Vortrag im Niedersächsischen Landtag: "Von der Fähigkeit zu trauern"

Margot Käßmann

27. Januar 2010

Der Zivilisationsbruch Auschwitz

Als die sowjetischen Truppen am 27. Januar 1945 im Zuge ihrer Frühjahrsoffensive das bei Krakau gelegene Vernichtungslager Auschwitz befreiten, bot sich ihnen ein Bild des Grauens: Dort lebten noch etwa 7.600 abgemagerte Menschen, die Skeletten ähnelten. Unzählige Leichen lagen unbestattet im Lager. Nach genaueren Ermittlungen wurde heraus gefunden, dass in diesem Lager seit Beginn des Krieges vermutlich 1,1 bis 1,5 Millionen Menschen auf grausamste Weise ermordet worden waren.

Die exakte Zahl wird wohl nie ein Mensch wissen. Dagegen steht fest: Die meisten der Ermordeten waren Juden. Ein unvorstellbares Verbrechen wurde verübt, ein "Zivilisationsbruch"  größten Ausmaßes war begangen worden. Jorge Semprun schreibt zum Thema "Holocaust": "Die gräßliche Einzigartigkeit des nationalsozialistischen Systems - und das ist sie bis heute in der Erinnerung und in der Geschichte, in der Erinnerung der Überlebenden und in der wirklichen Geschichte für die zukünftigen Generationen - bestand in dieser kaltblütigen und systematisch, industriell und rationell umgesetzten Entscheidung, ein ganzes Volk auslöschen zu wollen ... Bis zum letzten Angehörigen."

Vor diesem Hintergrund stellt sich bis heute die Frage: Wie ist der Holocaust zu erklären? Und bei allem Respekt vor Daniel Jonah Goldhagens Analyse: Es ist alles andere als einfach, zu begreifen, wie ganz gewöhnliche Deutsche zu "Hitlers willigen Vollstreckern" werden konnten. Und: Ein Verbrechen von der Dimension der Shoah kann nicht unbemerkt, angeblich unbeobachtet geschehen.  Immer noch gilt deshalb nach meinem Urteil die Feststellung von Wolfgang Benz: "An den Fakten des Holocaust sind Zweifel nicht möglich, die Suche nach Erklärung im Sinne menschlicher Moral und Vernunft dauert an."  Zu Recht ist die Leugnung des Holocaust in Deutschland heute ein Straftatbestand.

Aber nicht nur die Shoah birgt weiter dieses Drängen nach Erklärung und Begreifen. Auch der deutsche Umgang mit dem entsetzlichen Geschehen nach 1945 ist teilweise unbegreiflich und interpretationsbedürftig. Vollzog sich nicht statt einer umfassenden Aufarbeitung in beiden Teilen Deutschlands weithin zweierlei Art von Verdrängung? Die Kommunisten wurden in der DDR per definitionem als Opfer gesehen. Schuld am Nationalsozialismus und seinen Gräueln konnte somit nur die kapitalistische Hälfte Deutschlands tragen. So fand eine Aufarbeitung im Osten Deutschlands nur per Dekret, aber nicht in der Sache und nicht in Auseinandersetzung mit der Tätergeneration statt.

In Westdeutschland, der alten Bundesrepublik, wollte man von Schuld ebenfalls kaum etwas wissen. Man war ja "entnazifiziert" und lebte im goldenen Wirtschaftswunder.

Unfähig zu trauern: Die Mitscherlich-These

1967 veröffentlichte das Ehepaar Mitscherlich sein viel diskutiertes Buch über "Die Unfähigkeit zu trauern". Die in ihm enthaltene sozialpsychologische These lautete in ihren wesentlichen Facetten: Viele Deutsche sind nach dem Schock des Hitler-Regimes und des Zweiten Weltkrieges nicht mehr fähig und in der Lage, Gefühle der Trauer zuzulassen. Die eigene Trauer wird verdrängt und verleugnet. Die einst auf Hitler gerichtete libidinöse Energie wurde in der Nachkriegsbundesrepublik umgeleitet auf das damalige Lieblingskind der Deutschen, ihre boomende Wirtschaft, während zugleich ihre soziale Phantasie blockiert blieb. Die Bundesrepublik blieb so, wenn man der These der Mitscherlichs folgte, in ihrem Kern eine blockierte Republik, eine Republik im Schockzustand, immer auf den Abgrund Auschwitz bezogen und zugleich doch nur einen Schritt von ihm entfernt.

Die Mitscherlich-These hat sowohl Zustimmung als auch Widerspruch erfahren. Beides ist aus heutiger Sicht verständlich. Denn sehr wohl hat es eine lähmende Schockphase in Deutschland gegeben, die noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg anhielt. Trauer, so ist seit langem in der Psychologie bekannt, muss in Phasen gelebt und bearbeitet werden. Ein klassisches Modell geht davon aus, dass (mindestens) vier Phasen durchlebt werden müssen: die Schockphase, die kontrollierte Phase, die Phase der Regression und die Phase der Anpassung (oder sagen wir besser: Integration). Neuere Modelle favorisieren statt der Phasentheorie die Aufgabentheorie: In der Trauerarbeit sind die genannten vier Aufgaben zu leisten. Ob Phasen- oder Aufgabentheorie, der Mensch muss sich der Trauerarbeit als Prozess stellen, muss bereit sein, sie zu leisten. Wer damit gar nicht erst beginnt, verdrängt die Trauer und ist "unfähig zu trauern" in dem von den Mitscherlichs beschriebenen Sinn. Das wissen wir auch aus der individuellen Trauer beim Verlust von Angehörigen.

Dass etwa ein so begabter und nachdenklicher Mensch wie der Philosoph Martin Heidegger es niemals schaffte, seinen katastrophalen politischen Irrtum von 1933 einzugestehen, als er meinte, "den Führer führen" (Pöggeler) zu können, das ist wohl Unfähigkeit zu trauern. Dass der gestandene Politiker Hans Filbinger 1977 meinte, was 1945 Recht gewesen sei, könne doch später nicht einfach als Unrecht gelten, das ist  Unfähigkeit zu trauern. Dass selbst eine moralische Instanz unserer Republik wie der Nobelpreisträger Günter Grass erst 2006 im Stande war, seine zeitweilige Mitgliedschaft in der Waffen-SS zu bekennen - ist das nicht auch eine Unfähigkeit zu trauern? Aber wie spät auch immer, Grass hat sich dazu bekannt! Es musste nicht erst postum herausgefunden werden… Und es wird der Schmerz spürbar, den er empfindet, wenn er die Erinnerungsarbeit als das Häuten einer Zwiebel beschreibt:  "Die Zwiebel hat viele Häute. Es gibt sie in Mehrzahl. Kaum gehäutet, erneuert sie sich. Gehackt treibt sie Tränen. Erst beim Häuten spricht sie wahr."

Wie gut, dass es zu diesem Eingeständnis, dass es zu dieser Häutung kam! Wenn viel mehr Menschen sich auf diese Weise gehäutet hätten, hätte dies unserer Republik gut getan. Und es hätte dem jüdisch-christlichen Dialog gedient. Ähnliches erleben wir auch immer wieder auch bei den Stasi-Verstrickungen mancher Mitbürger. Warum geschehen sie so oft gar nicht oder aber erst sehr spät, derartige Häutungen?

Es ist offenbar etwas dran an der These von der Unfähigkeit zu trauern. Wenn schon, wie die genannten Beispiele belegen, herausragende Einzelne so unfähig und sprachlos waren, die eigene Schuld nicht sehen und bekennen konnten, dann ist die Vermutung plausibel, dass jene Unfähigkeit womöglich ein Massenphänomen war. Und es reicht in die Gegenwart hinein. Warum, so frage ich mich, sind so viele Menschen so wenig im Stande, zu trauern, zu bereuen, und ihre Fehler und Verstrickungen öffentlich zu bekennen? Wie viel mehr könnte das Leben gelingen, wenn wir zu unseren Irrtümern, Fehlern und Übertretungen stehen würden! Das biblische Menschenbild ist ja sehr realistisch. Es weiß von der Verführbarkeit seit Adam und Eva, es weiß von der Neigung zur Gewalt seit Kain und Abel und es weiß vom Größenwahn seit dem Turmbau zu Babel. Aber es weiß auch davon, dass Menschen Schuld bekennen können wie der verlorene Sohn, dass Vergebung möglich ist wie bei seinem Vater, dass Umkehr möglich ist wie in Ninive und Versöhnung neues Zusammenleben ermöglicht wie bei Jakob und Esau. Nur wenn die Opfer gehört werden und die Täter ihre Schuld bekennen, kann eine Befreiung zur Zukunft geben.

Die Mitscherlichs haben das seinerzeit nicht aus biblischer, aber doch aus psychologischer Sicht erläutert. Es sei sehr wohl möglich, das eigene falsche und eingeengte Bewusstsein zu korrigieren. Und so könne auch die Fähigkeit zur Trauer wieder erlangt werden.

Kurz gesagt: Trauer ist möglich und notwendig. Sie ist heilsam im besten Sinne für Beziehungen für Menschen, für ein Miteinander und für die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Trauer hilft dem Leben. Fähig sein, zu trauern, ist deshalb eine zutiefst soziale, gesellschaftliche und seelsorgliche Aufgabe.

Sozusagen die Rückseite der Mitscherlich-These entfaltete Theodor W. Adorno, als er kurz nach dem Kriege (1951) meinte, nach Auschwitz könne und dürfe man keine Gedichte mehr schreiben. Auch dies ist ja Zeichen einer Blockade, ein Reflex des Schockzustandes, in dem ein Mensch sich befinden kann. Jahre später, in der "Negativen Dialektik" (1966), korrigierte Adorno sich partiell und argumentierte: Sehr wohl habe das Leiden ein Recht darauf, sich auszudrücken, auch in Gedichtform.

Ich denke, es geht um mehr als um ein Recht. Gerade die Poesie kann Leid in einer Tiefe ausdrücken, die zu Tränen rührt. Die Tagebücher der Anne Frank etwa haben Menschen in der ganzen Welt bewegt, weil die lebenzerstörende Grausamkeit des nationalsozialistischen Terrors so anrührend greifbar wurde. Der Film „Holocaust“ hat die Deutschen mehr wachgerüttelt als manche Geschichtsstunde, weil sie geradezu mit erlebten: hier wurden Menschen wie du und ich im Namen einer menschenverachtenden Ideologie vernichtet. Wer Yad Vashem besucht, die Gedenkstätte für die Opfer des Holocaust in Jerusalem, nimmt diese Einzelschicksale heute wahr und begreift, wie grauenvoll Leben in Angst und Schrecken endete, Menschen in unserem Land, Mitbürgerinnen und Mitbürger schikaniert, entrechtet, ermordet wurden, ohne dass der Nachbar, die Kollegin zur Hilfe kamen. Es ist schwer, dem ins Auge zu schauen. Aber es ist unendlich wichtig, dass diese Zeugnisse bewahrt werden, vor allem, wenn die Generation der Zeitzeugen nicht mehr unmittelbar Auskunft geben kann. Wie sagte Semprun: „Wir können ruhig sterben: unsere Stimme, die Stimme der Zeugen wird in dieser wunderbaren Fiktion  weitergegeben und bewahrt.

Und es ist gut, wenn auch die Hoffnung sich artikuliert.

Hilde Domin hat solch ein Gedicht des Mutes und der Zuversicht formuliert:

Abel steh auf
Abel steh auf
es muß neu gespielt werden
täglich muß es neu gespielt werden
täglich muß die Antwort noch vor uns sein
die Antwort muß ja sein können
wenn du nicht aufstehst Abel
wie soll die Antwort
diese einzig wichtige Antwort
sich je verändern
wir können alle Kirchen schließen
und alle Gesetzbücher abschaffen
in allen Sprachen der Erde
wenn du nur aufstehst
und es rückgängig machst
die erste falsche Antwort
auf die einzige Frage
auf die es ankommt
steh auf
damit Kain sagt
damit er es sagen kann
Ich bin dein Hüter
Bruder
wie sollte ich nicht dein Hüter sein …

Aber es gibt diese Zuversicht auch heute; Vor wenigen Tagen berichtete die Hannoversche Allgemeine Zeitung über (HAZ Nr. 14 v. 18.01.2010, S.13) Laatzener Schülerinnen und Schüler, die im Rahmen eines Unterrichtsprojekts "Gedichte nach Auschwitz" verfasst haben. Der Auschwitz-Überlebende Henry Korman hörte diesen Schülern zu, applaudierte ihnen und widersprach Adorno am Ende der Veranstaltung. Er sagte: "So, wie diese Schüler das tun, kann man nach Auschwitz sehr wohl Gedichte schreiben."

Wer nicht blockiert und in der eigenen Blockade verharrt, könnte fähig werden zur Trauer. In den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts hat Heinrich Böll schon einmal die "Fähigkeit zu trauern"  eingefordert. Nein, verheißen hat er diese Fähigkeit nicht, sondern sie gefordert. Er tat es angesichts der damaligen Hochrüstung im heißesten Kalten Krieg, die Faust dabei wütend in der Hosentasche geballt. Vielleicht meinte er die Fähigkeit, wütend zu sein, die Gabe, zu protestieren.

Ich denke aber auch an eine Trauer, die zuallererst Selbsterkenntnis einschließt: Zu allem, auch dem Schlimmsten und Schrecklichsten, sind  Menschen offenbar fähig. Das ist eine bittere Erkenntnis: Zur Lieblosigkeit sind wir fähig, zur Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden anderer, zur Grausamkeit anderen Menschen und Geschöpfen gegenüber. Das hat Auschwitz doch gezeigt!

Das ist die biblische Erkenntnis: Wir alle sind schuldig geworden und werden ständig wieder schuldig, vor Gott, vor den Menschen, vor der Welt. Ja, wir Deutschen haben eine besondere Schuld. Und die Versöhnung mit Israel ist historisch ein Prozess, auf den kaum jemand zu hoffen wagen durfte. Und auch die neu gewachsene Freundschaft mit den Völkern Osteuropas, die Wiederaufnahme in die Weltgemeinschaft erfüllt uns mit Dankbarkeit. Dafür können wir nur zutiefst dankbar sein.

Und dann gibt es das Phänomen in allen Völkern, bei allen Menschen: Wir schämen uns für Schuld und Versagen und möchten manchmal im Boden versinken vor Scham. Es tut uns Leid, wir bereuen unser Tun und Lassen von Herzen. Wir sind schuldig. Aber weil wir trauern können, ist Hoffnung da. Hoffnung auf Vergebung, auf Neuanfang, auf Erlösung. Wo Trauer wächst, keimt neues Leben auf.

Auch das ist eine zutiefst biblische Erkenntnis. Trauer und Schulderkenntnis machen den Weg frei zu neuen Wegen. Solche Wege will Gott ermöglichen. Ich habe erst als junge Theologiestudentin wirklich begriffen, dass Jesus Jude war. Und das ganze himmelschreiende Unrecht des nationalsozialistischen Terrors hat mich befangen gemacht im Gespräch mit Menschen jüdischen Glaubens. Es braucht Generationen, denke ich, nach einer solchen Katastrophe so etwas wie Normalität zu finden. . Die Verletzungen, die Narben, sie enden nicht bei den „Nachgeborenen“. Das Eingestehen von Schuld, Versöhnungsarbeit, Friedensarbeit, sie sind mühsam, sie brauchen Geduld und Zeit und Vertrauen und Aufrichtigkeit.

Wenn Trauer produktiv wird - Aktion Sühnezeichen

Auch die Nachkommen haben zur Aufarbeitung ihren Beitrag zu leisten. Zur Versöhnung können sie gerade dann beitragen, wenn sie die Trauerarbeit nicht überspringen, sondern sie als einen Ausgangspunkt für das eigene Handeln sehen.

Vorbildlich ist für mich in diesem Zusammenhang die Arbeit einer Organisation, die ich sehr schätze. Ich meine Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF). 1958, also mitten in der Adenauer-Ära, im Jahr meiner Geburt, rund zehn Jahre vor dem Buch der Mitscherlichs wurde sie von dem Juristen und Nazi-Gegner Lothar Kreyssig am Rande einer EKD-Synode gegründet. Aktion Sühnezeichen war seitdem immer ein Hort der Hoffnung, ein Ort, an dem die Trauer produktiv wurde. Ihr Gründervater Kreyssig hatte erkannt, dass das Deutschland der Nachkriegsepoche noch immer keinen Frieden hatte und ihn nicht bekommen konnte, "… weil zu wenig Versöhnung ist …" , wie er sagte. Kreyssig war zutiefst davon überzeugt, Trauer könne produktiv sein, aus Trauerarbeit könne Versöhnungsarbeit werden. Deshalb schlug er in seiner Gründungsinitiative vor, diejenigen Völker, denen die Deutschen Unrecht getan haben (ausdrücklich nannte er Polen, Russland und Israel) zu bitten, dass sie jungen Deutschen gestatten mögen, in ihrem Lande etwas Gutes zu tun. Es sollte etwas Zeichenhaftes aufgebaut werden, sei es ein Dorf, eine Siedlung, eine Kirche, ein Krankenhaus oder was auch immer vor Ort notwendig sein mochte.

Sicher ist: Der Völkermord des Zweiten Weltkrieges kann niemals von Menschen gesühnt werden. Aber Zeichen setzen, das ist nicht nur möglich, sondern seit 1958 tausendfach, ja inzwischen zehntausendfach geschehen. Junge Freiwillige haben in vielen Ländern Zeichen für Versöhnung, für Sühne gesetzt. Schon bevor die Ostdenkschrift der EKD 1965 erschien, hat die Arbeit von Aktion Sühnezeichen den Geist geatmet, der dann auch in der Denkschrift zum Ausdruck kam. Auch die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Staat Israel 1965 ist vor diesem Hintergrund zu sehen. Dass dies geschehen konnte, dazu haben die Hoffnungszeichen der Aktion Sühnezeichen entscheidend beigetragen.

Die Arbeit von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste ist im besten Sinne des Wortes "der Zukunft auf der Spur". Und zwar deshalb, weil sie von vorne beginnt, mit dem Anfang anfängt: weil sie aus der Trauer erwächst. Wer zur Trauer fähig ist, der ist auch zur Umkehr fähig und zur Liebe; wer aus ihrer Tiefe kommt, der ist zum Höchsten fähig. Und so wäre es unsere Aufgabe als Christinnen und Christen, der "Unfähigkeit zu trauern" zu widerstehen - darin stimme ich den Mitscherlichs ausdrücklich zu.

Auch am Willy Brandts Kniefall am Warschauer Ghetto ist zu denken - eine Geste, die des Nobelpreises wahrhaft würdig war. Und auch wenn der Nationalsozialismus nicht mit der DDR vergleichbar ist, kommen mir die zeichenhaften Ereignissen der friedliche Revolution vor zwanzig Jahren in den Sinn. Auch sie erwuchs ja aus Ohnmacht, aus Trauer und Bedrängnis. Und plötzlich waren da friedlich protestierende Menschen, leuchteten Kerzen, erklangen Lieder und wurden Gebete gesprochen. Die Macht der Kerzen, der Lieder und Gebete trug dazu bei, die Mauer zum Fallen zu bringen.

Unterwegs, noch nicht am Ziel

Theologisch kann auch die Entstehung des Christentums als durch Gottes Geist ermöglichte produktive Bewältigung eines Trauerprozesses verstanden werden. Der grausame Tod Jesu am Kreuz war der Ausgangspunkt für die Bewegung, die zum neuen Lebens im Glauben an Jesus Christus führte. Jesu Abschiedsreden im Johannesevangelium sind auch ein Reflex des ursprünglichen Trauergeschehens und lassen die produktive Dynamik erahnen, die in dem unscheinbaren Anfang verborgen lag und die Gott in den Herzen der trauernden Jünger entstehen ließ. So sagt Jesus im Johannesevangelium: "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden." (Johannes 16,20)

Aus Trauer also kann Freude werden. Der christliche Glaube kann nach meiner Erfahrung bei der Ableistung und Bewältigung von Trauerarbeit helfen. Denn Christen und Christinnen können zu Schuld und Scham in ihren Lebensgeschichten stehen. Sie wissen, dass sie keine perfekten Wesen sind, sondern endliche, sterbliche Geschöpfe, jederzeit fähig zur Sünde. Und dennoch bestimmt zu Ebenbildern Gottes.

Anlass zur Trauer haben wir in unserem Leben allemal. Kein Mensch ist ohne Sünde (Römer 3, 23). Das kann niemals Schuld und Versagen banalisieren. Aber es macht Mut, dass wir unserer Trauer über Menschliches Versagen, den Verrat an der Nächstenliebe und an der Menschenwürde, für den Auschwitz steht, Raum geben und Ausdruck verleihen. Nicht, um im Klagen zu versinken, sondern um das Geschehene als Mahnung zu begreifen, die Zukunft anders zu gestalten. Heute den Mut zu finden, einzutreten gegen Menschenverachtung und Unrecht. Heute einzutreten für diejenigen, deren Würde verletzt wird.

Wo stehen wir heute? Es wäre unaufrichtig und geradezu hochmütig, zu meinen, wir hätten die Trauerarbeit um den Zivilisationsbruch Auschwitz abgeschlossen. Mit Jürgen Habermas denke ich vielmehr: "Zur Lehrmeisterin taugt die Geschichte nur als kritische Instanz. Sie sagt uns im besten Fall, wie wir es nicht machen sollen. Es sind Erfahrungen negativer Art, aus denen wir lernen. Deshalb wird 1989 nur so lange ein glückliches Datum bleiben, wie wir 1945 als das eigentlich lehrreiche respektieren."

Am Ziel sind wir also noch lange nicht, aber auf einem guten Wege. Das dokumentiert etwa die deutsche Sensibilität gegenüber militärischen Einsätzen. In den letzten Tagen wurde mir ja vorgeworfen, ich hätte leichtfertig den Krieg gegen Hitler durch die Alliierten in Frage gestellt. Da möchte ich zurück fragen: Weiß jemand wie Michael Wolffsohn es nicht besser? Das kann ich mir nicht vorstellen. Oder will er mich missverstehen? Das möchte ich nicht unterstellen. Die Verabschiedung der Lehre vom gerechten Krieg ist nicht meine "Erfindung". Vielmehr hat die evangelische Kirche dabei der Entwicklung von Ethik und Völkerrecht Rechnung getragen und schon vor fünfzehn Jahren formuliert: Gerade die neuartigen Konflikte "nötigen dazu, den Einsatz militärischer Gewalt nicht länger im Rahmen einer Lehre vom gerechten Krieg als politische Normalität zu verstehen". Dies beinhaltet "die Absage an den traditionellen, nicht näher bestimmten und daher leicht mißbrauchbaren Gedanken vom Krieg als Mittel der Politik, so sehr der Einsatz militärischer Gewalt bis heute ... für die Selbstverteidigung und für die Ausübung internationaler  Polizeigewalt ein prinzipiell nötiges Mittel der Politik bleibt" (Schritte auf dem Weg des Friedens, S. 18-21). Hier wurde Trauerarbeit über das Versagen unserer Kirche im Zweiten Weltkrieg zur Mahnung für heutige Haltung.

Mit der neueren evangelischen Friedensethik bejahe ich einen Gebrauch militärischer Gewalt bei der Durchsetzung von Recht und Frieden. Aber es ist ein Gebot der Aufrichtigkeit, einzuräumen, dass Krieg immer Unrecht, Not und entsetzliches Leid im Gepäck führt. Es gibt keinen „sauberen Krieg“, der Zivilisten wahrhaft schont und Unrecht vermeiden kann.

Weil es in den letzten siebzig Jahren so wenige überzeugende Beispiele für die positive Rolle militärischer Gewalt bei der Wiederherstellung des Friedens gibt, ist die Kriegsführung gegen Nazideutschland zu dem zeitgenössischen Exempel geworden. Mit Recht. Niemand leugnet, dass es hier um recht- und friedenserhaltende, also not-wendige Gewalt ging. Allerdings muss eingestanden werden: Auch ein notwendiger Einsatz von Gegengewalt bindet die Furien des Krieges los. Jeder Krieg, auch der mit besten Motiven, setzt ein furchtbares Gewaltpotenzial frei. „Krieg soll nach Gottes willen nicht sein“ haben die Kirchen der Welt 1948 in Amsterdam formuliert. Sie taten es im Bewusstsein, dass kriegerisches Geschehen zerstörend auf alle wirkt, die daran beteiligt sind. Wir müssen nur an die Flächenbombardierung von Städten und an die Opfer von Flucht und Vertreibung in ganz Europa zu denken. Oder denken wir an die heimkehrenden traumatisierten Soldaten, auch unserer Tage. Diese dunklen Seiten jedes Krieges wahrzunehmen und anzusprechen ist ein Gebot der Redlichkeit und darf nicht pauschal als Delegitimierung militärischer Gewalt schlechtgemacht werden.

Ja, ich hätte mir gewünscht, dass hunderttausende mutiger Menschen gegeben hätte, die frühzeitig aufgeschrien hätten als 1938 Gotteshäuser brannten in Deutschland und gemeinsam gesagt hätten: Wir sind ein Volk aus Juden und Christen, aus Menschen unterschiedlichen Glaubens und ohne Glauben. Dass die Gleise nach Auschwitz 1943 bombardiert worden wären. Dass es einen Aufschrei gegen erneute Waffenproduktion gegeben hätte. Und ich kann nur hoffen und wünschen, dass unser Versagen als Deutsche und als Christen in der Zeit des Nationalsozialismus in der Tat mehr Fantasie für den Frieden frei setzt.

Die feierliche Begehung des 27. Januar dient der Festigung unseres demokratischen Gemeinwesens aus der Erinnerung und aus der Trauerarbeit heraus, deren produktive Möglichkeiten wir in Handeln umsetzen. Ich weiß, dass wir Christen und Christinnen Schuld auf uns geladen. Gerade deshalb sind wir verpflichtet, zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung beizutragen. An diesen Punkten können wir mit allen Demokraten, allen Menschen jeden Glaubens, die für Frieden und Gerechtigkeit eintreten, zusammen arbeiten und unserem Gemeinwesen dienen. Lassen Sie mich zum Schluss Martin Luther zitieren:

„Der Christ lebt nicht im Wordensein, sondern im Werden. Dass also dies Leben nicht ist ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht ein Gesundsein, sondern ein Gesundwerden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind es noch nicht, wir werden es aber; es ist noch nicht getan und geschehen, es ist aber im Gang und Schwang. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg; es glüht und glänzt noch nicht alles, es klärt sich aber alles.“

Solches Glühen und Glänzen, solche Klärung und Aufklärung wünsche ich uns allen. Dann sind wir fähig zur Trauer. Oder genauer gesagt: Wir werden es. Darauf hoffe ich. Und wenn wir das werden, können wir auch mit offenen Augen die Schuld ansehen, die sich an einem Gedenktag wie heute vor uns ausbreitet und daraus Konsequenzen für Gegenwart und Zukunft ziehen.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!