Ansprache bei der Eröffnungsveranstaltung des Zentrums für evangelische Predigtkultur in Wittenberg

Katrin Göring-Eckardt

19. Februar 2010

Ziemlich genau drei Jahre ist es her. Im Januar 2007 sind wir schon einmal bei Eiseskälte durch Wittenberg gelaufen. Die ganze EKD musste sich im Charme der DDR-Kongresshalle einfinden. Ich dachte sofort, hier müssen alle schlechte Laune kriegen, so kulturlos, wie das ist. Aber dafür waren wir ja derart auf historischem Boden, dass man gar nicht wirklich dagegen sein konnte. Dass damals die Idee entstand, Schwerpunkte im Reformprozess zu setzen und nicht alle ein bisschen vor sich hin arbeiten zu lassen, findet heute in einem der drei Kompetenzzentren Erfüllung.  Drei Jahre hat es gedauert und das ist eine gute Zeit. Was entstanden ist, ist gut überlegt: Mission, Qualität und heute also hier: Predigtkultur. Predigt. Kultur. Das klingt großartig. Vielleicht für manche auch irritierend. Bis jetzt haben wir gepredigt, jetzt gibt es Kultur dazu? Oder eine ganz neue Art des Predigens? Bei uns wird ja immer gereimt gepredigt, am Faschingssonntag. Nein, natürlich, das ist hier nicht gemeint. Auch nicht all die Experimente, die wir sonst so veranstalten, mit unseren Predigten und Gottesdiensten, jedenfalls nicht vor der Hand. Hier wird nicht Bibliodrama gelehrt und auch nicht getanzte Predigt, obwohl ich mir das durchaus vorstellen könnte. Wenn man in einer Tanzschule aufgewachsen ist und Kinder hat, die in der Schule lernen, ihren Namen zu tanzen, kann man sich das vorstellen. Man kann auch alles Mögliche erleben, in Gottesdiensten heutzutage. In einem kleinen niedersächsischen Dorf gab es eine Predigt, die so eine Art Minnesang darstellte. Das Pfarrerehepaar sprach miteinander, nein sang, sie von der Kanzel, er unten am Keyboard. Das war schon fast nicht mehr Kultur, sondern Kult. Ich weiß genau, was ich jetzt ausgelöst habe. Jede und jeder von Ihnen denkt jetzt an solche Erlebnisse. Und es würde wohl ein fröhlicher Abend, wenn wir sie einander erzählen würden. Und wir könnten wohl von den großartigen Predigten hören, die wir erlebt haben, jede und jeder für sich. Die Predigt, die man nicht vergisst, die, die durch die Woche trägt oder die, über die man sich einfach freut, weil es ein guter und überraschender Gedanke war. Und: wir haben viele gute Predigerinnen und Prediger. Mit dem Kompetenzzentrum Predigtkultur stärken wir unsere Stärke. Das Wort. Das kann kaum jemand so gut wie wir. Kaum irgendwo wird so viel Wert darauf gelegt, wie in unserer evangelischen Kirche. Und wir haben die großen Lehrer vor uns. Luther, Karl Barth, hier in dieser Gegend unbedingt Klaus-Peter Hertzsch. Und jeder hat so seinen und seine, nehme ich an.

Was genau sollte also hier geschehen, was hat die durchschnittliche Gemeindepfarrerin davon, was die Lektoren oder die Kirchenvorstände? Müssen wir vielleicht das Predigtschreiben etwas optimieren, weil unsere Pfarrerinnen und Pfarrer doch so viel anderes zu tun haben? Brauchen wir so ein kleines Baukastensystem für die gelungene Standardpredigt? Oder auch eine sinnvolle Internetplattform, damit die familiäre Predigtkrise am Samstagnachmittag notfalls per Mausklick beendet werden kann? Wenn also die Predigt schon wieder nicht am Donnerstagabend fertig war, geben wir bei Predigtsuche ein paar Parameter  ein. Sagen wir: Kleinstadtgemeinde, eher säkular, hohe Arbeitslosenrate, Pfarrerin im mittleren Alter, Kerngemeinde überaltert. Und dann spuckt das Ding drei Predigten zur Auswahl aus, mit dem entsprechenden Sitz im Leben. Das wäre dann Predigt-netz-Kultur. Na, womöglich mitunter besser, als manches, was auch mal völlig misslingen kann?

Worum soll es gehen in einem Zentrum, in dem neu über das Predigen nachgedacht wird. Machen das eigentlich unsere Universitäten nicht mehr ausreichend? Was genau ist der gesellschaftliche Befund, in den hinein wir sprechen? Wir sind ja in unserem Predigen durchaus im Wettbewerb. Große Reden verbreiten die Medien in hoher Geschwindigkeit. Die Rede des Applechefs bei der Vorstellung des Ipads ist nicht nur millionenfach bei youtube betrachtet worden, sondern sämtliche Feuilletons haben darüber berichtet. Barack Obamas Rede am Tag der Vereidigung wurde auf der ganzen Welt live verfolgt. Gerade hat der Fernsehzuschauer unzählige schlechte Büttenreden mit wachsender Begeisterung ertragen.  Und wenn die ganz alten Männer auf dem Kirchentag zu reden beginnen, sind die Hallen voll, voll von jungen Leuten übrigens. Was machen wir da, an den Sonntagen, an Heiligabend und Ostern, bei der Trauung und bei der Beerdigung? Was ist das Besondere, im Vergleich zu allen anderen Reden, die wir sonst so kennen. Ich würde sagen vor allem eines: dass wir die Schrift haben. Unser Predigen hat seinen Grund in der Bibel. Unser Predigen redet vom Geheimnis des Glaubens.  Unser Predigen ist immer live und immer direkt. Unser Predigen gehört an genau den Ort und in genau die Zeit. Unser Predigen meint den Menschen, genau so, wie er kommt.

Welche Menschen treffen wir da, heute? Wir leben in einer immer schneller werdenden Welt. Hat man sich gerade an das gewöhnt, was neu ist, ist es schon wieder alt. Als wir SMS konnten, waren Emails wichtiger, als wir unser ganzes System, inklusive des Denkens darauf eingestellt hatten, sagte man uns, wir würden künftig nur noch mit Apps kommunizieren. Und was das nächste sein wird, will ich gar nicht wissen. Es ist weder leicht, den Überblick zu behalten, noch finden wir uns selbst wieder in den Wirren von  unglaublicher Dynamik, Mobilität und Dauerveränderung. Wo geht es eigentlich hin? Was ist das Ziel, wo ist der Ruhepunkt, wo ein Moment der Stille in der Dauerbeschallung? Dass man am Sonntag etwas wirklich anderes leben und erleben will, dürfte keine besonders komplizierte Erkenntnis sein. Aber was? Ein Zentrum für evangelische Predigtkultur könnte ja vielleicht beides zugleich sein: Wegbegleitung auf dem Weg der Veränderung und gleichzeitig die Erinnerung an das wunderbare Alte, an den Ursprung und die Quelle, von der wir leben. Das eine geht nicht ohne das andere. Martin Luther hatte es so erlebt: Der Rückbezug auf die Bibel öffnet ganz neue Wege in die Zukunft. Die Worte, die im Buch der Bibel überliefert sind, können uns gelassen, frei und erfinderisch machen inmitten einer sich rapide verändernden Welt. Und sie können der Kirche Wegweisung geben in all ihrer Verschiedenheit und Dynamik. Auch die evangelische Kirche befindet sich ja nicht in einem Jenseits der Gesellschaft, sondern hat Teil an den Veränderungen, die wir beständig erleben. Und sie ist selbst gekennzeichnet von einer Pluralität, die sie so interessant und anziehend einerseits, aber auch so komplex macht. Hier ist sie in einer Diasporasituation, in anderen Teilen Deutschlands ist sie stabile Volkskirche – und alles dies ist in Kilometern gar nicht weit voneinander entfernt. Es tut uns gut, wenn wir hier in Wittenberg ein Zentrum haben, das uns an die gemeinsame Aufgabe der Predigt erinnert, an die Chancen, die darin liegen, heute Gottes Wort auszurichten.

So verschieden, wie wir alle sind, so oft teilen wir doch ganz ähnliche Sehnsüchte. Wir, die Predigthörerinnen und Predigthörer. Wir, die Predigtfühlerinnen und Predigtfühler, wir die Sich-über-Predigten-Ärgerinnen und -Ärgerer. Die Sehnsucht nach Spiritualität verbindet viele, die Sehnsucht danach, etwas zu erfahren, was über das Alltägliche hinausgeht. Die Sehnsucht nach einem Leben jenseits von ökonomischem Kalkül. Die Sehnsucht nach einem Ausstieg, der zu einem Einstieg werden kann: einem Einstieg in uns selbst, in eine Tiefe des Seins und des Lebens, die viel zu leicht und viel zu schnell verloren geht im turbulenten Alltag mit seiner Geschäftigkeit und Hektik. Es macht ja wenig Sinn, nur auf die Predigt allein zu schauen, auch wenn das hier die Aufgabenbeschreibung ist, was ist also das, worauf es ankommt? Vielleicht kann man sagen, dass ein Gottesdienst dann besonders gelungen ist, wenn er das Gefühl von Heimat vermittelt: das Gefühl, am richtigen Ort zu sein, – am richtigen Ort für die gegenwärtige Situation. Weshalb sich viele europäische Christen oft schwer tun mit Gottesdienstformen, die ihnen nicht vertraut sind, selbst dann, wenn sie vor Freude und Leidenschaft strotzen, wie etwa die amerikanischen Gospelgottesdienste oder die Gottesdienste baptistischer oder evangelikaler Gemeinden. Das Befremden, das sich dabei zuweilen einstellt, ist dabei nicht nur kulturell begründet, sondern oft auch in den unterschiedlichen Theologien, die unterschiedliche Liturgien, Rituale und eben auch Predigten provozieren. Wenn es sich dabei um theologische Konzepte handelt, die uns fremd sind, wird uns auch der entsprechende Gottesdienst befremdlich sein. Wir werden uns nicht heimisch darin fühlen und müssen das ja auch nicht. Das ist sicher auch das Problem, dass manche Zeitgenossen mit konventionellen evangelischen Gottesdiensten haben. Mancher liebt die alten Lieder, die oft aus dem 17. Jahrhundert stammen, schon ob ihrer Vertrautheit und vielleicht zugleich weil sie so fremd sind. Da ist die Geschichte der christlichen Familie, unser Stammbaum niedergelegt. Und wie es beim Stammbaum so ist, da sind ungewöhnliche Frisuren zu sehen und Trachten und Häubchen. Aber die besondere Nase, die meinen wir dann auch im eigenen Gesicht zu erkennen. Freilich: manche Lieder spiegeln eine Theologie, die den Menschen als Sünder in einem Jammertal deutet, dessen ganze Hoffnung sich allein auf eine jenseitige Erlösung zu richten habe. Auch darin steckt tiefe Lebenskraft, denn die Befreiung von der Sünde allein aus Gnade, allein aus Glaube, allein aus der Schrift, allein um Christus willen war über Generationen hinweg die entscheidende Befreiungserfahrung der Menschen. Aber heute können wir das kaum hören, da ist wenig von Liebe, Heiterkeit und Befreiung. Da singen wir ein bisschen schwer und freudlos, ohne selbst genau hinzuhören. Es ist mithin gut, dass wir beides haben: die alten Lieder, die unser Erbgut in sich tragen ebenso wie die neuen, die in der Tracht der Moderne, in den Texten und Melodien des Heute kommen. Oder manchmal auch „nur“ in einem anderen Text. Als Klaus-Peter Hertzsch für die Hochzeit seiner Nichte „Vertraut den neuen Wegen“ zur Melodie von „Lob Gott getrost mit Singen“ dichtete, hat er nicht im mindesten vermutet, dass sein neu getextetes Lied ein Gottesdienstschlager wird, weit über die Zeiten der friedlichen Revolution hinaus. Und es ist gut, dass wir die ganz neuen Lieder haben, für die Gottesdienste des 21. Jahrhunderts.  Die Kirchentagslieder, die Taizègesänge und viele neue geistlichen Lieder schaffen einen anderen Zugang, der auch dann erfrischend und belebend wirkt, gerade wenn man die alten Lieder zu schätzen weiß. Bei der Kirchenmusik und den Liedern, vielleicht kann man das so sagen, sehen wir schon ein bisschen klarer, was es heißen mag, liebevoll nach hinten zu schauen und beherzt nach vorn zu gehen.

Was heißt das aber für die Zukunft der evangelischen Predigt, an der Sie hier in Wittenberg arbeiten? Wie sollen wir predigend mit den Sehnsüchten und Erwartungen der Menschen umgehen? Welche Impulse soll die Predigt erhalten? Wie wird künftig gepredigt? Und vielleicht ist sogar die Frage erlaubt: von wem? Die besondere Prädikantenausbildung hier in meiner Kirche, der EKM, befasst sich jedenfalls damit. Und schließlich dürfen manchmal sogar solche wie ich predigen, die höchstens für sich in Anspruch nehmen können, in die Kategorie „alle Gläubigen“ zu gehören. Schade, dass ich morgen  nicht bei Ihrem Symposium dabei sein kann. Da gibt es dann hoffentlich schon einmal ein paar Antworten, zumindest mal auf die Frage, wonach wir eigentlich suchen, was unsere Heimatgefühle wecken könnte, in der Predigt der Jetztzeit. Ich habe wenig Sorge, dass Sie sich im Wesentlichen Gedanken mit Eventcharakter machen. Ich würde mich freuen, wenn Sie darüber diskutierten, wie wir wohl die offenen Herzen der Menschen erreichen, oder wie wir sie öffnen können, wenn sie das noch nicht sind. Wie trösten wir, wie können wir aufrichten, wie können wir stärken und etwas vom Licht und Glanz von dem in die Seelen pflanzen, an das wir glauben? Martin Luther, der heute Abend schon oft erwähnt wurde, würde wohl sagen: Es ist die Bibel selbst, die evangelische Predigt prägt, die ihr ihre Gestalt gibt, die ihre Form bestimmt und ihren Inhalt. Ich meine: Ja, das gilt bis heute. Die Bibel ist nach wie vor die Quelle, die evangelischer Predigt spirituelle Tiefe und aktuelle Relevanz gibt – beides zugleich.

„Weh dem“, so ruft der Prophet Jeremia einmal aus, „weh dem, der seinen Nächsten umsonst arbeiten lässt und gibt ihm seinen Lohn nicht“ (Jer 22,13). Im dritten Buch Mose lesen wir: „Du sollst deinen Nächsten nicht bedrücken noch berauben“ (Lev 19,13). Und für Jesus war eine Lebenspraxis die Maxime, durch die Hungernde gespeist, Nackte bekleidet, Kranke besucht werden (vgl. Mt 25,31–46). Oder: selig sind die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen (Mt 5,9) Sollte ausgerechnet ich jetzt über die politische Predigt reden? Natürlich: solche Bibelworte zeigen, dass die Botschaft der Bibel politisch ist und aktuell. Die Frage danach, ob Menschen von ihrer Hände Arbeit leben können oder nicht, die Frage danach, wie die Schwächsten in der Gesellschaft weder bedrückt noch beraubt werden, sondern Anteil bekommen an dem, was zum Leben nötig ist, und wie sie mitten in der Gesellschaft einen Platz finden, ohne an den Rand gedrängt zu werden – diese Fragen sind Fragen, die uns von der Bibel her gestellt sind. Soziale Gerechtigkeit ist ein Thema der Bibel – ebenso wie sich ökologische Verantwortung in der Bibel lernen lässt. Wir sind nicht die Herren dieser Welt, sondern diejenigen, die den Auftrag haben, sie zu bebauen und zu bewahren (Gen 2,15). Nachhaltigkeit ist keine Erfindung des 21. Jahrhunderts, sondern ein Gebot bereits auf den allerersten Seiten der Bibel! Soll das Zentrum für Predigtkultur sich also mit der kulturvollen politischen Predigt befassen? Ist es das, wonach die Sehnsucht der Menschen steht? Oder ist es das, was wir nicht sein lassen können zu sagen? Beides stimmt wahrscheinlich. Dennoch, das sage ich einmal als eine, die immer mal wieder zur Kanzelrede gebeten wird; dennoch ist ja die Frage, was genau das ist, eine poltische Predigt?

Ich bin sehr froh, dass Sie gleich in Ihrem ersten Jahr ein Symposium zur „Politischen Predigt in der Gesellschaft der Gegenwart“ veranstalten, das im Juni hier in Wittenberg stattfinden wird. Ein Referent aus den USA wird Impulse von dort mitbringen, wo die prophetische, die politische Predigt in den letzten Jahren zunehmend wieder an Bedeutung gewann. Was genau, das wird wohl das Entscheidende sein, unterscheidet denn die Predigt von der politischen Rede? Dass wir nicht nur das Denken von Menschen prägen. Wir könnten ja in unserer Kirche Zeichen setzen und einen alternativen Lebensstil praktizieren. Wir  könnten nicht nur von der Notwendigkeit der CO2-Reduktion und der Nutzung von alternativen Energien reden, sondern auch danach handeln. Das alles wäre sehr gut, natürlich. Wir  könnten die Armen speisen und die Kranken besuchen, weil davon im Predigen die Rede war. Und doch, bei allem guten Wollen, wäre ich skeptisch, ob es das schon ist, was die gute Predigtkultur ausmacht. Ich möchte ja so ungern über alles Mögliche belehrt werden, am Sonntagmorgen und ich möchte auch gar kein Tagesschaudeutsch hören und keine kleine Parteitagsrede. Ich möchte doch, dass da jemand mit Begeisterung aus dem Glauben heraus redet. Bitte kein griesgrämiges, moralinsaures Reden mit erhobenem Zeigefinger. Im Gegenteil: Sie bedeutet eine Herausforderung und Einladung zu einem Leben, das aus der Gnade kommt und sich gerade so seiner Verantwortung bewusst ist und bleibt. Die Predigt ist keine gestrenge Lehrmeisterin, die anderen in autoritärem Duktus zeigen möchte, wo es langgeht. Sie hat nichts zu tun mit Rechthaberei. Lebendig ist sie vielmehr im gemeinsamen Unterwegssein, in der Suche nach Antworten auf Fragen, in der Suche nach Lebenswegen, die wir heute gehen können.

Dass sie sich dabei aber doch auch immer wieder als sperrig erweist und als Stachel im Fleisch, liegt in ihrer Natur und war schon immer so. Christlicher Glaube war und ist anstößig. Das Kreuz ist auch eine Zumutung. Evangelische Kirche ist nicht die Kirche, die ihre Botschaft immer weiter reduziert, bis auch der Letzte ihr noch ohne Anspruch und Zumutung zustimmen kann! Gleichzeitig aber gehört die Botschaft des Kreuzes mit der Botschaft der Auferweckung zusammen. Gottes Verheißung für diese Welt steht und gilt. Unserem kleinen Mut steht das Wissen um Gottes Gnade gegenüber. Gott sei Dank! Und wenn wir über die politische Predigt reden, dann darf ich auch sagen: bitte nicht jeden Sonntag. Vielleicht sogar nur ganz selten. Vielleicht sogar so selten, dass sie wirklich Aufmerksamkeit macht, dass sie wirklich wachrüttelt und sich tatsächlich gleich alle verabreden, zum richtigen Kreditinstitut zu wechseln.

Gottes Gnade – sie gilt ganz besonders auch denen, die immer wieder neu zu predigen haben, den Frauen und Männern, die haupt- oder ehrenamtlich in der Kirche diesen Dienst tun. Es ist eine schöne und schwierige Aufgabe zugleich. An so einem Abend darf man das auch sagen: erstens, ich beneide alle, die das dürfen; Sonntag um Sonntag die Bibel auslegen. Ich weiß schon, das finden nicht alle immer beneidenswert und die Hirsche, die zum frischen Wasser getragen werden alle paar Jahre, dürfen und sollen ja auch sein. Wenn das Geweih noch schön und ansehnlich ist  jedenfalls. Aber zweitens: haben Sie vielen Dank dafür, alle, die Sie das tun, Sonntag um Sonntag. Ich bin ja eine von denen, die meistens in der Bank sitzt. Sie ahnen ja gar nicht, was für ein Geschenk Sie uns da machen. Vielleicht ist es nur der eine Gedanke, der hängen bleibt, oder die Assoziation, die mich durch die Woche trägt. Vielleicht haben sie mich von Grund auf getröstet und heil gemacht an diesem einen Sonntag, ganz ohne es zu wissen. Vielleicht ist es ihnen gelungen, in mir ein Feuer zu legen, das die Begeisterung weiter trägt. Womöglich haben sie mich lächeln oder lachen lassen, mitten am Sonntag. Und womöglich ist es ihnen ja tatsächlich gelungen, dass da Heimat war. „Die Heimat nimmt man mit“, hat jemand gesagt. Stellen sie sich vor, man nimmt sie aus dem Gottesdienst mit, aus ihrer Predigt. Wirklich: danke dafür. Vielleicht gewöhnen wir uns an einen wunderbaren Gedanken: Die Menschen in unserer Kirche und unserer Gesellschaft warten auf die Predigt. Es gibt einen Hunger nach dem Wort, einen Hunger nach Wegweisung und Orientierung, Glaube und Spiritualität. Und das macht die Predigt so wichtig und macht dieses Zentrum, das wir heute eröffnen, so entscheidend. Sie werden hier in Wittenberg arbeiten, um Impulse zu geben für Predigerinnen und Prediger. Und ich wünsche mir, dass davon auch der Impuls ausgeht, die Predigtaufgabe neu zu gewichten im Alltag von Pfarrerinnen und Pfarrern.

Ich weiß wie dicht der Terminkalender von Pfarrern und Pfarrerinnen gefüllt ist und wie viel jede und jeder einzelne an seinen und ihren Orten leistet. Und dennoch und gerade deshalb sage ich: Es braucht Zeit für die Predigt. Auf EKD-Ebene müssen wir das unsere tun, um darüber nachzudenken, wie das evangelische Pfarramt entlastet werden kann, um Zeit einzuräumen für die Beschäftigung mit dem Wort der Bibel und für die Arbeit an der Predigt, mit der Theologie und dem Geistlichen überhaupt. Dazu gehört die Pflege der eigenen Quellen des Glaubens, dazu gehört die Ruhe und Gelassenheit, um sich mit der Bibel zu beschäftigen und die Schätze unserer Tradition wachzuhalten. Dazu gehört die wache Zeitgenossenschaft. Dazu gehören die Gespräche mit anderen.

Ein letzter Gedanke. Im Namen des Zentrums steht das Wort Kultur. Es geht um evangelische Predigtkultur – und ich freue mich über diese Bezeichnung. Sie macht noch einmal deutlich, dass evangelische Predigt nicht nur für die gute Million Menschen wichtig ist, die sie Woche für Woche hören. Auch nicht nur für die 25 Millionen Menschen, die zur Evangelischen Kirche in Deutschland gehören. Evangelische Predigt gehört hinein in die Kultur der Gegenwart. Sie ist ein Teil der Sprach- und Redekultur.

Ich freue mich, dass das Zentrum für evangelische Predigtkultur den Austausch mit anderen Kulturträgern so frisch und munter aufnimmt. Sie haben Dialogveranstaltungen mit den Größen der Kulturwissenschaft in Ihrem Programm – etwa mit Peter Sloterdijk und Hartmut Böhme. Wir lernen von Schriftstellern und Theatermachern, von Journalisten und Künstlern. Und  tragen so dazu bei, dass evangelische Predigt ihre kulturprägende und kulturbildende Kraft behält. Aber machen wir uns nicht klein: all diejenigen lernen natürlich auch von uns.

Zur Predigt gehört Sorgfalt. Die Genauigkeit im Umgang mit dem Wort, die Wertschätzung der Worte der Tradition, die Pflege der eigenen Sprache – all dies macht gelungene Predigtarbeit aus. Ich bin überzeugt: Diese Sorgfalt ist es, die wir auch in unserer Gesellschaft nötig haben. Eine Sorgfalt des genauen Hinhörens auf die Fragen und Probleme von Menschen. Ein nicht abreißendes Bemühen darum, zu verstehen, was Menschen glauben und denken, was ihnen Hoffnung und Zuversicht gibt. Eine Sorgfalt, die niemanden abschreibt, die keinen vergisst und  keinen ausschließt. Eine Sorgfalt, die auch Gelassenheit und Langsamkeit kennt, damit viele mitkommen können. Eine Sorgfalt, die es möglich macht, für andere da zu sein. Wenn das Zentrum für evangelische Predigtkultur mit dazu beiträgt, dass eine solche Sorgfalt entsteht, gestärkt wird und Kreise zieht, dann würde  es mich sehr freuen. Und natürlich nicht nur mich: stellen sie sich vor, da sitzt jemand seit zehn Jahren unter der gleichen Kanzel und sagt; he, das war ja heute ganz neu und ganz besonders, so berührend, so frei, so fröhlich und bewegend – ich muss demnächst wirklich meine Freundin mitbringen. Die Predigt als missionarische  Gelegenheit, bei Taufe, Hochzeit Beerdigung ja sowieso.

In diesem Sinne: an die Arbeit mit Gottes Segen und guter Laune!