären alle Eltern reich, hätten alle Kinder gute Bildungschancen. Da aber nicht alle reich, sondern in wachsender Zahl Eltern arm sind, haben die einen sehr viel bessere Bildungschancen als die anderen. Das ist ungerecht. Unabhängig von ihren individuellen Potenzialen gibt es Bildungsbevorzugte und Bildungsbenachteiligte. Diese
Ungerechtigkeit schreit zum Himmel, trommelt, trillerpfeift und skandiert: „Wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut.“

Nicht nur die internationalen Bildungsstudien, auch die regelmäßig gemeinsam von Bund und Ländern vorgelegten Bildungsberichte finden in der Regel ein nahezu gleichbleibend deprimierendes Presseecho. So titelte schon 2006 die Süddeutsche Zeitung exemplarisch auch für die folgenden Jahre: „Das planmäßige Scheitern: frühe Auslese, geringe Durchlässigkeit, zahlreiche Abbrecher; zu viele Schüler bleiben auf der Strecke“. Bevor wir uns nun sprungbereit den bildungspolitischen Mauern und Hürden nähern, schlage ich angesichts des dargestellten frostigen Klimas eine Aufwärmphase vor.

I. Bodenhaftung, Trittsicherheit und Sprungkraft

Wer hoch springen will, braucht – wie geschildert - neben Kraft auch Technik  und Training. Und wie bei jedem Training, ist fachkundige Anleitung in jedem Falle zu empfehlen, ob wir nun Höhen und Tiefen, Mauern und Hürden oder auch nur Schwellen im Raum der Schule zu überwinden haben. Will man nicht scheitern und auf der Strecke bleiben, ausgebrannt und entmutigt als Lehrerin oder Lehrer, muss man gut zu Fuß sein.

Wer springen will, muss zunächst einmal trittsicher sein. „Du schaffst meinen Schritten weiten Raum, meine Knöchel wanken nicht,“ heißt es im 18. Psalm. Für solche trittsichere Bodenhaftung gibt es Vorbilder. Jesus, wenn er Menschen treffen wollte, ging zu Fuß. Es waren bekanntermaßen weite Wege, die er so zurück legte. Und die von ihm lernen wollten und mit ihm zogen, seine Jünger und Jüngerinnen, und manchmal „viel Volks“ – wie Luther übersetzt – machten es wie er. Sie folgten ihm zu Fuß.

Es ist vergleichsweise langsam und anstrengend, zu Fuß zu gehen. Man schafft nur kurze Wege. Aber das hat auch Vorteile. Wenn man unterwegs ist, unter freiem Himmel, in der Natur, dem Wetter ausgesetzt, sieht man genauer und fühlt intensiver. Nicht anders ist es, wenn man das Pflaster tritt beim bummeln in fremden Städten. Wer im Auto fährt, spürt weder die Natur, noch den Regen oder die Sonne. Er sieht auch nicht genau die Landschaften. Alles fliegt irgendwie vorbei. Wer mit dem Auto unterwegs ist, hat auch nicht soviel Kontakt zu Menschen wie ein Fußgänger. Auf diesen Kontakt zu Menschen kam es Jesus an. Diesen Kontakt hat er gesucht,. Ich vermute einmal, selbst wenn er hätte fahren können, er wäre zu Fuß gegangen. Das ist unser Glück. Denn sonst gäbe es sie alle nicht, die in den Evangelien gesammelten interessanten und instruktiven Geschichten, die auf dem Wege geschehen sind.

Wege zu gehen, um Bewegung anzustoßen, mit dieser Praxis blieb Jesus nicht allein. Andere sind ihm darin gefolgt. Ein Musterbeispiel dafür ist Philipp Melanchthon. Auch er machte sich auf den Weg, Menschen aufzusuchen, Schwellen zu überschreiten und Bewegungen anzustoßen. Verbunden mit einer immensen Reisetätigkeit übte Melanchthon eine in seiner Zeit einmalige Berater- und Gutachtertätigkeit bei Schul- und Universitätsgründungen aus. Ein Drittel seiner Lebenszeit, so hat man ausgerechnet, war er unterwegs. Man sieht ihn nicht nur auf Reichstagen und bei Religionsgesprächen. Er ist weit mehr beschäftigt mit Visitationen von Kirchengemeinden und dem Besuch von Schulen. Auf diese für ihn typische Weise nahm er die Bildungslandschaft unter den Pflug. Damit Bildung reformatorische Kraft entfalten konnte, war viel zu tun. Nicht nur das politische Debattenfeld, sondern ganz besonders auch die Schule wurde ein Ort der Nagelprobe auf die Tragfähigkeit jeder Reformidee. Darum reiste er, überwand Hürden, schritt über Schwellen und fasste Fuß im Raum der Schule. Das war das Geheimnis seiner Wirksamkeit.

Die evangelische Kirche von Westfalen stellt sich mit dem Tag für Lehrerinnen und Lehrer, in diese reformatorische Tradition. Das Programm ist wie eine Wanderkarte mit Einladungen an verschiedene Orte, an denen sich alles um Schule dreht. Das Programm ist eine Einladung zu Gedankenspaziergängen mit dem Ziel, klarer zu sehen und Klartext reden zu können. Ob Gedankenspaziergänge allerdings unseren Horizont erweitern und wir am Ende klüger sind als am Anfang, hängt nicht zuletzt von unseren Weggefährten ab. Ihre bisweilen ganz anderen Gesichtspunkte können unsere Standpunkte ins Wanken bringen. Ihr oft ganz anderer Blickwinkel kann auch uns zu neuen Einsichten bringen. Und je behutsamer und einfühlsamer sie uns die Augen für Alternativen öffnen, desto bereitwilliger lassen wir uns von ihnen ein Licht aufsetzen.

Unser Weggefährte heute Morgen soll Philipp Melanchthon sein. Dieser besondere Reformator, dessen 450. Todestag wir in diesem Jahr begangen haben. Martin Luther selbst hat das Besondere an ihm auf den Punkt gebracht: Ein Jahr vor dem Augsburger Reichstag schrieb er in einem Vorwort zu Melanchthons Kommentar des Kolosserbriefes: „Ich muss die Klötze und Stämme ausrotten, Dornen und Hecken weghauen, die Pfützen ausfüllen, und bin der grobe Waldrechter, der die Bahn brechen und zurichten muss. Aber Magister Philipps fähret säuberlich und stille daher, bauet und pflanzet, säet und begeußt mit Lust, nachdem Gott ihm hat gegeben seine Gaben reichlich.“

Dieses säuberliche und stille Daherfahren könnte uns allerdings daran zweifeln lassen, ob Melanchthon sich für uns als Trainer eignet, wenn es um Hürdenläufe in der Bildungslandschaft geht. Als Voraussetzung für große Sprünge bescheinigt Martin Luther seinem Freund Philipp nicht gerade die Begabung für energiegeladene Anläufe und kraftvolles Abspringen. Es ist ein zwiespältiges Understatement wenn er von sich sagt, „so sanft und leise nicht treten“ zu können wie sein Weg- und Kampfgefährte. In der Tat, sanft uns leise zu treten war Luthers Sache nicht. Aber dass wir uns nicht über Melanchthon täuschen. Seine reformfreudige Kraft steckte in einem eher unscheinbaren Körper, für heroische Auftritte denkbar ungeeignet. Nicht nur die Leute in Wittenberg haben sich zunächst gewundert. Zwar hat man längst von ihm gehört. Sein wissenschaftlicher Ruf eilte ihm voraus. Aber sein Auftreten enttäuscht. Er misst kaum mehr als eins fünfundfünfzig. Für manchen war das Knabenmaß. Der Gedanke drängt sich auf, als sollte Melanchthon auch körperlich darstellen, worum es ihm ging in seiner Lebensleistung als „Lehrer Deutschlands“, nämlich, dass pädagogisches Handeln glühen soll aus der Begeisterung für die Sache der Bildung und der Liebe zu den Menschen. Da hat die Person nicht kraftprotzend und wichtigtuerisch dazwischen zu treten.
Melanchthon war ein fesselnder Redner. Er war der Star unter den Professoren in Wittenberg. 600 Studenten besuchten seine Vorlesungen – deutlich mehr als die Luthers. Melanchthon wusste nicht durch äußerliches Auftreten, sondern durch überzeugende Argumentation, bildhafte Rede und eine umfassende Gelehrsamkeit zu überzeugen.
 
II. Bildungsreform und Bildungsziele

Gute Schulen brauchen gute Lehrerinnen und gute Lehrer. Das war schon Melanchthon klar. Und das ist bis heute unbestritten. Die große Zahl der Studierenden, die er anzog, nahmen nicht nur die Inhalte, sie nahmen auch seine Art zu lehren, sie nahmen auch seine Methoden mit bis weit in den europäischen Raum hinein. Bisweilen waren an seinem gastfreien Tisch 11 Sprachen zu hören, wie er einem Freunde brieflich mitteilt. Man muss sich die Dimensionen deutlich machen: Auf die 4000 Einwohner Wittenbergs kamen 2000 Studenten. Nach damaligem Maßstab wurden sie ausgebildet als Absolventen einer Reformuniversität. Das war ein Fundus an gelehrtem Nachwuchs, der seinesgleichen suchte. So wurden Personalfragen für Melanchthon eine Herzensangelegenheit. Die schier unübersehbare Zahl seiner Empfehlungsschreiben zur Besetzung von Pfarrstellen und Lehrerstellen sprechen eine deutliche Sprache.

Aber wie nun sollen die ausgebildet werden, die später selber bilden? Der Reformbedarf zu Melanchthons Zeiten findet sich anschaulich illustriert. Die Szene, dargestellt in einem Pädagogikhandbuch aus Melanchthons Schülertagen, ist leicht beschrieben. Im Vordergrund des Bildes sieht man eine kleine Schülergruppe klar geteilt. Rechts die guten Schüler, links die schlechten. Man erkennt es auf den ersten Blick an der Schrift auf ihren Tafeln. Hier stehen die Buchstaben in Reih und Glied, dort purzeln sie nachlässig durcheinander. Doch es ist nicht nur die krumme Schrift. Die schlechten Schüler machen Fehler. Die guten nicht. Hier gibt es nur richtig und falsch! Dass dieses Urteil leicht zu fällen ist, liegt am Gegenstand des Unterrichts. Worum es geht bei diesem Unterricht ist gut erkennbar an der Figur, die über der Szene thront. Würdevoll in Richterpose ist es die Grammatik, die hier im Regimente sitzt. Als Praxishilfe für die niedrigen Lateinschulen sorgsam gezeichnet und dekorativ koloriert, findet auch die stockschwingende, offenbar unverzichtbare harte Pädagogenhand ihren bildhaften Ausdruck. Der Gebrauch der Rute in der Schulstube war drakonisch.

Auch für  Melanchthon war kein Bildungsweg gangbar ohne Sprachkompetenz und Sprachfähigkeit. Und eigenverantwortlich sollte jede und jeder sagen können, was sie oder er glaubt. Aber die in den Lateinschulen üblichen Erziehungsmittel überzeugten ihn keinesfalls. Auf der erwähnten kolorierten Federzeichnung hält die gerecht richtende Grammatik die pädagogischen Hilfsmittel in der Hand, die strafende Rute in der linken, einen langen Honiglöffel in der rechten. Honig und Rute: für jemanden, dessen Herz für Sprachkompetenz und Sprachfähigkeit brannte, war eine solche Pädagogik viel zu äußerlich und viel zu flüchtig. Ob nun mit Honiglächeln oder Schmerzensmine diese Hürde genommen werden sollte, für Melanchthon fehlte das Entscheidende. Es fehlte ihm ein Ziel, das lockt und eine Erfahrung, die motiviert. Die lockende und beglückende Süße, die das Lernen antreibt, war für ihn von anderer Art. Für seine Sicht der Dinge warb er schon 1518 mit den Worten: „Wenn wir unseren forschenden Geist ganz auf die Quellen gerichtet haben, werden wir anfangen, Christus zu begreifen, sein Auftrag wird uns klar werden, und wir werden von jener beglückenden Süße göttlicher Weisheit ganz erfüllt werden.“ Damit orientierte er die Pädagogik auf ein Ziel, das jeden anzieht, der sich auf diesen Bildungsweg begibt, ein Weg, sich ständig selbst zu überschreiten – auf Christus hin, sich seinem Vorbild anzunähern. Darin war er sich mit Luther einig, dass die entschiedene Zuwendung zu den biblischen Grundlagen Orientierung gibt bei der Neuordnung nicht nur der kirchlichen Verhältnisse: „Wenn wir den Geist zu den Quellen leiten, werden wir beginnen Christus zu verstehen, sein Gebot wird uns aufleuchten!“ Melanchthons Botschaft hieß: Leben ist Lernen. Seine Ordnungsvorstellung richten sich aus an diesem Gebot Christi. Und er ist überzeugt: Wenn jeder seine Gaben einbringt und dabei nicht die Grenzen überschreitet, die ihm gesetzt sind, dann führen Bildungswege zu Frieden und Gerechtigkeit und Gottes Reich gewinnt an Boden.

Melanchthon war an überzeugender Methodik interessiert. Der Unterricht sollte interessant gestaltet werden. Abstrakte Aussagen brachte er durch Beispiele den Zuhörenden nahe. Er legte Wert auf geografische Kenntnisse, damit die Schriften der Bibel besser verstanden werden konnten.

Er hatte einen umfassenden Bildungsbegriff. Bildung hieß bei ihm: „Eruditio“, d.h. „Entrohung“. Der ganze Mensch sollte also gebildet werden, es ging um Wissen und Persönlichkeit. Lehrerinnen und Lehrer genossen seine höchste Wertschätzung. Er achtete sie höher als die Politik. Und die Schule konnte er durchaus mit dem Paradies vergleichen. Und es wundert deshalb auch nicht, dass er sein Sterben mit der Hoffnung verband, danach in die himmlische Akademie einzutreten.

III. Bildungsgerechtigkeit

Ein Bildungskonzept im systematisch geschlossenem Sinne stammt nicht aus Melanchthons Feder. Aber Melanchthon war Wegbereiter für den 1592 geborenen Johann Amos Comenius, der mit seinem Konzept „einer Bildung für Alle“ auf dem Boden der Gedankenarbeit Melanchthons steht. Die Fäden, die Comenius aufnahm, reichen zurück in die Anfänge der reformatorischen Bewegung. Denn darin stimmte Melanchthon mit Luther überein, dass grundsätzlich alle Kinder die Schule besuchen sollten. Vor allem - Bildung durfte nicht nur den Jungen offen stehen. Das für alle Kinder zugängliche Bildungswesen war für die Reformatoren  auch eine Frage der Bildungsgerechtigkeit.

Die Hoffnung der Reformatoren auf eine allen Kindern und Jugendlichen zugängliche Bildung ist bis heute unerfüllt. Ein Kommentator des Bildungsberichtes der Bundesregierung fasste die Lage bündig zusammen: „Die einen häufen Bildung an, die andern fallen raus. Einige sammeln Zeugnisse und Diplome, andere sammeln Niederlagen. Die einen schwänzen und verabschieden sich dauerhaft aus dem Klassenzimmer. Die anderen sind schon als Schülerinnen und Schüler Gäste an der Uni.“ Hier bricht auseinander, was Melanchthon unbedingt zusammenführen wollte in einem Gemeinwesen gebildeter Christenmenschen.

Zur Mehrdimensionalität eines evangelischen Bildungsverständnisses gehören menschlich wertvolle und gesellschaftlich wichtige Fähigkeiten wie Fantasie, Originalität und Verantwortungsgefühl, es gehören aber auch dazu Kooperationsfähigkeit und soziale Empfindsamkeit. Lernen, das wirksam bildet, umfasst Fleiß und Neugier, sorgfältige Aufgabenerledigung und selbständige, eigensinnige Suche. Bildung im protestantischen Sinn will dazu beitragen, dass jeder und jede sich in der Welt zurecht finden, sich orientieren kann.

Die Leistungsfähigkeit des Christentums für den Zusammenhalt und die motivationale Kraft in der Gesellschaft braucht Leistungsträger. Der entscheidende Ort, wo diese Leistungsträger ihre Kompetenz erwerben, ist die Schule. Und wenn es um die Fähigkeit zur Verständigung geht, über die Grenzen der Teilsysteme mit ihren Teillogiken hinweg, dann ist der Ort des Kompetenzerwerbs der Leistungsträger auch der Religionsunterricht. Selbst wenn mancher auf der fundamentalistischen Schiene aus der Kompliziertheit und Differenziertheit unserer Gesellschaft fliehen möchte, im Religionsunterricht wird standgehalten.

IV. Gemeinsame Verantwortung für religiöse Bildung

Aus der Werkstatt Lukas Cranachs des Älteren stammt das wohl älteste erhaltene Gruppenbild der Reformatoren. Das Arrangement platziert Luther und Melanchthon, wie sie als Mitarbeiter an der Reformation den Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen rahmen. Das waren sie eben auch: der Prediger Luther und der Pädagoge Melanchthon, sie waren Reformer auf politischer Bühne. Programmschriften wie etwa an den Adel Deutscher Nation von 1520 oder an die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen von 1524 enthalten Forderungen für das Bildungswesen insgesamt. Sie sahen sich mitverantwortlich für die Bildung in der Gesellschaft und nahmen diese Verantwortung aktiv und öffentlich – also nicht nur lehrend sondern auch politisch wahr.

In ihren Forderungen begegnen wir einem Verständnis des Glaubens, das für die Reformatoren kennzeichnend ist: Glaube sollte als verständiger Glaube über sich selbst Rechenschaft ablegen können. Wenn eine Religion ihr Zentrum allein im Kultus hat, benötigt sie Priester und Liturgen. Dann kommt sie mit wenigen Ausbildungsstätten aus. Wenn der Ort des Gottesdienstes aber zugleich der Alltag der Welt ist, sich also auch als Weltgestaltung verwirklicht, dann kommt dieser Glaube nicht ohne Bildung aus. Als ein Meister der Kommunikation mit Andersdenkenden wusste Melanchthon, dass nur diese Sprachfähigkeit in Fragen des Glaubens das gewährleisten könne, was ihm als Ziel aller Bildungsbemühungen vorschwebte, nämlich Frieden und Recht, pax et justitia. Frieden und Recht sind für ihn die übergreifenden Ziele aller Bildung.

Bildung für Recht und Frieden wurzeln für Melanchthon auch in einem biblischen Unterricht. Denn er ging davon aus, dass die Bibel die Erkenntnis des Willens Gottes vermitteln kann, wenn sie richtig verstanden wird. Das kann nicht überraschen, da das Gelingen des gesellschaftlichen Zusammenlebens für ihn davon abhängt, ob eine Gesellschaft in ihren Ordnungen dem Willen Gottes entspricht oder nicht. Reformation und Bildung, auch Staat und Kirche gingen Hand in Hand. Wenn auf dem Gruppenbild Lukas Cranachs des Älteren Luther und Melanchthon den Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen rahmen, spiegelt dies den Sachverhalt, dass Kirche und Staat damals nicht voneinander getrennt waren. Auch von der staatlichen Schule wie überhaupt von allen staatlichen Bildungsbemühungen konnte ein Beitrag zu einer christlichen Bildung erwartet werden.

In unserer heutigen Situation stellen sich die Aufgaben und Möglichkeiten evangelischer Bildungsverantwortung anders dar. In der Multioptionsgesellschaft mit der Verflüchtigung vorgezeichneter, fest gefügter Lebenswege, hilft nur eines: Schülerinnen und Schüler zu befähigen, im Aufmerksamkeitshorizont des Evangeliums das je Eigene zu erkennen, das je Eigene zu entwickeln und zu vertreten. Aber wie komme ich zum sozialen, zum gemeinschaftsbezogenen Handeln? Für den Religionsunterricht hat die Denkschrift der EKD zum Religionsunterricht bereits im Titel beide Seiten dieser Münze geprägt: „Identität und Verständigung“. Konkret also Identität: Ich sagen können, argumentativ Position beziehen und also Profil zeigen, mit sich identisch sein. Aber nun auch das andere: Verständigung. Empathie, Einfühlung, Verstehen. Dem anderen sein Ich nicht nur lassen – vielleicht lasch gewährend, sondern es respektieren: Verständigung auf Augenhöhe. Das ist eine Herausforderung und eine Zumutung. Das muss gelernt werden.

Denn wie kommen sie, Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler zueinander im Übungs- und Lernraum Schule? Wie üben sie ein, die christlich Motivierten und die  säkular oder anders religiös Motivierten, Problemlagen und Aufgaben gemeinschaftlich zu lösen als künftige Bürger unserer Gesellschaft. Die christlichen wie die religiös gebundenen Schüler überhaupt stehen vor der Aufgabe, ihren Glauben, ihre Überzeugungen und die daraus entspringenden Werte plausibel zu machen. Sie müssen ihre Überzeugungen und Werte in Übereinstimmung bringen mit den Werten und Regeln der demokratischen Gesellschaft.

Und die Nichtreligiösen, die Säkularen, die religiös Unmusikalischen – auch sie müssen lernen. Sie müssen in unserem Kulturkreis lernen christliche, jüdische, muslimische Argumente zu verstehen, sie in ihrem – für die andere Seite – existenziellen Gewicht ernst zu nehmen. Es ist eine kooperative Aufgabe, die von beiden Seiten fordert, auch die Perspektive der jeweils anderen einzunehmen. Die Schule ist ein Übungsraum wechselseitiger Perspektivübernahme. Das ist ein hoch gestecktes Ziel in einer modernen Gesellschaft, in der die einzelnen Lebenssphären auseinanderdriften, jedes Teilsystem eine eigene Logik entwickelt, die Kommunikation über die Grenzen dieser Teilsysteme hinweg kaum noch gelingt.
 
V. Zum Gespräch geboren

Eine der Reden Melanchthons handelte vom „unentbehrlichen Band zwischen den Schulen und dem Amt des Evangeliums“. Ein knapper Satz bildet die Achse, um die sich dieser Vortrag dreht: „Wir sind zum Gespräch geboren“. Dieses Talent zum Gespräch zu heben und zu kultivieren erfordert Bildungsanstrengungen. Was für den Straßenverkehr einleuchtet, ist das weniger einleuchtend für die zwischenmenschlichen, für die gesellschaftlichen Verkehrsformen? Es ist überlebenswichtig, im Straßenverkehr alles im Blick zu haben, um verletzende, bisweilen lebensgefährliche Zusammenstöße zu vermeiden. Dazu lernt man Regeln, dazu lernt man an die Situation angepasste Fahrweisen.

Die Vorbereitung und Qualifizierung zur Teilnahme am beruflichen, am gesellschaftlichen und allen anderen Teilleben heißt Schulbildung. Ist es zu viel erwartet, dass für die Vorbereitung auf das berufliche, das gesellschaftliche, das private Leben die gleiche Sorgfalt aufgewandt wird wie für unser Überleben im Verkehr? Umsicht und Übersicht im Straßenverkehr vermindert die Gefahr von Zusammenstößen. Bildung, gerade auch religiöse Bildung, vermindert die Gefahr verletzender Zusammenstöße in der Tiefenschicht menschlichen Zusammenlebens. Es ist nicht immer sichtbar, aber in den Folgen oft verheerend spürbar, wenn aus zerschlagenem Porzellan interreligiöser und ökumenischer Dialoge, oder auch nur auf der Gesprächsebene nachbarlichen Zusammenlebens Schnittwunden entstehen, die als Narben bleiben. Wer auf diesem Felde schlecht vorbereitet wird, wird zum Risikofall. Zusammenstöße sind nahezu vorprogrammiert. „Clash of Civilisation“ nennt Samuel Huntington diese Art gefährlicher Zusammenstöße. Was er im Weltmaßstab befürchtet, ist nicht weniger furchteinflößend, wenn es sich abspielt im engeren Lebensraum.

Eine gründliche Ausbildung war für Melanchthon die Voraussetzung für die Sprach- und für die Orientierungsfähigkeit, die ihm vorschwebte. Melanchthon ist überzeugt: Wenn jeder seine Gaben einbringt und dabei nicht die Grenzen überschreitet, die ihm gesetzt sind, dann führen Bildungswege zu Frieden und Gerechtigkeit. Dass für sein Verständnis von Bildungswegen Rutenschläge und Honiglöffel untaugliche Hilfsmittel sind, haben wir gehört. Er vertraut darauf, dass auch anderen zugänglich ist, was für sein Leben der entscheidende Kraftquell ist: Das Aufleuchten der Gebote Christi hat für Melanchthon eine vom Honiglöffel unabhängige, eigene Anziehungskraft. In ihnen begegnet man der Kraftquelle, die sprungfähig macht, Hürden und Mauern zu nehmen, sowohl im theoretischen, bildungspolitischen Debattenparcours als auch im konkreten Bildungsraum der Schule.

Sie, meine Damen und Herren, haben gehört, wie wichtig Ihr Dienst als Lehrerinnen und Lehrer ist. Als Kirchen laden wir Sie ein, im Gefolge der Reformation die eben geschilderten Grundsätze von Bildung aufzunehmen und in die heutige Zeit fortzuführen. Dabei stehen wir an Ihrer Seite und danken Ihnen für Ihre Dienste.