Gemeinsam Kirche sein

Katrin Goering-Eckardt

21. August 2010

Es gilt das gesprochene Wort.

Liebe Brüder und Schwestern,

sind Sie gut erholt? Aus dem Urlaub zurück? Hatten Sie Zeit für Ihre Lieben – und für sich? Sommer, Sonne, Meer und Berge? Oder den Liegestuhl auf dem Balkon? Und haben Sie mal gar nicht an Kirche gedacht – aber vielleicht an Gott? Jetzt sind Sie zurück und obwohl der Sommer noch groß ist, hat in Anhalt die Schule wieder begonnen und der Alltag, auch der der Arbeit, Ihrer Arbeit in und für die Kirche. Vielleicht haben Sie unterwegs etwas Neues erlebt, in einer anderen Gemeinde, und Sie brennen darauf, das nun bei sich auszuprobieren. Oder Sie standen vor verschlossener Tür einer Kirche und denken, wie gut, dass das bei uns anders ist, in den ent-schlossenen Kirchen im Kirchenkreis Zerbst ja ganz gewiss. (zur Info: Stiftung entschlossene Kirchen, ist Treuhänderstiftung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, die die 61 Kirchen des Kirchenkreises erhält und offen hält). Manche werden voller Elan sein und Vorfreude darauf, was nun kommt, im hinteren Teil des Kirchenjahres. Gemeindekirchenratswahl, Erntedank. Advent… Andere haben vielleicht Sorgenfalten auf der Stirn, weil die Probleme eben auch nach der Sommerpause die gleichen geblieben sind. In dem einen wie in dem anderen Fall: Ganz sicher ist es guter Auftakt, gemeinsam mit einem Mitarbeitertag hier im schicken Dessauer Theater zu beginnen. Ein Experiment sei das, hat Kirchenpräsident Liebig betont – ein Experiment, dessen Idee und Mut mir sehr gut gefällt, so dass ich überaus gerne zugesagt habe und neugierig bin, was sich entwickelt.

Sehen Sie sich um, da sind vertraute Gesichter, manche werden sich kennen. Die Pfarrerinnen und Pfarrer untereinander ja sowieso, die aus der Stadtmission in Dessau wohl auch jene aus der Diakonissenanstalt, die Bernburger einander womöglich – aber die Küsterin aus Wörlitz den Pfarrer der Radfahrerkirche in Steckby oder der Kirchenälteste aus Güntersberge die Gemeindepädagogin aus Zerbst noch nicht. Das kann sich ja heute ändern.

Sie alle sind miteinander auf dem Weg, Sie sind Kirche in der Welt und Kirche vor Ort, in Anhalt, im Osten Deutschlands. Sie sind evangelische Kirche in Deutschland – und sie sind mit ihr in Bewegung, im Aufbruch. Ich würde gerne von Ihnen erfahren, wie Sie das erleben, wie sie wahrnehmen, was Reformprozess der evangelischen Kirche genannt wird. Auf dem Weg zum großen Jubiläum 2017, wo denken Sie, stehen wir, stehen Sie und gehen sie den Weg mit mutig und fröhlich ausladendem Schritt oder zaghaft, vorsichtig mitunter, ängstlich gar? Erlauben Sie mir, bevor wir miteinander und Sie untereinander dann ins Gespräch kommen, ein Bild zu skizzieren von der Kirche der Freiheit, eine Vision vielleicht.

2006 wurde das EKD-Impulspapier "Kirche der Freiheit" veröffentlicht und hat so viel Bewegung und Aufbruch gebracht, dass ich nur freudig staunen kann. In dem Impulspapier geht es vor allem um die Zukunft unserer evangelischen Kirche. Es geht darum, wie die Kirche im Jahre 2030 aussehen könnte, wenn sich die Kirche nicht einfach den Verhältnissen anpasst, sondern sich selbst in Freiheit neu denkt, wenn sie selbst "die Verhältnisse" wird. Bevor es vielleicht zu spät ist, weil sich die Gesellschaft ändert, und der Mangel an allen Ressourcen uns in Strukturen zwingt, die wir nicht wollen, die uns nicht helfen, die den Himmel verdunkeln, statt ihn offen zu sehen.

Der Text führte zu einer sehr intensiven und glücklicherweise kontroversen Diskussion über die Zukunft der Kirche, sonst hätte es auch womöglich wieder einmal keiner bemerkt. Und die Fragen, die angesprochen worden sind, etwa nach der Qualität kirchlicher Arbeit, dem Gelingen des kirchlichen Föderalismus oder der Zukunft des Pfarramtes und des Ehrenamtes, haben es ja auch in sich. Vor allem aber war der Text von seiner Gattung völlig ungewohnt und untypisch für die evangelische Kirche. Es gab harten Streit, wie könnte es anders sein, unter Protestantinnen und Protestanten, gerade weil, anders als in den sonst üblichen wohl formulierten kirchlichen Verlautbarungen, die möglichst viele integrieren und niemanden weh tun wollen - dieser Text durchaus provokant formuliert war: er wollte einen Impuls setzen, griff heiße Eisen auf, war gerade nicht mit den verschiedenen Interessensgruppen abgesprochen und so durchaus "anstößig".

In der Politik macht man so etwas in der Regel höchstens einmal. Dann ist man entweder ganz oben oder draußen. Die EKD hat es sogar gewagt, daraus einen Prozess zu machen und sie hört nicht auf, darum zu werben, dass viele ihn mitgestalten und dass auf diese Weise Neue hinzukommen und Neues entsteht. 2006 wurden Ziele formuliert, natürlich biblisch fundiert: Heute klingt das fast selbstverständlich und außerhalb kirchlicher Strukturen vielleicht sowieso. Und man sieht, die "Kirche der Freiheit" ist keine Kirche der Beliebigkeit, keine Kirche, in der jeder schon "seinen Glauben hat", wie sie bei mir auf dem Dorf manchmal sagen. Hier geht es um das, was uns ausmacht, was uns erkennbar macht, was wir immer neu suchen, worüber wir gern auch immer wieder neu streiten. Es geht um:

- Geistliche Profilierung statt undeutlicher Aktivität. Wo evangelisch draufsteht, muss Evangelium erfahrbar sein.

- Schwerpunktsetzung statt Vollständigkeit. Kirchliches Wirken muss nicht überall vorhanden sein, wohl aber überall sichtbar.

- Beweglichkeit in den Formen statt Klammern an Strukturen. Nicht überall muss um des gemeinsamen Zieles willen alles auf dieselbe Weise geschehen.

- Außenorientierung statt Selbstgenügsamkeit: Auch der Fremde soll Gottes Güte erfahren können, auch der Ferne gehört zu Christus.

Die Auflagenhöhe von über 45.000 Druckexemplaren und über 400.000 Downloads im Internet macht deutlich, wie intensiv die Wirkung war und ist - von völliger Ablehnung bis zur begeisterten Aufnahme. Dort, wo der Prozess aufgenommen wurde, sind im Laufe der vergangenen vier Jahre viele wahrlich unterschiedliche, aber immer auch ermutigende konkrete Maßnahmen und Aktionen angestoßen worden. Und zeitgleich vollzogen sich zudem Aufbrüche und Reformanstrengungen in Gemeinden, Kirchenkreisen und den Landeskirchen, die oft schon lange vor dem EKD-Papier begonnen haben, manchmal zeitgleich und manchmal auch danach. Manche haben sich auf das EKD-Papier bezogen und manche haben in eigenen Prozessen ganz ähnliches herausgefunden.

Ein besonders schöner, lauter, gemeinschaftlicher  und leidenschaftlicher Moment war die Zukunftswerkstatt in Kassel im letzte Jahr. Drei Jahre nachdem alles begonnen hatte, sollte geschaut werden, was daraus geworden ist: ehrlich, selbstbewusst und – natürlich - kritisch: wo stehen wir, was haben wir erreicht, wo wollen wir hin. Rund 1.200 Multiplikatoren waren dazu eingeladen. Und es war eine höchst anregende Veranstaltung, auf der evangelische Kirche einmal ganz anders erlebt werden konnte: angefangen von einer Galerie guter Praxis, auf der sich hundert ausgewählte Projekte präsentierten, über Werkstätten, bis zu  "Andachten anders" mit dem Versuch, Gottesdienst an ganz ungewöhnlichen Orten zu feiern (etwa im Gericht, in der Bank, im Kino oder als "Gospel to Go" im Einkaufszentrum) bis hin zu einem "Abend ausgezeichneter Ideen", einer Art kirchlicher Oskar-Nacht, bei der sich in der Verleihung von sieben ganz unterschiedlichen Preisen die Vielfalt kirchlicher Aufbrüche spiegelte. So fein und entspannt, aber auch so frei in Neuem, war evangelische Kirche bis dato kaum zu sehen.

Aber natürlich wurde auch über Dinge geredet, die nicht oder noch nicht funktionieren. Als darüber geredet wurde, wie es eigentlich mit denen aussieht, die herausragende Funktionen in unserem Land haben und die evangelisch sind, zeigte sich noch manche kahle Stelle. Schon die Frage, wer ist eigentlich evangelisch, in der Politik, der Wissenschaft, im Journalismus und wer will aus solcher Verantwortung heraus was von seiner Kirche, ist erst am Anfang einer Debatte.

Oder auch die Frage, wie machen wir Kirchenreformen in ausgedünnten ländlichen Gebieten? Diese Frage liegt hier in Anhalt natürlich besonders oben auf. Und ich denke, es ist nicht übertrieben zu sagen: Die Zukunft der evangelischen Kirchen in Deutschland entscheidet sich in der Fläche. Nah bei den Menschen zu sein, in allen Regionen, auf dem Land, im Dorf gehört zur Wurzel und zur Stärke der Kirche. Andererseits ist sie gerade hier besonders herausgefordert durch demographische Entwicklung, Abwanderung und schwindender Ressourcen – in Kirche und Staat. Hier ist es deutlich herausfordernder, neue Wege der geistlichen Versorgung zu beschreiten als beispielsweise in der Stadt und in Ballungsräumen. Da hat man schneller einen Partner gefunden und tut sich zusammen, konzentriert seine Kräfte. Aber dort, wo überall auf den ersten Blick wenigstens alles weniger wird? Ich sage bewusst auf den ersten Blick, denn ich bin sicher, dass wir Schätze heben werden und dass Neues entstehen wird, gerade in dieser Situation. Bei der Zukunftswerkstatt in Kassel hat eine Initiative des Kirchenkreises Egeln in der evangelischen Kirche in Mitteldeutschland am meisten überzeugt und den Preis des Publikums gewonnen. Wie feiert man Gottesdienst ohne Pastorin, ohne Pastor? In Egeln hat man aus der Not eine Tugend gemacht und dafür eine Gemeindeagende entwickelt. In allen Gemeinden liegt dieses 60-Seiten-Heft nun aus und die Ehrenamtlichen sind begeistert von der Erfahrung, natürlich auch selbstständig Gottesdienst feiern zu können. Beim Nachdenken über den Bibeltext entwickeln sich Gespräche, oft viel länger als eigentlich im Ablauf geplant. Die Gemeindemitglieder reden wirklich miteinander und geben sich Glaubens- und Lebenstipps, beinahe so, als wenn sie Kochrezepte austauschen. So bleibt Kirche lebendig und wird vielleicht auch mancherorts lebendiger als sie vorher war. 

Ganz persönlich habe ich in Kassel manchmal gedacht: Ein bisschen ist es, als ob Luther zurück käme. Wir haben geschaut, ob alle mitkommen, aber wir wollten gerade nicht kleiner werden dadurch, wie das ja manchmal geschieht, mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Wir bleiben dabei: wir wollen neu werden, dem Evangelium gemäß, groß, wie die Sache, von der wir zu erzählen haben, leidenschaftlich, wie es die Liebe gebietet – und natürlich: frei!

In der evangelischen Kirche ist wirklich zurzeit viel in Bewegung. Eine junge Wissenschaftlerin, eine Soziologin hat uns in Kassel ein gutes Bild dafür geschenkt: Wenn man möchte, dass ein Wackelpudding glitzert, glänzt und in Bewegung bleibt, dann muss der ab und zu einen Anstoß bekommen, d.h. man muss die Schale mit dem Wackelpudding nicht einfach so vor sich hin stehen lassen, sondern immer mal wieder anstoßen und in Bewegung bringen. Will Kirche in Bewegung sein, ist sie darauf angewiesen, dass es immer wieder neue Impulse gibt, Anstöße, auch Ärgernisse und Herausforderungen, an denen man sich reiben und wachsen kann.

Welche Anstöße, welche Impulse brauchen wir, um eine Kirche in Bewegung zu sein? Ich möchte vier Punkte nennen:

Erstens und zuerst: Ich demnke, das Entscheidende und Wesentliche ist, dass wir wieder mehr Theologie wagen, und zwar wir alle, nicht nur die Universitäten oder die hochgebildeten Theologeninnen und Theologen, sondern wir alle, Sie und ich, wir, die wir versuchen, auf Gottes Wort zu hören, gut von ihm zu reden, die wir Psalmen beten, die wir uns morgens und abends an seine Gegenwart erinnern und in Liedern von ihm singen. Wir suchen eine Theologie, die sich gerade dadurch auszeichnet, dass sie ganz eng verbunden ist mit den Fragen des Lebens selbst, mit dem, was uns wirklich Mühe macht, mit dem, was das Herz berührt und die Hoffnung klein zu machen versucht.

Dabei denke ich natürlich auch an viele gesellschaftpolitische Fragen, die uns bedrängen – angefangen bei der Klimakrise bis hin zu dieser abenteuerlichen Schuldenpolitik, die die Regierung betreibt. Unsere Welt braucht Christinnen und Christen, die ehrlich und nüchtern sagen, was dran ist - auch auf das Risiko hin, dass sie sich irren. Der prophetische Gestus ist immer auch ein gefährdeter Gestus, aber ohne ihn ist die Welt um eine wichtige Stimme gebracht.

Aber wir sollen auch mehr Theologie wagen am Krankenbett, in den Sterbehäusern, bei den Kindern, die unheilbar krank sind, bei den Weinenden und Beschwerten. Wir sollen Gottes Wort hineintragen in den Kummer dieser Welt, wir sollen seinen Trost, sein Licht stark machen dort, wo es dunkel ist. Denn ich bin davon überzeugt, wenn wir Gottes Wort und seine Barmherzigkeit und Gnade hineintragen in das wirkliche, echte, dichte Leben, dann lernen wir neue Fragen kennen, neue Sehnsüchte und das verändert auch unsere Theologie hin zur Lebenswissenschaft.

Deswegen ist die reformatorische Grundeinsicht, dass Theologie nicht nur an Pfarrerinnen und Pfarrer gebunden ist, sondern dass jeder getaufte Christ, jede getaufte Christin quasi ein Priester, eine Priesterin ist, so wertvoll und so wichtig. "Wer aus der Taufe gekrochen ist, ist Priester und Papst", schreibt Luther. Wir alle können schicke rote Schuhe tragen und huldvoll vom Balkon winken, vorausgesetzt, dass wir das wollen.

Nicht, weil die Theologinnen und Theologen alle nichts taugen, sondern weil wir nur zusammen Gott aufspüren können in den Winkeln dieser Welt, in den Lebensräumen, die wir bewohnen und ihn dort bezeugen können, wo andere ihn gar nicht vermuten. Mehr Theologie wagen heißt für mich, die Schätze der Tradition, den Glanz der Glaubensaussagen auch in unserer Generation weiterzugeben, mitzuhelfen, dass wir den Wackelpudding auch an dieser Stelle zum Glitzern und Glänzen kriegen, hier, wo es um das Herz des Glaubens geht.

Zweitesn: Wir brauchen eine gewisse Angstfreiheit und Loslasskultur vor den Herausforderungen, vor denen wir stehen. Ich habe es erwähnt, eine Herausforderung scheint mir in der Mitte zu stehen und gleichsam exemplarisch diejenige Aufgabe zu sein, an der sich auch ein Stück entscheiden wird, ob Zukunft gelingt oder nicht. Es ist die Kirche in der Fläche. Wir haben eine Fülle von Gemeinden, die sehr klein sind, die auf dem Land sind, wo uns Menschen vertrauen, die seit Jahrhunderten in ihren Dörfern und kleinen Städten evangelische Predigt gehört haben, die vieles für ihre Kirche getan haben und tun, und die plötzlich merken: Es entsteht die Gefahr, dass wir als Kirche es nicht mehr schaffen, in der Fläche bei den Menschen zu bleiben. Wir müssen danach suchen, wie wir das Evangelium auch in dünn besiedelten Gebieten, in erschöpften Gegenden verkünden können, mit aller protestantischen Intelligenz und Pfiffigkeit, denn wenn uns nichts Überzeugendes für die Kirche in der Fläche einfällt, dann wird es auch an anderen Orten schwierig.  

Die Kirche in der Fläche eine Kirche, die gute Wege finden muss, bei den Menschen zu bleiben, ohne die Pfarrerinnen, die Katecheten, die Diakoninnen und Kirchenmusiker zu überfordern und heimatlos zu machen, weil sie nicht nur für eine oder zwei oder drei Gemeinden zuständig sind, sondern für 12, 15, 17. Wird es umherreisende Pfarrerinnen geben oder wandernde Evangelisten? Zentren, ähnlich den Klöstern in früheren Zeiten, von denen aus die Fläche versorgt wird? Wird es Gemeinde auf Zeit geben, Kirche bei Gelegenheit? Und auch für die Kirchgebäude gilt es neue Pläne zu schmieden, die natürlich noch gebraucht werden, wenn auch nicht jeden Sonntag für den Gottesdienst. In Kassel habe ich auch das Martinszentrum in Bernburg kennengelernt. Gemeinde, Schule, KiTa und Hort unter einem Kirchendach – das ist großartig. Kirchenraum als Ort, an dem Gott erfahrbar ist – und Kinder toben.

Drittens: Jede Bewegung in der Kirche braucht Menschen, die sie tragen. Menschen, die Lust haben, auch Risiken einzugehen, die neue Wege ausprobieren, die ermutigt sind und andere ermutigen können. Das Impulspapier hat damals von dem Pfarramt als dem Schlüsselberuf unserer Kirche gesprochen. Viele hatten  erwartet, dass daraufhin viel Empörung bei den anderen Berufen in unserer Kirche entsteht, also bei den Diakonen, bei den Kirchenmusikerinnen und Küstern. Aber nein, es war genau anders herum: diejenigen, die sich am lautesten beschwert haben, war die Pfarrerschaft selbst, weil sie sich überfordert und beansprucht fühlten. Wie kommt das eigentlich?

Wir haben ganz zweifellos Herausforderungen auch in der Motivation, in der Ermutigung unserer Pfarrerinnen und Pfarrer. Das Verhältnis zwischen der Kirchenleitung und diesem Schlüsselberuf ist noch nicht rundum vertrauensvoll und gut. Wir müssen einen gemeinsamen Weg finden, um gerade diesen Berufsstand in unserer Kirche nicht als einzigen, aber doch als einen sehr wichtigen Berufsstand zu gewinnen für die Herausforderungen, in denen sich unsere Kirche befindet. Man kann nicht ohne die Pfarrer und Pfarrerinnen eine Kirche in Bewegung halten. Wir wollen Sie gewinnen, und zwar mit dem Herzen, nicht durch obrigkeitliche Festlegung und ausschließliche Zielvereinbarungen. Das würde auch gar nicht zu uns Freiheitsliebenden passen. Es sind nicht nur ein paar Einzelne von ihnen, die große Lust haben, an den Veränderungen mitzuwirken. Sie tun es längst, da, wo sie sind und ohne großes Tamtam darum zu machen. Diesen Schatz müssen wir heben. Und zugleich müssen wir die, die sich erschöpft und überfordert fühlen, von immer wieder Neuem mitnehmen.

Unser Reformprozess kann nur dann erfolgreich sein, wenn er für die, die ihn gestalten, am Ende Erleichterung bedeutet, Begeisterung und Zukunftsgewissheit und nicht Last und Beschwernis. Das ist noch ein gutes Stück Arbeit. Und ich glaube, dass die ehrenamtlich Engagierten, die von den Kirchenvorständen bis zum Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland als Laien aktiv mithelfen können, diese Bewegung zu gestalten, sie haben eine ganz wichtige Funktion der Ermutigung, der Entkrampfung, auch der Entspannung zwischen den verschiedenen Hierarchieebene. Hier gilt es neue Ideen zu entwickeln.

Und viertens: Zu jeder Kirche in Bewegung gehört eine doppelte Bewegung: Einmal die geistliche Konzentration und dann die Wendung nach außen. Wir müssen ein Selbstbewusstsein dafür gewinnen, wer wir sind, was wir können und wozu uns Gott berufen hat. Und gleichzeitig brauchen wir eine tiefe, leidenschaftliche Neugier auf die, die noch nicht oder nicht mehr zu uns gehören, die sich von der Kirche abgewendet haben, aus welchen Gründen auch immer, und die, die uns verloren gegangen sind.

Vielleicht besonders im Osten steht Kirche vor der Aufgabe, denen nahe zu sein, die am Rand stehen. Perspektivlosigkeit und Armut sind vieler Menschen Last – nicht umsonst haben Sie sich dieses Thema zum Schwerpunkt der Frühjahrssynode gemacht. Professionelle Hilfe, Unterstützung durch die Diakonie, ehrenamtliche Zuwendung bei den Tafeln, in den Kleiderkammern ist das eine. Ein Segen, unerlässlich, wertvoll. Aber ob wir darüber hinaus auch offen sind, die die arm sind und anders leben, leben müssen in unsere Gemeinschaft, in unsere Gemeinden einzubeziehen, sie einzuladen dabei zu sein – das ist das genauso notwendige andere.

Die Menschen in ihrer Größe und Grenze mit aller Neugier und Aufmerksamkeit zu betrachten, das ist eben auch unser Auftrag. Und eine Kirche, die sich nicht nach außen wendet und die anderen kennen lernen möchte, die anderen Religionen, die anderen Weltanschauungen, auch diejenigen, die ohne jede Weltanschauung leben, eine solche Kirche vernachlässigt ihren Auftrag, Menschenfischerin zu sein und die frohe Botschaft Jesu Christi, das befreiende Evangelium allen Menschen zu verkündigen.

Gute Gelegenheit dafür gibt es jeden Tag, besonders aber vielleicht im Juni kommenden Jahres. Viele von Ihnen wissen, dass ich dem Deutschen Evangelischen Kirchentag besonders verbunden bin, der kommende wird vom 1. bis 5. Juni 2011 in Dresden sein. Ich bin sehr froh über die Losung für Dresden, den Halbsatz aus der Bergpredigt: "… da wird auch dein Herz sein!" (Mt 6,21). Woran hänge ich mein Herz, wofür und für wen schlägt es? Das fragt sich ja jede und jeder immer wieder, das ist keine Frage, die sich allein Christinnen und Christen stellen. Und so sind im kommenden Jahr alle zum Kirchentag nach Dresden eingeladen, Evangelische und Katholische, Orthodoxe und Muslime, Menschen ohne oder mit ganz anderem Glauben – alle Menschen, die fragen, was wirklich wichtig ist im Leben, wofür sie sich verantwortlich fühlen und einsetzen wollen. Die Bergpredigt gibt ein Programm vor, das vielleicht utopisch scheint. Aber alle, die sich davon leiten lassen, sind nicht bereit, den Traum von einer anderen, gerechteren Welt aufzugeben. Wenn die Hunderttausend, die in Dresden zusammenkommen werden, ihr Herz öffnen für die Not eines Anderen, der Stimme ihres Herzens einmal mehr folgen als der Logik der Ökonomie und aus dem Herzen heraus handeln ohne Kalkül, dann verändert das unser Miteinander, ja dann verändert das die Welt.

Der Kirchentag wird, da bin ich mir sicher ein fröhliches Fest unseres Glaubens sein – eines Glaubens, der Menschen tanzen lässt und ihre Herzen froh macht und mutig, der uns die Hand ausstrecken lässt und jene, die am Rand stehen, zurück holt in die Mitte, der gebrochenen Herzen Trost gibt und Hoffnung und der uns handeln lässt und lieben – dort, wo unser Herz ist.

Ich lade Sie herzlich ein, sein Sie dabei, kommen Sie nach Dresden! Und bringen Sie Ihre Lieben mit, Tochter und Oma, ihr Kaffekränzen und Ihren Bibelkreis, Ihre Jugendgruppe sowieso und die Nachbarin vielleicht auch.

Ich komme zum Schluss: Wir wollen gemeinsam Kirche der Freiheit sein. Eine Kirche, die frei ist in ihrer Gestaltung, frei auch von unveränderlichen, gar heiligen Ordnungen. Aufbruch, Bewegung, Unruhe müssen in ihr ihren Platz finden, aber weil sie sich immer wieder allein am dem Evangelium Jesu Christi ausrichtet, diesem "Geschrei von der Gnade Gottes", wie Luther es nennt, darf sie beides haben: gut und vertraut im Alten sein und sich zugleich neu erfinden.

Und das, was wir weiter über die Zukunft dieser Kirche sagen können, ist, dass es sie auch in Zukunft garantiert geben wird - und zwar bis zum Ende der Welt. Das ist die vielleicht größte und mutigste Aussage der Reformatoren, die Melanchthon  im Augsburger Bekenntnis 1530, im siebten Artikel über die Kirche so elegant ausgedrückt hat: "Es wird auch gelehrt, dass allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muss, die die Versammlung aller Gläubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden." Das ist die große Verheißung: Wir können gar nicht so viel falsch machen, als dass es die auf dem Evangelium Jesu Christi fußende Kirche nicht mehr geben würde.

Aber es schadet natürlich auch nichts, zu versuchen, möglichst viel richtig zu machen. Letztlich aber wird sich Christus und sein Evangelium durch unsere Kirchen und Konfessionen, durch  unseren Ordnungen und unserer Unordnung, durch unsere  Einrichtungen und unser Ausgerichtetsein, durch unsere  Strukturen und Chaos immer einen Weg bahnen zu den Herzen der Menschen. Denn Gottes Wort wirkt, wann und wo es will und kehrt nicht leer zurück (vgl. Jesaja 55, 10).

Warum also bin ich so gern evangelisch? Es ist wegen der Freiheit. Der Freiheit im Glauben und der Freiheit der Kirche. Ich glaube, im Kern ist unser Glaube ein wunderschöner Segen Gottes. Er gehört zu den grundlegendsten, schönsten und wichtigsten Dingen, die ich in meinem Leben kennen gelernt habe. Welch ein Reichtum, welch ein Staunen über Gottes Gegenwart, welch eine Weite, die sich dem Herzen öffnet und den Geist frei macht. Welch eine Freiheit!

Und es gibt so etwas wie eine Schönheit des Glaubens, einen Glanz, ein Licht, das uns zu aufrechten, fröhlichen, liebensfähigen und liebenswürdigen Menschen macht. Das liebe ich. Und unsere evangelische  Kirche ist keine starre Ordnung, die selbst keine Freiheit lässt. Sie ist eine Kirche im Wandel, eine Kirche, die schon immer in Bewegung ist. Und zu einer Kirche in Bewegung, dazu gehören Menschen, die lachend, aufrecht, selbstbewusst und dankbar von Gottes Güte reden und keine Angst haben vor dem, was kommt. Denn Gott ruft uns in die Freiheit, lässt uns aufbrechen in die Zukunft und kommt uns selbst dabei entgegen. Was für ein Glauben könnte denn für Freiheitsliebende schöner sein?