Evangelische Freiheit – wie viel Freiheit darf’s denn sein?, Mühlacker

Katrin Göring-Eckardt

14. April 2010

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,

über die Freiheit soll ich heute Abend sprechen. Freiheit – so ein großes Wort. Das passt immer: ich bin so frei! Oder Die Freiheit nehm ich mir! Und wir haben auch immer alle eine schnelle Antwort: Freiheit – wer wollte schon dagegen sein? Na klar: Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden, der Satz von Rosa Luxemburg stand auf den Plakaten im wilder Herbst 1989. Da haben wir schon eine Einschränkung: die Anderen. Oder auch jede und jeder selbst. Ist da in mir einen Einschränkung der Freiheit? Vielleicht nicht: wieviel Freiheit darf es denn sein, sondern vielleicht auch: wie viel davon kann ich eigentlich aushalten? Ist es nicht ganz gut, dass manches geregelt ist? Dass die Autos rechts fahren und dass ich eine Krankenversicherung haben muss? Ist es nicht ganz gut, dass ich weiß, wer die sind, die zu mir gehören und ich nicht jeden Tag neu auf die Suche nach Beziehungen gehen muss? Das wäre ja Freiheit auch: Oder gekommen, um zu bleiben? Ist das schon Einschränkung von Freiheit, Selbstbeschränkung? Oder die unendliche Freiheit im weltweiten Netz? Ein Ort, an dem endlich jeder tun und lassen kann, was er oder sie will, was kaum kontrollierbar ist, irgendwie noch nicht einmal von den Chinesen. Freiheit? Auch für die Kinder, deren pornographische Fotos dort verkauft werden?

Ich bin in einem Land aufgewachsen, das sich selbst Diktatur nannte. Diktatur der Proletariats. Die Idee dieser Bezeichnung war natürlich, dass die, die die Mehrheit bilden auch das meiste zu sagen haben und weder das Kapital noch der König. Man hatte nicht bedacht, dass das Proletariat gar nicht einheitlich war und dass nicht jeder wollte, was angeblich gut für ihn war. Und vor allem hatte man nicht bedacht, dass es auch noch andere gibt, Minderheiten, die etwas anderes wollen. Vor allem solche, die einfach beschlossen hatten, dass sie selber denken können. Deswegen funktioniert ja Diktatur immer nur mit Drohung, mit Repression, mit dem Erzeugen von Angst. Deswegen ist es übrigens eine besondere Erfahrung, frei sein zu können, in der Diktatur: zu wissen – ihr könnt alles tun, ihr könnt versuchen, mich überall einzuschränken, mich einzusperren, am Ende ist da nur einer, dem ich untertan bin. Das ist der, der mich frei macht: Gott. So haben Sie sich mit mir eine ausgesucht, die die Freiheit liebt. Für die die Freiheit gar nicht groß genug sein kann. Und nun lautet der Titel dieses Vortrags ja nicht nur Freiheit, sondern: "Evangelische Freiheit". Ob dieser kleine konfessionelle Zusatz dieses große Wort Freiheit  geringer macht?

Nun, Sie haben mich ja nicht als Politikerin eingeladen, die ich zweifellos natürlich immer bin, das ist mein Beruf. Sie haben mich ja doch als die Präses der Synode, des Kirchenparlaments der Evangelischen Kirche in Deutschland eingeladen. Und so beginne ich nicht bei den politischen Schriften der Aufklärung oder dem deutschen Grundgesetz, die viel von Freiheit sprechen, sondern früher. Sozusagen bei unserem theologischen Grundgesetz und den Erklärungen, die die evangelische Kirche prägen. Lassen Sie uns einige Miniaturen anschauen, an denen sich der Begriff der evangelischen Freiheit entfaltet, bevor wir schauen, wie viel es davon denn sein darf.

1. Ägypten:

Kein Auszug eines Volkes aus der Knechtschaft eines anderen Volkes, hat jemals die Weltgeschichte so verändert wie der Auszug der kleinen Schar der Israeliten aus dem mächtigen Ägypten. Ein Haufen Fronarbeiter, in einfachen und größtenteils ärmlichen Verhältnissen. Als Lumpenproletariat würde mancher sie heute bezeichnen, oder vielleicht auch als ausländische Drückeberger, die auf Kosten des ägyptischen Staates leben. Unter diesen jedenfalls, war die spät-"ägyptische" Dekadenz nicht ausgebrochen. Doch diese kleine Schar von Menschen ruft Gott in die Freiheit. Dieses kleine Volk, ohne Ansehen und Macht:  Gott hat es lieb und also er  befreit es.

Sie kennen die Geschichte des Exodus. Sie kennen die Geschichte, wie das Volk Israel mit Gott an seiner Seite durch das Rote Meer läuft und die Wassermassen das gewaltige ägyptische Heer zerschlagen. Die große Militärmacht, die sich prunkvolle Paläste baute und als unbesiegbar galt, konnte es nicht verhindern, dass Israel sich aufmachte in ein eigenes Land. In eine eigene Zukunft. Sich aufmachte, in die Freiheit. Die Geschichte Gottes mit seinem Volk beginnt mit der Freiheit. Und Gott zieht mit. Gott ist ein Gott, der mitzieht, der mitgeht. Der lebendig ist. Siehe, heißt es in den Psalmen, der Gott Israels schläft und schlummert nicht (Ps 121). …

Der Gott Israels bewegt sich und er setzt sein Volk in Bewegung. Auf in die Freiheit. Dort, wo Gott hinführt, ist Freiheit. Keine Unterdrückung mehr. Die Geknechteten können aufrecht stehen. Niemand ist mehr der Willkür eines unterdrückenden Staatsapparates ausgesetzt. Sie hören es meinen Worten an, diese biblische Geschichte des Auszugs von Gottes Volk in die Freiheit, sie ist nicht singulär geblieben. Sie hat sich wiederholt, kleiner, unbedeutender, mit weniger Wunder, an vielen Orten in der Geschichte. Aber eben mit eben diesem Gefühl, dass es möglich ist, frei zu sein. Mit Kerzen und Gebeten haben sich Menschen aufgemacht. Manche haben Gott an ihrer Seite gespürt und ihre Angst überwunden, haben sich den Machthabern oder den ungerechten Systemen entgegengestellt. Sind nicht in ein eigenes Land gezogen, sondern haben ihr eigenes Land verändert. Und dann? Auch das lehrt uns die Geschichte des Exodus, da hatte Israel nun seine Freiheit, war unterwegs in das eigene Land, aber der Weg war schwierig. Mühselig. So hatte man sich das gar nicht vorgestellt. Und schon fingen die ersten an zu motzen und zu maulen. Und sie sehnten sich zurück, nach den alten Verhältnissen. Sehnten sich zurück nach den Fleischtöpfen Ägyptens. Nach angeblicher Sicherheit und Gleichsein in der DDR. Ja, die Freiheit kann auch mühsam sein. War es nicht früher alles besser? Solche Stimmen, sie gab es schon damals und auch ich höre sie oft, und sie gibt es immer wieder. Aber hier ist eine Antwort, die wir uns zu merken haben: Gott lässt sich nicht darauf ein. Manna vom Himmel, aber keine alten Fleischtöpfe! Kein maulendes Zurück in die alten Verhältnisse!

2. Die Tore des Paradieses:

Einer, der ganz bestimmt nicht mehr zurück wollte in die alten Verhältnisse und deshalb päpstlichen Bann und kaiserliche Reichsacht auf sich nahm, war der Augustinermönch Martin Luther. Denn dieser Martin Luther hatte ein Problem gelöst, und zwar ein großes. Aber lassen Sie uns erst Mal schauen, was für ein Problem er eigentlich hatte. Denn tatsächlich war er immer schon ein guter Mensch und ein guter Mönch gewesen, was ja beileibe nicht immer dasselbe ist. Aber Martin Luther hatte Angst. Angst vor Gott. Aber warum?

Zum Glück schreibt Luther darüber selbst, zwar erst einige Jahre später, aber dafür viel interessanter und ehrlicher als so manche Biographien, die wir heute zu lesen bekommen. Lassen wir ihn selbst zu Wort kommen: "Ich konnte", schreibt er, "ich konnte den gerechten, die Sünder strafenden Gott nicht lieben. Im Gegenteil, ich hasste ihn sogar. Wenn ich auch als Mönch untadelig lebte, fühlte ich mich vor Gott doch als Sünder und mein Gewissen quälte mich sehr. Ich wagte nicht zu hoffen, dass ich Gott durch meine Genugtuung versöhnen könnte. Und wenn ich mich auch nicht in Lästerung gegen Gott empörte, so murrte ich doch heimlich gewaltig gegen ihn…" (Vorrede zu Band 1 der lateinischen Schriften 1545). Luther litt. Unendliche Qualen. Die kirchliche Ansage aus Rom war klar. Gott ist gerecht. Begehst du eine Sünde, wird dich Gott strafen. Auch das ist gerecht. Das höchste Gebot nun aber, das Jesus gelehrt hatte, lautet: du sollst Gott über alles lieben. Wie aber soll man jemanden lieben, der einen, sobald man es nicht tut, unendliche Qualen und Höllenstrafen androht? Das ist, nebenbei, auch das Problem aller gewalttätiger Herrscher, die geliebt werden wollen. Luther hatte Angst und fürchtete sich schrecklich und hasste dieses Wort von der Gerechtigkeit Gottes.

Luther ringt mit dem biblischen Text. Doch dann fängt er an zu verstehen, langsam geht es ihm auf: die Gerechtigkeit Gottes, von der Paulus in seinen Briefen spricht, das ist nicht die Gerechtigkeit, mit der Gott uns straft, sondern mit der er uns, obwohl wir Sünder sind, durch Jesus Christus gerecht spricht. Nichts ist dafür notwendig, einzig allein der Glaube. Gott ist gerecht, weil er gerecht macht. Keine Höllenstrafe, kein Fegefeuer, kein zorniger Gott – was für ein Gedanke! Plötzlich war die Angst verschwunden, die Furcht. Die Freiheitserfahrung, die das Volk Israel mit seinem Auszug aus Ägypten erlebte, die erlebte Martin Luther in seinem Inneren. Und wir können uns vielleicht gar nicht genug vorstellen, wie es ihm dabei ging: "Da", schreibt er, "fühlte ich mich ganz und gar neugeboren, und durch offene Tore trat ich in das Paradies selbst ein".

Es muss ein gewaltiges Freiheitsgefühl gewesen sein, immerhin passierte das, den meisten Forschern zufolge, in Wittenberg. Und wer jemals dort war, wird sich sicherlich ein wenig wundern, dass sich ausgerechnet dort das Paradies öffnete. Aber immerhin haben diese Pforten des Paradieses dann später ganz schön im Weg gestanden, als man versuchte, das eigene, sozialistische Paradies zu errichten.

Ich hoffe doch, dass Sie das alle kennen, dieses Gefühl, wenn einem jemand zum ersten Mal sagt: ich liebe dich. Plötzlich ist alles anders. Die Sonne scheint wärmer, die Blumen sind schöner, der Lärm stört nicht und selbst der nervende Grieskram von nebenan ist gar nicht mehr so schlimm. Da ist einer, der mich liebt, so wie ich bin. Der liebt mich einfach so. Nichts muss ich dafür tun. Es ist ein großartiges Gefühl, und die Umwelt nimmt milde hin, wie sich manch ein prinzipientreuer Mensch, plötzlich zum Affen macht. Luthers reformatorische Entdeckung, war nichts anderes, als dass Luther zum ersten Mal Gottes Liebeserklärung an ihn hörte. Und diesen Gott, den kann er lieben. Und so können wir uns einen Martin Luther vorstellen, der verliebt durch die Straßen Wittenbergs torkelt und einen Freund nach dem anderen mit seiner Freiheitserfahrung ansteckt. Mehr und mehr Menschen hören die befreiende Botschaft. Eine Bewegung entsteht und die Reformation beginnt.

Plötzlich fegte ein frischer Wind oder genauer: Gottes Geist durch das alte Kirchengemäuer. Wie ein Kartenhaus fiel das bisherige Lehrgebäude der mittelalterlichen Kirche mit Papst und Ablass in sich zusammen. Alle alte Theologie wurde geprüft und neu durchdacht. Auch das ist Freiheit, nachzufragen, warum etwas so ist, wie es ist. Und die Begründung, "das haben wir schon immer so gemacht" – die zählt nicht mehr. 

3. Sola fide:

Eigentlich sind es vier große Prinzipien, die den evangelischen Glauben prägen. Alle haben viel Freiheit in sich. Exemplarisch sei hier eines genannt. Sola fide – allein durch Glauben. Nicht wir entscheiden uns für Gott, sondern wir erkennen, dass er sich für uns entschieden hat. Es gibt keine Vorbedingung und keine Haken im Kleingedruckten. Wir brauchen Gott nur Recht geben, dass er uns als Sünder liebt und gerecht macht. Das ist der Glaube. Und "wer glaubt und getauft wird, wird gerettet werden" heißt es im Markusevangelium (Mk 16,16). Wir können uns unseres Heils ganz gewiss sein. Im Leben und im Sterben. So, wie Paulus schreibt: Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur und scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist (Röm 8,38f.).

Das macht frei – ungeheuer frei. Frei von der Angst vorm Leben und vorm Sterben, denn immer sind wir umgeben von Gottes Liebe. Was für ein Versprechen, was für eine Freiheit! Nun, auch ich will gar nicht so tun, als hätte nicht auch Angst und Furcht. Natürlich kennt das jeder von uns. Aber wir haben dieses Versprechen: ein angstfreies Leben und Sterben ist möglich. Und jeden Tag wieder können wir es stückchenweise mehr einüben. Jeden Tag auf Neue ein Stück weiter in unsere Taufe "hineinkriechen", wie Luther es sagt.

Diese Freiheit von der Angst hat Konsequenzen. Insbesondere für jene, die die Angst als Mittel ihrer Herrschaft nutzen und versuchen, sich mit Gefängnis- oder Todesandrohung die Menschen gefügig zu machen. Sie müssen damit rechnen, dass es Christinnen und Christen gibt, die sich davon nicht einschüchtern lassen. Dass der ein oder andere ihnen in ihrem grausamen Spiel in die Speichen greift. Einer, der dies tat, und mit seinem Leben bezahlte, war Dietrich Bonhoeffer. Fast auf den Tag genau, am 9. April vor 65 Jahren wurde er im KZ Flossenbürg von den Nazis ermordet. An seinem Leben zeigt sich eindrucksvoll, wie widerständig diese Freiheit aus dem Glauben sein kann. "Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens", sagte Dietrich Bonhoeffer kurz vor seinem Tod. Der ehemaligen Ratsvorsitzende Wolfgang Huber bezeichnet Bonhoeffer gern als evangelischen Heiliger. Aber ein Heiliger im Sinne der Confession Augustana von 1530, die die reformatorische Theologie zusammenfasst. Und die versteht unter Heiligen Vorbilder im Glauben, die für unseren Glauben förderlich sind.

Nun ist, Gott sei Dank, das Land, in dem wir leben ein demokratischer Rechtsstaat geworden, der uns keine Entscheidung auf Leben und Tod abzwingt. Im Gegenteil, er fordert uns sogar auf, sich einzumischen und mitzumachen. Und manchem scheint es gar nicht so leicht, sein Sofa zu verlassen und sich einzubringen. Vielleicht ist auch das Vorbild Dietrich Bonhoeffer für uns alle viel zu groß. Aber so groß kann die Freiheit sein, die der Glauben schenkt.

4. "Niemand ist eine Insel":

Und nun also, da haben wir sie schon mehrfach gestreift, die evangelische Freiheit. Die Evangelischen sind frei, weil sie dem Evangelium von Gottes Gnade durch Jesus Christus trauen. In seiner großen Freiheitsschrift beschreibt Luther die Freiheit eines Christenmenschen bekanntermaßen so: "Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan". In seinem Verhältnis zu den Menschen wird der rechtfertigende Gott zum befreienden Gott. In ihrem Verhältnis zu Gott werden die gerechtfertigten Menschen zu freien Menschen. Also, "alles Freiheit, oder was"?

Nun, wenn es denn so einfach wäre, denn da gibt es ja noch etwas, was diese ganze Freiheit gewaltig stört. Denn, zum Glück, sind wir ja nicht allein auf der Welt, auch, wenn manch liberales Weltbild so tut.  So, als ob wir alle freie Atome sind, die ohne Bindung an andere frei im Raum schweben. Oder Inseln. So wie z.B. Will Freeman, der Held in Nick Hornbys Roman "About a boy". Vielleicht haben Sie ja auch den Film gesehen. Finanziell durch eine Erbschaft gut ausgestattet, ist er der coole freie Yuppie. Schicke Mode, angesagte Musik, tolle Autos, attraktive Frauen. Als dieser im Fernsehen den Spruch "Niemand ist eine Insel hört" protestiert er: "Doch, ich! Ich bin eine Insel. Ich bin Ibiza."

Und sicher würde ihm der Satz von Luther auch gut gefallen. Folgte diesem nicht gleich auch ein zweiter. Dieser aber, wird gern häufig unterschlagen und Sie werden gleich merken, warum. Denn zusammen lauten die Sätze so: "Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan." Frei ist der Mensch vor Gott. Ein dienstbarer Knecht aber für seinen Nächsten, in der Liebe. Denn zu Jesu höchstem Gebot gehört ja auch noch, dass wir unseren Nächsten lieben sollen, wie uns selbst.

Das nun aber hört sich im ersten Augenblick gar nicht mehr so frei an. Aber auch das ist ein wichtiger Teil der Freiheit, nur andersherum. Lassen Sie es uns so denken: Wir sind eben nicht allein auf der Welt und unser Menschsein vollzieht sich in Beziehungen. Wir mögen ja als Menschen alles Mögliche sein, aber wir sind jedenfalls keine Inseln!Und ich sage: zum Glück. Wie wäre es denn, wäre jeder von uns völlig allein? So wie Robinson Crusoe auf seine Insel. Wären wir denn dann frei? Wann ist man frei? Wenn man sich jeden Tag selbst sein Essen einsammeln und Kochen muss, oder wenn es da auch noch jemanden gibt, an dessen Kühlschrank ich ungefragt gehen darf?

Der liebevolle Umgang miteinander macht uns Menschen frei. Wenn ich weiß, ich muss nicht allein für mich sorgen. Da gibt es die anderen, die mir im Fall der Not helfen. Sicher, nicht jedem scheint diese Erkenntnis zu Eigen zu sein. Da gibt es oftmals Menschen, die offenbar lieber Hilfsbedürftige beschimpfen, als ihnen zu helfen. Sie mögen das aus mancherlei Gründen tun, aber, auch wenn sie so klingen, im Namen der Freiheit tun sie dies gerade nicht. Aber, es gibt Hoffnung. Auch Will Freeman lernt im Laufe der Geschichte, dass er keine Insel ist. Spätestens in dem Moment, als aus Versehen eine Ente in einem Teich von einem Leib Brot erschlagen wird. Aber lesen oder schauen Sie es lieber selbst… 

5. Ordnung der Freiheit

Doch wo wir nun bei der Freiheit der anderen sind, wie viel von meiner Glaubensfreiheit vertragen denn die anderen? Diese Frage stellte sich auch 1522 in Wittenberg. Luther war auf der Wartburg und einigen in Wittenberg ging die ganze Reformation nicht schnell genug. Von Andreas Karlstadt angeleitet feierten sie die Messe ohne Messgewand, in deutscher Sprache und das Abendmahl in beiderlei Gestalt, also mit Brot und Wein für alle. Außerdem zerschlug man alle Bilder und Kunstwerke, die man in den Kirchen fand. Doch das, was heute bei uns, ausgenommen der Bilderzertrümmerung – hoffentlich – wie ein normaler evangelischer Gottesdienst wirkt war für viele Wittenberger eine völlige Überforderung. Es ging ihnen alles zu schnell, auch, wenn es eigentlich der reformatorischen Theologie entsprach. Es kam zu Unruhen in der Stadt und Tumulten in den Gottesdiensten. Und so kommt Luther unter Todesgefahr wieder in die Stadt und hält seine berühmten Invokavitpredigten.

Überzeugen will er mit der Macht des Wortes und nicht durch Gewalt. Damit gibt er das Grundschema für die Konfliktlösung in der Kirche an. Er stellt fest, dass die Reformen zwar eigentlich richtig waren, aber ohne Rücksicht auf die "Schwachen", also auf die, die noch nicht so weit waren, sich auf die neue Freiheit einzulassen. Luther argumentiert hier so wie Paulus es tat, als es in der Gemeinde in Korinth zu Spannungen kam. Die "Starken" trauten sich dort schon mehr Freiheit zu als die anderen. Die Freiheit selbst aber, kann man anderen nicht aufzwingen. Man kann sie nicht zu einem Gesetz machen. Oder, wie es Erich Fried so schön sagt: "Zu sagen, hier herrscht Freiheit, ist immer ein Irrtum oder auch eine Lüge: Freiheit herrscht nicht" – sonst wäre sie ja keine Freiheit.

Aber die Tumulte in Wittenberg führten auch zu der Erkenntnis, dass, um der Freiheit willen, nicht einfach jeder machen kann, was er will. Doch wie setzt man diese Erkenntnis als eine Kirche, die die Freiheit geschnuppert hat, um? Denn dies berührt ja das eigene Selbstverständnis. Eine Kirche der Freiheit, muss auch Freiheit in ihrer Gestaltung haben, frei sein von unveränderlichen, gar heiligen Ordnungen. Aufbruch, Bewegung, Unruhe müssen in ihr ihren Platz finden, aber weil sie sich immer wieder allein am dem Evangelium Jesu Christi ausrichtet, diesem "Geschrei von der Gnade Gottes", wie Luther es nennt, darf sie beides haben: gut und vertraut im Alten sein und sich zugleich neu erfinden.

Und das, was wir weiter über die Zukunft dieser Kirche sagen können, ist, dass es sie auch in Zukunft garantiert geben wird - und zwar bis zum Ende der Welt. Das ist die vielleicht größte und mutigste Aussage der Reformatoren, die Melanchthon  im Augsburger Bekenntnis 1530, im siebten Artikel über die Kirche so elegant ausgedrückt hat: "Es wird auch gelehrt, dass allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muss, die die Versammlung aller Gläubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden."

Und so muss es glücklicherweise auch nicht die Kirchenstruktur der EKD in ihrer heutigen Form sein, wie die Kirche aussehen kann. Ja, es muss nicht einmal eine lutherische, reformierte oder unierte Konfession sein. Was es aber geben wird, ist eine Kirche Jesu Christi, in der "das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden". Das ist die große Verheißung: Wir können gar nicht so viel falsch machen, als dass es die auf dem Evangelium Jesu Christi fußende Kirche nicht mehr geben würde.

Aber es schadet natürlich auch nichts, zu versuchen, möglichst viel richtig zu machen: In aller Freiheit, und mit aller Verantwortung, zur Gestaltung der Kirche. Eben weil die Kirche ein Geschöpf des Wortes Gottes ist, gibt es keine sakrosankten Strukturen in der evangelischen Kirche. Es gibt noch nicht einmal jemanden, der sie für uns festlegen könnte, noch nicht einmal einen da oben, auf den wir dann heimlich oder unheimlich schimpfen könnten.

So können wir über Mitgliederzahlen reden, unsere Gotteshäuser betrachten, uns großartig im Internet präsentieren und Ringelbeat tanzen, um großartig rauszukommen. Letztlich aber wird sich Christus und sein Evangelium durch unsere Kirchen und Konfessionen, durch  unseren Ordnungen und unserer Unordnung, durch unsere  Einrichtungen und unser Ausgerichtetsein, durch unsere  Strukturen und Chaos immer einen Weg bahnen zu den Herzen der Menschen. Denn Gottes Wort wirkt, wann und wo es will und kehrt nicht leer zurück (vgl. Jesaja 55, 10).

Nein, verhindern können wir das nicht. Aber wir sollten es vielleicht nicht unbedingt darauf ankommen lassen, dass sich das Wirken des Wortes Gottes gegen unsere Anstrengungen und neben unserer Kirche einen Trampelpfad einrichten muss, weil wir gerade mit anderem befasst sind. Und weil die Freiheit die kirchliche Ordnung durchdringt, ist es sogar, wie das Augsburger Bekenntnis in seinem siebten  Artikel weiter fortführt: "nicht zur wahren Einheit der christlichen Kirche nötig, dass überall die gleichen, von den Menschen eingesetzten Zeremonien eingehalten werden."

6. "Kirche der Freiheit" – Kirche im Aufbruch

2006 wurde das EKD-Impulspapier "Kirche der Freiheit" veröffentlicht und hat soviel Bewegung und Aufbruch gebracht, dass ich nur freudig staunen kann. In dem Impulspapier geht es vor allem um die Zukunft unserer evangelischen Kirche. Es geht darum, wie die Kirche im Jahre 2030 aussehen könnte, wenn sich die Kirche nicht einfach den Verhältnissen anpasst, sondern sich selbst in Freiheit neu denkt, wenn sie selbst "die Verhältnisse" wird. Bevor es vielleicht zu spät ist, weil sich die Gesellschaft ändert, und der Mangel an allen Ressourcen uns in Strukturen zwingt, die wir nicht wollen, die uns nicht helfen, die den Himmel verdunkeln, statt ihn offen zu sehen.

Der Text führte zu einer sehr intensiven und glücklicherweise kontroversen Diskussion über die Zukunft der Kirche, sonst hätte es auch womöglich wieder einmal keiner bemerkt. Und die Fragen, die angesprochen worden sind, etwa nach der Qualität kirchlicher Arbeit, dem Gelingen des kirchlichen Föderalismus oder der Zukunft des Pfarramtes und des Ehrenamtes, haben es ja auch in sich. Vor allem aber war der Text von seiner Gattung völlig ungewohnt und untypisch für die evangelische Kirche. Es gab harten Streit, wie könnte es anders sein, unter Protestanten, gerade weil ,anders als in den sonst üblichen wohl formulierten  kirchlichen Verlautbarungen, die möglichst viele integrieren und niemanden weh tun wollen - dieser Text durchaus provokant formuliert war: er wollte einen Impuls setzen, griff heiße Eisen auf, war gerade nicht mit den verschiedenen Interessensgruppen abgesprochen und so durchaus "anstößig".

In der Politik macht man so etwas in der Regel höchstens einmal. Dann ist man entweder ganz oben oder draußen. Die EKD hat es sogar gewagt, daraus einen Prozess zu machen und sie hört nicht auf, darum zu werben, dass viele ihn mitgestalten und dass auf diese Weise Neue hinzukommen und Neues entsteht. 2006 wurden Ziele formuliert, natürlich biblisch fundiert: Heute klingt das fast selbstverständlich und außerhalb kirchlicher Strukturen vielleicht sowieso. Und man sieht, die "Kirche der Freiheit" ist keine Kirche der Beliebigkeit, keine Kirche, in der jeder schon "seinen Glauben hat", wie sie bei mir auf dem Dorf manchmal sagen. Hier geht es um das, was uns ausmacht, was uns erkennbar macht, was wir immer neu suchen, worüber wir gern auch immer wieder neu streiten. Es geht um:

  • Geistliche Profilierung statt undeutlicher Aktivität. Wo evangelisch draufsteht, muss Evangelium erfahrbar sein.
  • Schwerpunktsetzung statt Vollständigkeit. Kirchliches Wirken muss nicht überall vorhanden sein, wohl aber überall sichtbar.
  • Beweglichkeit in den Formen statt Klammern an Strukturen. Nicht überall muss um des gemeinsamen Zieles willen alles auf dieselbe Weise geschehen.
  • Außenorientierung statt Selbstgenügsamkeit: Auch der Fremde soll Gottes Güte erfahren können, auch der Ferne gehört zu Christus.

Die Auflagenhöhe von über 45.000 Druckexemplaren und über 400.000 Downloads im Internet macht deutlich, wie intensiv die Wirkung war und ist - von völliger Ablehnung bis zur begeisterten Aufnahme. Dort, wo der Prozess aufgenommen wurde, sind im Laufe der vergangenen vier Jahre viele wahrlich unterschiedliche, aber immer auch ermutigende konkrete Maßnahmen und Aktionen angestoßen worden. Und zeitgleich vollzogen sich zudem Aufbrüche und Reformanstrengungen in  Gemeinden, Kirchenkreisen und den Landeskirchen, die oft schon lange vor dem EKD-Papier begonnen haben, manchmal zeitgleich und manchmal auch danach. Manche haben sich auf das EKD-Papier bezogen und manche haben in eigenen Prozessen ganz ähnliches herausgefunden

Ein besonders schöner, lauter, gemeinschaftlicher  und leidenschaftlicher Moment war die Zukunftswerkstatt in Kassel im letzte Jahr. Drei Jahre nachdem alles begonnen hatte, sollte geschaut werden, was daraus geworden ist: ehrlich, selbstbewußt und – wie immer - kritisch: wo stehen wir, was haben wir erreicht, wo wollen wir hin. Rund 1.200 Multiplikatoren waren dazu eingeladen. Und es war eine höchst anregende Veranstaltung, auf der evangelische Kirche einmal ganz anders erlebt werden konnte: angefangen von einer Galerie guter Praxis, auf der sich hundert ausgewählte Projekte präsentierten, über Werkstätten, bis zu  "Andachten anders" mit dem Versuch, Gottesdienst an ganz ungewöhnlichen Orten zu feiern (etwa im Gericht, in der Bank, im Kino oder als "Gospel to Go" im Einkaufszentrum) bis hin zu einem "Abend ausgezeichneter Ideen", einer Art kirchlicher Oskar-Nacht, bei der sich in der Verleihung von sieben ganz unterschiedlichen Preisen die Vielfalt kirchlicher Aufbrüche spiegelte. So fein und entspannt, aber auch so frei in Neuem, war evangelische Kirche bis dato kaum zu sehen.

Aber natürlich wurde auch über Dinge geredet, die nicht oder noch nicht funktionieren. Als darüber geredet wurde, wie es eigentlich mit denen aussieht, die herausragende Funktionen in unserem Land haben und die evangelisch sind, zeigte sich noch manche kahle Stelle. Schon die Frage, wer ist eigentlich evangelisch, in der Politik, der Wissenschaft, im Journalismus und wer will aus solcher Verantwortung heraus was von seiner Kirche, ist erst am Anfang einer Debatte.

Oder auch die Frage, wie machen wir Kirchenreformen in ausgedünnten ländlichen Gebieten? Sagen wir es vielleicht so: ein klein wenig kam Luther zurück. Wir haben geschaut, ob alle mitkommen, aber wir wollten gerade nicht kleiner werden dadurch, wie das ja manchmal geschieht, mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Wir bleiben dabei: wir wollen neu werden, dem Evangelium gemäß, groß, wie die Sache, von der wir zu erzählen haben, leidenschaftlich, wie es die Liebe gebietet – und natürlich: frei!

7. Wie viel Freiheit soll's in Zukunft sein?

Sie merken bei meinem Erzählen: in der evangelischen Kirche ist wirklich zurzeit viel in Bewegung. Ich bin froh und dankbar, als Präses der Synode und Vorsitzende der eben neu vom Rat eingesetzten Steuerungsgruppe für den Reformprozess hieran mitwirken zu können. Deswegen möchte ich abschließend die Schilderung einiger vorläufiger, unfertige Perspektiven nutzen, die mir für den Fortgang einer "EKD in Bewegung" wichtig zu sein scheinen, um aufzuzeigen, wo in Zukunft die Geländer stehen werden, damit die aus der evangelischen Kirchenfreiheit keine Beliebigkeit wird.

Dabei will ich beginnen mit einem lustigen Bild, das ich während der Zukunftswerkstatt in Kassel kennen gelernt habe. Eine Soziologin, eine junge Wissenschaftlerin, brachte folgendes Beispiel: Wenn man möchte, dass ein Wackelpudding glitzert, glänzt und in Bewegung bleibt, dann muss der ab und zu einen Anstoß bekommen, d.h. man muss die Schale mit dem Wackelpudding nicht einfach so vor sich hin stehen lassen, sondern immer mal wieder anstoßen und in Bewegung bringen. Ein bisschen so ist es auch mit der Kirche. Denn für solch einen Reformprozess, für eine EKD in Bewegung, gilt - ähnlich wie übrigens für den Kirchentag und seine Beweglichkeit:
Auch er ist darauf angewiesen, dass es immer wieder neue Impulse gibt, Anstöße, auch Ärgernisse und Herausforderungen, an denen man sich reiben und wachsen kann.

Einige von Ihnen wissen, dass ich gleichzeitig Präsidentin des Kirchentages 2011 in Dresden bin, und wir auch dort die Frage haben, welche Elemente und Bausteine wir neu einfügen und neu entdecken sollen, damit der Kirchentag nicht zu einer Routine wird, sondern immer wieder Kirche in Bewegung bleibt.

Dies ist die Stelle für die Werbepause: Lassen Sie sich herzlich einladen zum 2. Ökumenischen Kirchentag in München. Dort werden wir mit der Artoklasie, also mit dem gemeinsamen Essen an Tausenden von Tischen mitten in der Innenstadt München, eine neue Form der Gemeinschaft zwischen den Konfessionen finden, ein ganz besonderes Erlebnis, von dem ich überzeugt in, dass es prägend sein wird. Hier ist Kirche sitzend und schmatzend in Bewegung, das ist nicht schlecht!

Aber wie ist es für eine verfasste Kirche, wie ist es für die EKD, die ordentliche Strukturen hat und der Zuständigkeitsfragen eine der zentralsten Fragen zu sein scheint? Welche Anstöße, welche Impulse brauchen wir, um eine Kirche in Bewegung zu sein? Lassen Sie mich vier Punkte nennen:

1.Zuerst: Ich glaube, das Entscheidende und Wesentliche ist, dass wir wieder mehr Theologie wagen, und zwar wir alle, nicht nur die Universitäten oder die hochgebildeten Theologeninnen und Theologen, sondern wir alle, Sie und ich, wir, die wir versuchen, auf Gottes Wort zu hören, gut von ihm zu reden, die wir Psalmen beten, die wir uns morgens und abends an seine Gegenwart erinnern und in Liedern von ihm singen. Wir suchen eine Theologie, die sich gerade dadurch auszeichnet, dass sie ganz eng verbunden ist mit den Fragen des Lebens selbst, mit dem, was uns wirklich Mühe macht, mit dem, was das Herz berührt und die Hoffnung klein zu machen versucht.

Dabei denke ich natürlich auch an viele gesellschaftpolitische Fragen, die uns bedrängen – von der gescheiterten Kopenhagen-Verhandlung über die Zukunft der Erderwärmung bis hin zu dieser abenteuerlichen Schuldenpolitik, die die Regierung betreibt. Unsere Welt braucht Christinnen und Christen, die ehrlich und nüchtern sagen, was dran ist - auch auf das Risiko hin, dass sie sich irren. Der prophetische Gestus ist immer auch ein gefährdeter Gestus, aber ohne ihn ist die Welt um eine wichtige Stimme gebracht.

Aber wir sollen auch mehr Theologie wagen am Krankenbett, in den Sterbehäusern, bei den Kindern, die unheilbar krank sind, bei den Weinenden und Beschwerten. Wir sollen Gottes Wort hineintragen in den Kummer dieser Welt, wir sollen seinen Trost, sein Licht stark machen dort, wo es dunkel ist. Denn ich bin davon überzeugt, wenn wir Gottes Wort und seine Barmherzigkeit und Gnade hineintragen in das wirkliche, echte, dichte Leben, dann lernen wir neue Fragen kennen, neue Sehnsüchte und das verändert auch unsere Theologie hin zur Lebenswissenschaft.

Deswegen ist die reformatorische Grundeinsicht, dass Theologie nicht nur an Pfarrerinnen und Pfarrer gebunden ist, sondern dass jeder getaufte Christ, jede getaufte Christin quasi ein Priester, eine Priesterin ist, so wertvoll und so wichtig. "Wer aus der Taufe gekrochen ist, ist Priester und Papst", schreibt Luther. Wir alle können schicke rote Schuhe tragen und huldvoll vom Balkon winken, vorausgesetzt, dass wir das wollen.

Nicht, weil die Theologinnen und Theologen alle nichts taugen, sondern weil wir nur zusammen Gott aufspüren können in den Winkeln dieser Welt, in den Lebensräumen, die wir bewohnen und ihn dort bezeugen können, wo andere ihn gar nicht vermuten. Mehr Theologie wagen heißt für mich, die Schätze der Tradition, den Glanz der Glaubensaussagen auch in unserer Generation weiterzugeben, mitzuhelfen, dass wir den Wackelpudding auch an dieser Stelle zum Glitzern und Glänzen kriegen, hier, wo es um das Herz des Glaubens geht.

2. Wir brauchen eine gewisse Angstfreiheit und Loslasskultur vor den Herausforderungen, vor denen wir stehen. Eine Herausforderung scheint mir in der Mitte zu stehen und gleichsam exemplarisch diejenige Aufgabe zu sein, an der sich auch ein Stück entscheiden wird, ob Zukunft gelingt oder nicht. Das ist die sogenannte Kirche in der Fläche. Wir haben eine Fülle von Gemeinden, die sehr klein sind, die auf dem Land sind, wo uns Menschen vertrauen, die seit Jahrhunderten in ihren Dörfern und kleinen Städten evangelische Predigt gehört haben, die vieles für ihre Kirche getan haben und tun, und die plötzlich merken: Es entsteht die Gefahr, dass wir als Kirche es nicht mehr schaffen, in der Fläche bei den Menschen zu bleiben. Wir müssen kluge Wege finden, das Evangelium auch in dünn besiedelten Gebieten, in erschöpften Gegenden zu verkünden, auch wenn wir dafür wirklich neue Ideen und hohe Kreativität brauchen.

Es ist dieses Dilemma, vor dem wir exemplarisch stehen: Während man in den Städten Aufgaben immer noch austauschen und kooperieren kann, ist die Kirche in der Fläche eine Kirche, die gute Wege finden muss, bei den Menschen zu bleiben, ohne die Pfarrerinnen, die Katecheten, die Diakoninnen und Kirchenmusiker zu überfordern und heimatlos zu machen, weil sie nicht nur für eine oder zwei oder drei Gemeinden zuständig sind, sondern für 12, 15, 17. Ich glaube, der Protestantismus muss all seine Intelligenz und seine Pfiffigkeit in diese Fragestellung stecken, denn wenn uns nichts Überzeugendes für die Kirche in der Fläche einfällt, dann wird es auch an anderen Orten schwierig.

3. Jede Bewegung in der Kirche braucht Menschen, die sie tragen. Menschen, die Lust haben, auch Risiken einzugehen, die neue Wege ausprobieren, die ermutigt sind und andere ermutigen können. Das Impulspapier hat damals von dem Pfarramt als dem Schlüsselberuf unserer Kirche gesprochen. Viele hatten  erwartet, dass daraufhin viel Empörung bei den anderen Berufen in unserer Kirche entsteht, also bei den Diakonen, bei den Kirchenmusikerinnen und Küstern. Aber nein, es war genau anders herum: diejenigen, die sich am lautesten beschwert haben, war die Pfarrerschaft selbst, weil sie sich überfordert und beansprucht fühlten. Wie kommt das eigentlich?

Wir haben ganz zweifellos Herausforderungen auch in der Motivation, in der Ermutigung unserer Pfarrerinnen und Pfarrer. Das Verhältnis zwischen der Kirchenleitung und diesem Schlüsselberuf ist noch nicht rundum vertrauensvoll und gut. Wir müssen einen gemeinsamen Weg finden, um gerade diesen Berufsstand in unserer Kirche nicht als einzigen, aber doch als einen sehr wichtigen Berufsstand zu gewinnen für die Herausforderungen, in denen sich unsere Kirche befindet. Man kann nicht ohne die Pfarrer und Pfarrerinnen eine Kirche in Bewegung halten. Wir wollen Sie gewinnen, und zwar mit dem Herzen, nicht durch obrigkeitliche Festlegung und ausschließliche Zielvereinbarungen. Das würde auch gar nicht zu uns Freiheitsliebenden passen. Es sind nicht nur ein paar Einzelne von ihnen, die große Lust haben, an den Veränderungen mitzuwirken. Sie tun es längst, da, wo sie sind und ohne großes Tamtam darum zu machen. Diesen Schatz müssen wir heben. Und zugleich müssen wir die, die sich erschöpft und überfordert fühlen, von immer wieder Neuem mitnehmen.

Unser Reformprozess kann nur dann erfolgreich sein, wenn er für die, die ihn gestalten, am Ende Erleichterung bedeutet, Begeisterung und Zukunftsgewissheit und nicht Last und Beschwernis. Das ist noch ein gutes Stück Arbeit. Und ich glaube, dass die ehrenamtlich Engagierten, die von den Kirchenvorständen bis zum Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland als Laien aktiv mithelfen können, diese Bewegung zu gestalten, sie haben eine ganz wichtige Funktion der Ermutigung, der Entkrampfung, auch der Entspannung zwischen den verschiedenen Hierarchieebene. Hier gilt es neue Ideen zu entwickeln.

Und 4. Zu jeder Kirche in Bewegung gehört eine doppelte Bewegung: Einmal die geistliche Konzentration und dann die Wendung nach außen. Wir müssen ein Selbstbewusstsein dafür gewinnen, wer wir sind, was wir können und wozu uns Gott berufen hat. Und gleichzeitig brauchen wir eine tiefe, leidenschaftliche Neugier auf die, die noch nicht oder nicht mehr zu uns gehören, die sich von der Kirche abgewendet haben, aus welchen Gründen auch immer. Wer die Welt nicht kennenlernen will und die Menschen in ihrer Größe und Grenze nicht mit aller Neugier und Aufmerksamkeit betrachten will, der kann keine gute Pfarrerin, kein guter Pfarrer sein.

Und eine Kirche, die sich nicht nach außen wendet und die anderen kennen lernen möchte, die anderen Religionen, die anderen Weltanschauungen, auch diejenigen, die ohne jede Weltanschauung leben, eine solche Kirche vernachlässigt ihren Auftrag, Menschenfischerin zu sein und die frohe Botschaft Jesu Christi, das befreiende Evangelium allen Menschen zu verkündigen.

8. Schluss

Ich komme zum Schluss: Warum liebe ich die evangelische Kirche? Warum bin ich gern evangelisch? Ich glaube, es ist wegen der Freiheit. Der Freiheit im Glauben und der Freiheit der Kirche. Ich glaube, im Kern ist unser Glaube ein wunderschöner Segen Gottes. Er gehört zu den grundlegendsten, schönsten und wichtigsten Dingen, die ich in meinem Leben kennen gelernt habe. Welch ein Reichtum, welch ein Staunen über Gottes Gegenwart, welch eine Weite, die sich dem Herzen öffnet und den Geist frei macht. Welch eine Freiheit!

Und es gibt so etwas wie eine Schönheit des Glaubens, einen Glanz, ein Licht, das uns zu aufrechten, fröhlichen, liebensfähigen und liebenswürdigen Menschen macht. Das liebe ich. Und unsere evangelische  Kirche ist keine starre Ordnung, die selbst keine Freiheit lässt. Sie ist eine Kirche im Wandel, eine Kirche, die schon immer in Bewegung ist. Und zu einer Kirche in Bewegung, dazu gehören Menschen, die lachend, aufrecht, selbstbewusst und dankbar von Gottes Güte reden und keine Angst haben vor dem, was kommt. Denn Gott ruft uns in die Freiheit, lässt uns aufbrechen in die Zukunft und kommt uns selbst dabei entgegen. Was für ein Glauben könnte denn für eine Freiheitsliebende wie mich, schöner sein?

 Wird die Freiheit kleiner, wenn sie evangelisch ist? Nein, das wird sie nicht. Aber sie bekommt ein Geländer.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.