"Verlorene Maßstäbe". Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit im Alten Rathaussaal in München

Katrin Göring-Eckardt

07. März 2010

Anrede,

für die Einladung, die Woche der Brüderlichkeit hier in München mit einer Ansprache zu eröffnen, bedanke ich mich sehr herzlich. Es ist für mich eine Freude und eine Ehre, zu Ihnen zu sprechen.

„Verlorene Maßstäbe“ so lautet das Jahresthema der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Verlorene Maßstäbe. Wir gehen also davon aus, dass Maßstäbe vorhanden waren und nun – verloren sind. Stimmt das denn? Schnell kommt mir der Spruch in den Sinn, dass früher ja bekanntlich alles besser war. Doch das ist eine pessimistische Geschichtssicht, die das Gestern hell und strahlend macht, die Gegenwart aber zum Problem erhebt. Verlorenen Maßstäbe – worum geht es also:  um eine Formulierung der älteren Generation? Darum, dass uns wirklich und schon länger etwas verloren gegangen ist und wir es jetzt erst merken: mit Macht und schmerzlich in Zeiten der Finanzkrise? Geht es darum, dass es schwer ist, Maßstäbe zu formulieren, verbindlich, allgemeingültig in pluraler, globalisierter, unübersichtlicher Welt? Was also sind Maßstäbe? Wie können Sie verloren gehen? Können wir Maßstäbe neu etablieren und welche Rolle kommt dabei den Religionen, dem Denken in religiösen Kategorien zu?

„Verantwortung und Risiko: Die Kunst, es nicht gewesen zu sein“ unter diesem Titel fand im April des vergangenen Jahres das „Philosophische Quartett“ statt. Odo Marquard  hat diesen Satz geprägt. Und in der „Kunst, es nicht gewesen zu sein“, scheint es nicht Wenige zu geben, die es zur Meisterschaft gebracht haben. Ob Banken- und Finanzkrise, ob Baumängel oder Wartungsprobleme bei der Bahn, ob käufliche Standflächen auf Parteitagen oder doch Zeiten mit dem Ministerpräsidenten – immer wieder ist es schwierig oder unmöglich, Verantwortliche zu finden, Menschen, die zu ihren Fehlern stehen und Verantwortung übernehmen für die Art und Weise ihres Handelns. Mitunter findet sich – oft merkwürdig schnell – jemand, der alles auf sich nimmt und Konsequenzen zieht. Damit soll sich dann die Lage beruhigen und schnell das Vergessen einsetzen. Viel öfter aber ist eigentlich „niemand“ für das Geschehen zuständig oder gar verantwortlich. Es sind die Umstände, das System, der Apparat und mal deutlicher, mal leiser klingt mit: So läuft es eben. Verantwortung scheint sich in nichts aufzulösen. Was bleibt sind Unbehagen und Schweigen.

An dieser Stelle, das werden Sie erwarten, ein Wort zu Margot Käßmann. Klar und deutlich war ihr Statement während der Pressekonferenz am vergangenen Mittwoch. Sie habe einen schweren Fehler gemacht, den sie bereue - doch damit nicht genug. „Amt und Autorität“ seien beschädigt und auch aus Achtung und Respekt vor sich selbst gebe es nur eine Konsequenz: den Rücktritt von den Ämtern der Landesbischöfin und der Vorsitzenden des  Rates der EKD. Margot Käßmann hat sich entschieden: Geradlinigkeit und Glaubwürdigkeit sind für sie wichtiger als Ämter. Das sind hohe Maßstäbe an sich selbst, das ist das eine – und mit ihrem Rücktritt, das wird man sagen dürfen, hat Margot Käßmann Maßstäbe gesetzt für den Umgang mit Verantwortung, mit Schuld.

Wir brauchen diese Maß-Stäbe, Stäbe, die uns als Geländer dienen und an denen wir uns orientieren können und manchmal auch festhalten, denn ohne die Stabilitätsstäbe schwanken und wanken wir. An ihnen messen wir, was für unser Leben Bedeutung hat, was unser Leben und Streben bestimmt, woran wir unser Tun und Lassen, unser Denken und Träumen ausrichten. Maßstäbe zeigen Wege an, das rechte Maß zu halten, nicht maßlos zu werden. Sie sind weniger als Vorschriften und Gesetze, aber mehr als reine Willkür und Beliebigkeit, sie sind internalisierte Orientierungen, die kommunizierbar sind, über die man verantwortlich reden kann, auf die man sich selbst und andere ansprechen kann. Maßstäbe sind Einstellungen, die uns von innen her leiten. Sie schaffen Verhältnismäßigkeiten, sie lassen unser Herz, unser Gewissen, unsere Seele wissen, welche Haltung wir einnehmen sollten. Dabei setzen Maßstäbe ein Innenverhältnis voraus, wer nur äußerlich ist, der hat keine Maßstäbe, weil er sich allein von Außen und fremden Erwartungen treiben lässt. Wer keine Maßstäbe hat, ist von außen und Äußerlichem abhängig, von Applaus und Zuneigung der anderen, von dem Bankkonto oder Bonizahlen, von Reputation und Erfolg usw.

Dass Maßstäbe verloren sind, zeigt sich wohl auch daran, wie sehr äußerlich wir mit unserem Inneren umgehen. Eine Beobachtung möchte ich Ihnen in diesem Zusammenhang beschreiben: Wir sind sehr versucht Maßstäbe mit Zahlen zu erarbeiten. Zahlen haben den Anschein von Neutralität. Und sie sind oft beeindruckend. Was kostet die Gesundheit? Die Antwort vom Statistischen Bundesamt gibt für das Jahr 2007 rund 250 Mrd. Euro an. Eine unvorstellbare Summe. Oder das Sozialbudget. Das wird für das Jahr 2007 mit rund 709 Mrd. Euro angegeben. Bei solchen Zahlen werden die Bedürfnisse und Sorgen der einzelnen Menschen ganz klein. Und damit auch ihr Recht, Ansprüche geltend zu machen. Wer wagt es, bei diesen Kosten, die für riesige Finanzierungsprobleme stehen, noch auf persönliche Probleme hinzuweisen?

Wir haben uns daran gewöhnt, Zahlen als Maßstab zu verwenden. Wir verwenden sie, um unser Leben zu ordnen, das Leben mit seinen vielfältigen Erfahrungen und Anforderungen handhabbar zu machen. Was braucht ein Mensch, um leben zu können, in Würde, be- und geachtet von anderen und von sich selbst? Wir suchen die Antwort in Zahlen. Wir reden dann von „Regelsätzen für Hartz-IV-Empfänger“. Und wir sprechen von Transferleistungen und dem Lohnabstandsgebot. Zwar wird uns langsam deutlich, dass die Löhne im Niedriglohnsektor genauso stetig sinken wie sich der Lohnabstand verringert, während die Anzahl der Geringqualifizierten, die im Niedriglohnsektor tätig sind, stetig steigt. Wir erkennen nach und nach, dass es immer mehr Menschen gibt, die als Anbieterinnen und Anbieter von Arbeitskraft offensichtlich gar nicht die Marktmacht haben, zu niedrige Löhne abzulehnen und damit dann zu einer Steigerung des Lohnniveaus im Niedriglohnsektor beizutragen. Wir stellen fest, dass andererseits die Nachfrageseite die Marktmacht hat, Löhne zu realisieren, die weit unterhalb des rational zu verwirklichenden Niveaus liegen. Es wird deutlich, dass es keine Lösung ist, Regelsätze zu erhöhen oder abzusenken, um Menschen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Wenn wir nur die Zahlungen, die Zahlen, zum Maßstab machen, ändern wir nichts, sondern verfestigen lediglich die bestehende Situation. Ja, wir sorgen vermutlich dafür, dass es für viele Menschen immer schwieriger wird, ein selbstbestimmtes Leben in Würde zu führen.

Es wird deutlich: Es hilft nichts, Zahlen zum Maßstab für grundlegende Fragen zu machen. Sie können nur ein Aspekt sein, einen kleinen Bereich erhellen – aber auch verdunkeln. Wenn wir daran denken, mit welchen Zahlen in den letzten Jahren im Bereiche der Wirtschafts- und Finanzpolitik, der Banken und Staaten agiert wird, dann wird deutlich: Zahlen, die jede Vorstellungskraft übersteigen, verlieren ihre Bedeutung. Natürlich stellen diese Versuche, verlorene Maßstäbe durch Zahlen zu ersetzen, nur einen Ausschnitt unserer Versuche der Kompensation dar. Doch wenn wir genau hinschauen wird deutlich, wie bestimmend sie für uns sind. Es ist erschreckend, wie stark sich andere Maßstäbe, andere Überlegungen, Zahlen unterzuordnen haben.

Anrede,

Gewinn, Rendite, Boni – das sind Größen, die mehr und mehr zum Maßstab für Erfolg wurden – bis die Blase platzte und das Kartenhaus zusammenbrach. Dabei ist auffällig, dass in der Diskussion um die Ursachen dieser Krise immer wieder der Begriff der Gier fällt – und dies keineswegs nur in kirchlichen Kreisen, wo man es vielleicht noch eher erwarten könnte. Gier, das ist einerseits ein individuelles Phänomen. Erlegen sind ihr verantwortliche oder eben besser: unverantwortliche Banker und Manager. Mehr Rendite, mehr Boni, kurzfristig, immer schneller, eine Spirale nach oben. Allerdings: nicht nur Manager hat die Gier gepackt, auch weite Teile der Bevölkerung haben die Versprechen von steigenden Aktienkursen und utopischen Zinsausschüttungen verführt. Die Haltung, immer mehr Haben zu wollen, ohne zu fragen, wie das eigentlich sein kann und auf wessen Kosten – das ist Teil des Problems.

Andererseits ist Profitstreben, im Gegensatz zur individuellen Gier, gerade nicht subjektiv. Es ist kein Impuls, dem der oder die einzelne nachgeben oder sich durch Selbstdisziplinierung einfach verweigern könnte. Wettbewerb und Gewinnstreben sind für die freie Marktwirtsschaft konstitutiv. Nur: es braucht eben Maßstäbe, Leitplanken, staatliche Intervention, die die Regeln des Strebens nach Mehr, nach Gewinn festlegt – und zwar so, dass es gerecht zugeht und dass es um das Gemeinwohl, nicht um die maßlosen Interessen Einzelner oder einzelner Gruppen geht. Geschieht das nicht, dann verändern sich zunehmend Denken und Handeln aller Menschen. Hauptsache ich, nach mir die Sinflut. Wenn keine anderen Maßstäbe außerhalb dieser Logik mehr Halt und Orientierung geben, wird jeder zum Schnäppchenjäger, zum homo oeconomicus, dem alles zur Ware verkommt. Allein diese eindimensionale Logik des billig kaufen und teuer verkaufen zählt dann noch. Ethische Forderungen werden als realitätsfern abgetan und in die Sonntagsrede verbannt.

Dieser homo oeconomicus orientiert sich allein an seinem eigenen Vorteil. Und das steht dem, was uns das jüdisch-christlichen Erbe aufgibt, diametral entgegen. Denn nicht in Egozentriertheit, nicht im „In sich selbst Gekrümmtsein“ - wie Luther es so treffend beschrieb, sondern in der Ausrichtung auf Gott und den Nächsten liegt heilsame Befreiung. Die mittelalterliche Kirche zählte die unersättliche Gier zu den so genannten sieben Todsünden – nicht von ungefähr. Und der Ausdruck der „Todsünde“ trifft es ja auch genau. Denn sie unterhöhlt die Grundlagen des Lebens und stellt es schließlich in Frage.

In der Bibel lesen wir: „Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.“ (Lk 12, 15) Die Geldgier ist die Wurzel allen Übels (1. Tim, 6,10).  Ja, der Mammon selbst wird zum Götzen und die Habgier zum Götzendienst, der schließlich ins Verderben führen muss. Diesen inneren Zusammenhang von Habgier und Gottlosigkeit mit seinen fatale Folgen, kennt auch der Psalmist, er sagt: „Denn der Gottlose rühmt sich seines Mutwillens, und der Habgierige sagt dem HERRN ab und lästert ihn.“ (Ps 10,3) Die Alternative lauten also von alters her: Entweder du glaubst an den lebendigen Gott oder du  glaubst an das Geld, an Baal, den toten Fruchtbarkeitsgötzen. Beides zusammen scheint nicht möglich zu sein.
Ganz anschaulich, geradezu archetypisch wird vom verhängnisvollen Wirken der Habsucht in den alten Schriften erzählt. Judas, verrät seinen Herrn – für 30 Silberlinge. Er verzweifelt daran und wählt in seiner Ausweglosigkeit den Tod am Strick. Wem alles zur Ware verkommt, wer alles für käuflich hält, die Liebe, die Freundschaft, die Hoffnung und den Glauben, dem bleibt am Ende nur die Isolation, die Trostlosigkeit, der selbstgewählte Untergang.
Diese Erkenntnis ist, und das ist ja auch nicht überraschend, nicht spezifisch christlich. Auch die alten Griechen wussten um die unheimliche Macht der Geldgier. Sie kennen die tragische Geschichte von König Midas. Die Ereignisse beginnen vielversprechend, Midas nimmt Dionysos freundlich auf, gewährt ihm Gastfreundschaft, teilt, was er hat. Es darf sich etwas wünschen dafür, soll entlohnt werden. Und in seiner Torheit und Gier bittet er darum, dass alles, was er fortan berührte, sich in Gold verwandeln möge. So geschieht es. Zunächst ist er euphorisch, doch dann macht sich mehr und mehr Entsetzen breit. Alles, wirklich alles wird dem König nun zu Gold: Er kann nun nicht mehr essen, trinken, lieben, und droht, an den Folgen seiner maßlosen Gier zu verenden.

Die Gier des Menschen ist also gewiss keine Phänomen der Neuzeit. Aber sie scheint größer zu sein, je größer die Versuchung, je größer der Anreiz und je enthemmter eine Gesellschaft ist, der Habsucht zur durchwirkenden Lebenseinstellung geworden ist. Dieser Entschränkung der Gier zu wehren – durch Gesetze, Vorschriften, Regeln und Erziehung zum Maßhalten, vor allem durch das Setzen anderer Werte und Ziele – anderer Maßstäbe - das ist nicht nur Aufgabe der ethischen, sondern auch der ökonomischen Vernunft. Es ist eine Frage des guten Lebens, ja, zunehmend auch eine Frage des Überlebens.

Unsere Gesellschaft als ganze und auch jede und jeder einzelne wird sich fragen und fragen lassen müssen, wo Neuorientierung notwendig ist und wo grundsätzlicher Wandel im Denken erforderlich. Es geht um die Fragen nach einer Freiheit, die in Verantwortung gestaltet wird. Es geht um die Erkenntnis von Schuld, um die Bitte um Vergebung, um Neuanfang und die Schaffung von menschlichen Beziehungen, die von Vertrauen und Solidarität bestimmt sind. Es geht also um Fragen, die die Grundlagen unserer Zivilisation betreffen und bei deren Beantwortung wir uns, zu Recht und unabdingbar, unseren jüdisch-christlichen Traditionen zuwenden müssen. Nur aus den Wurzeln unseres Glaubens können wir die Inspiration und Kraft zur Gestaltung der Gegenwartsaufgaben beziehen.

Anrede,

Es lohnt sich also, nach den verlorenen Maßstäben zu suchen, sie wieder zu entdecken, sie aber auch zu prüfen– ohne Nostalgie – denn es wird uns nichts nützen, sie einfach nur wieder in Kraft setzen zu wollen. Und wir müssen zugleich neue Maßstäbe formulieren, solche, die den aktuellen und zukünftigen Herausforderungen angemessen sind. Die Grundfrage ist, ob wir über den sich selbst zum Maß werdenden Menschen hinauskommen wollen und ob wir das können.

Die religiösen Traditionen stellen uns, unser Denken und Urteilen in einen größeren Zusammenhang. Die Orientierung fällt uns leichter. Welche Stellen in Tora und Bibel fallen Ihnen ein, wenn es um Maßstäbe geht, um die Formulierung dessen, was  sein soll und wir gut miteinander leben können. Den meisten vielleicht zuerst der Dekalog, die zehn Gebote (Ex 20,2-17; Dtn 5,6-21), die auf den Punkt bringen, wie Leben gelingen kann. Natürlich auch die Goldene Regel, die weit in die Geistesgeschichte hineingewirkt hat: „Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!“ (Lk 6,31). Und nicht zuletzt ist uns das Doppelgebot der Liebe aufgetragen, wie es Markus überliefert: „Jesus aber antwortete ihm: Das höchste Gebot ist das: ‚Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften‘. Das andre ist dies: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst‘. Es ist kein anderes Gebot größer als diese.“ (Mk 12, 29-31). Ach das ein Rückgriff auf ältere Traditionen in Tora bzw. Altem Testament (Dtn 6,5; Lev 19;18).

Diese bekannten Orientierungen oder Regeln oder Gebote – wie immer wir sie nennen wollen – geben vor, was sein soll. Und bedürfen doch der Exegese, immer wieder neu in ihrer Zeit. Wenn wir sie ernst nehmen, müssen wir sie uns erschließen. Und wir stellen dabei fest, dass dieser Prozess der Erschließung keineswegs abgeschlossen ist. Exegetische und textkritische Arbeit einerseits und archäologische Forschung andererseits lassen uns immer besser verstehen, in welchen Situationen Menschen ihre Gotteserfahrungen formuliert haben. Wir durchschauen immer deutlicher, in welchen Zusammenhängen diese Texte tradiert worden sind und in welchem Geschehen, bei welchen Ereignissen sie welche Bedeutung für die Glaubenden gehabt haben und immer wieder haben. Wir verstehen, dass diese überlieferten Maßstäbe nicht hermetisch abgeschlossen sind. Sie sind nicht nur offen für Interpretation und Aneignung auf dem Hintergrund der jeweils aktuellen Situation. Sie fordern geradezu heraus dazu, sie als Maßstab und Richtschnur im eigentlichen, ursprünglichen Sinn zu verstehen. Es geht darum, mit ihrer Hilfe immer wieder etwas Neues zu schaffen. Denn Maßstab und Richtschnur, beides im Lateinischen mit „norma“ übersetzt, sind ja ursprünglich Werkzeuge des Baumeisters. Sie sind nicht Selbstzweck, sondern Werkzeug, um etwas zu schaffen: eine Behausung, eine Wohnung, einen Ort zum Leben. So lassen sich Orientierungen oder Regeln oder Gebote verstehen: Werkzeuge, die dazu dienen, Leben zu ermöglichen. Hilfen, um die Gemeinschaft der Menschen zu schützen gegen Über-, Ein- und Angriffe. Und sie dienen dazu, die Integrität jedes und jeder Einzelnen zu schützen. Und nicht zuletzt auch, die Schöpfung zu schützen vor uns Menschen.

Die Maßstäbe, die sich aus dem Tanach (Tora, Neviim und Ketuvim), dem Alten Testament, wie auch dem Neuen Testament gewinnen lassen, werden erst dann wirklich in ihrer Bedeutung erfasst, wenn sich Juden und Christen gemeinsam um ein Verständnis bemühen. Ein wirklicher Meilenstein sind dabei die „zwölf Thesen von Berlin“. Dieser Aufruf des Internationalen Rats der Juden und Christen (ICCJ), der im Juli 2009 in Berlin veröffentlicht worden ist, stellt insofern eine wunderbare Neuerung dar, dass er vollständig gemeinsam von Juden und Christen erarbeitet worden ist und sich als gemeinsamer Aufruf an die Gemeinden der beiden Religionsgemeinschaften richtet. Bislang hatte man sich in Erklärungen und Aufrufen ja fast ausschließlich aus der Perspektive eines der beiden Dialogpartner geäußert – bis auf einen kleinen gemeinsamen Abschnitt im Papier des ICCJ von 1993 „Juden und Christen auf der Suche nach einer gemeinsamen religiösen Basis für einen Beitrag zu einer besseren Welt“.

In dem Aufruf vom Juli 2009 „Zeit zur Neu-Verpflichtung. Christlich-jüdischer Dialog 70 Jahre nach Kriegsbeginn und Shoah“ also wird die Bedeutung der biblischen Texte und die Arbeit am ihnen besonders betont. In dieser „Neu-Verpflichtung“ geht es darum, dass sich Menschen verpflichten, diesen Dialog, das als gemeinsam Erkannte, mit Leben zu füllen und konkret werden zu lassen. Denn die Besinnung auf die gemeinsamen jüdischen und christlichen Wurzeln kann  uns  Maßstäbe geben für das gemeinsame Zusammenleben und den Kampf gegen religiöse, rassische und alle anderen Formen von Antisemitismus. Ein Christ, der die grundlegende Identität von Jesus und Paulus als Juden ihrer Zeit anerkennt – darauf  weist der Aufruf an Christen und christliche Gemeinden – hin muss sich auch konsequent gegen jegliche antisemitische Tendenzen einsetzen. Zu einem konstruktiven christlich-jüdischen Dialog gehört auch, dass wir uns gegen christliche Fehldeutungen biblischer Texte über Juden und Judentum wenden, die Zerrbilder oder Feindseligkeit hervorrufen.
 
Da Dialog immer ein wechselseitiger Vorgang ist, enthält der Aufruf ebenso einen Abschnitt, der sich an Juden und jüdische Gemeinden richtet. Er formuliert unter anderem die Verpflichtung, jüdische Texte und Liturgien neu zu überdenken und aus ihrem historischen Kontext heraus zu verstehen. Und gerade für den christlich-jüdischen Dialog kommender Generationen ist es wichtig, dass grundlegende, präzise Hintergrundinformationen über das Christentum in die Curricula jüdischer Schulen, Rabbinerseminare und Erwachsenenbildungsprogramme aufgenommen werden. Diese Sicht bietet Chancen, aus der christlich-jüdischen Tradition heraus alte Maßstäbe – dort, wo es angemessen ist, in neuer Interpretation – wieder zu entdecken und neue Maßstäbe zu finden, die es wert sind, zu „Staffelstäben“ zu werden, die wir an kommende Generationen weiterreichen wollen.

Anrede,
die Woche der Brüderlichkeit lädt uns ein, unsere Maßstäbe in den Blick zu nehmen. Als Tradition gewordene jährliche Initiative zum einen.  1952 ins Leben gerufen schien, mit so geringem zeitlichen Abstand zum unfassbaren Verbrechen des Holocaust, ein Dialog zwischen Juden und Christen kaum denkbar. Aber dieser Dialog hat Kraft entfaltet und das Verhältnis grundlegend verändert. Nicht immer ohne Rückschläge, nicht immer ohne Stagnation – aber eben immer wieder mit Menschen, die nach Maßstäben der Begegnung, des Miteinanders gesucht haben und ein Gegenüber fanden, die sich gleiche Maßstäbe zu eigen machen wollten.

Zum zweiten: Konkret in diesem Jahr hat sich die Woche der Brüderlichkeit unter das Motte „Verlorenen Maßstäbe“ gestellt. Gemeinsam – und wie gut ist es, dass es gemeinsam geht – werden Juden und Christen nachdenken, in welchen Bereichen unserer Gesellschaft der Verlust von Maßstäben zu konstatieren ist und wie Verantwortungsübernahme gestaltet werden kann.

Drittens und nicht zuletzt: Sind diese Tage eine gut Gelegenheit für uns selbst, uns darüber klar zu werden, was unsere Maßstäbe sind, woher sie kommen und zu welchem Zweck wir sie nutzen. Die Woche der Brüderlichkeit lädt uns ein, uns mit anderen auszutauschen über die Maßstäbe, die wir – oft ohne es zu merken, ohne es uns bewusst zu machen – alltäglich, ja ständig im Miteinander anwenden. Erst wenn wir uns im Nachdenken und im Gespräch miteinander über jene Maßstäbe klar werden, die unser Denken und oft auch unser Urteilen bewusst oder – was wohl häufiger der Fall ist – unbewusst bestimmen, können wir uns darüber klar werden, wo wir sie zumindest in Frage stellen, wenn nicht verändern können und müssen.