5. Tagung der 11. Synode der EKD

Timmendorfer Strand, 1. bis 7. November 2012

Grußwort der Landesregierung

Ministerpräsident Torsten Albig

04. November 2012

Torsten Albig

Sehr geehrte Frau Präses Göring-Eckardt, sehr geehrter Herr Präses Dr. Schneider, liebe Bürgermeisterin Hatice Kara, sehr geehrter Herr Glück, meine sehr geehrten Damen und Herren!

Herzlichen Dank, dass ich heute zum Auftakt Ihrer Tagung noch einmal bei Ihnen sein darf. Ich hoffe, Sie haben den gestrigen Abend genossen, die kulturellen, die kulinarischen Höhe-punkte des Nordens mitgenommen, auch wenn Sie uns wieder verlassen.

Ich hoffe sehr, dass Sie den Gottesdienst im ehrwürdigen Lübecker Dom, den wir heute ge-feiert haben, ebenfalls in guter Erinnerung behalten. Dieser Dom, dessen Grundstein 1173 gelegt wurde, war die erste große Backsteinkirche an der Ostsee. 1247 wurde er geweiht.

Vor diesem Dom, auf dem Domkirchhof, haben Sie vielleicht unsere Lutherbuche gesehen, einen Ableger der Lutherbuche aus Bad Liebenstein in Thüringen. Sie wurde zum 700-jährigen Bestehen des Domes gepflanzt und ist mittlerweile 140 Jahre alt. Sie ist im Sommer noch viel eindrucksvoller als heute.

Es gibt also gute Gründe, nach Lübeck zurückzukommen, übrigens nicht nur wegen unserer schönen Luther-Buche. Das Weltkulturerbe, unsere Lübecker Altstadt, lohnt jeden Besuch, woher Sie immer kommen mögen.

Zu jeder Zeit sind Sie in unserem Land, in Schleswig-Holstein, gern gesehen.

Ich bin ganz sicher, viele Gelegenheiten werden sich ergeben.

Heute werden Sie nun aber erst einmal innerkirchliche Angelegenheiten zu besprechen ha-ben, Tätigkeitsberichte, Haushalte, Gesetzesfragen und natürlich Ihr Schwerpunktthema, das Reformationsjubiläum. Sie haben in den kommenden Tagen gemeinsam viel vor. In Ihre Dis-kussion bringen Sie Ihre Erfahrung aus Ihren Gemeinden ein. Hinter Ihnen steht ein demo-kratischer Prozess und begleitet Sie. Die demokratische Struktur ist wohl auch das Marken-zeichen unserer evangelischen Kirche. Unsere Kirche lebt davon, dass sich Menschen wie Sie einbringen, dass sich viele tausend Gläubige aus ihren Gemeinden heraus freiwillig en-gagieren. Das ist bis heute der Grundpfeiler unserer Kirche, das Wurzelwerk, aus dem die Luther-Buche ihren Saft saugt.

Ein großer Baum, meine Damen und Herren, braucht ein weit verzweigtes Wurzelwerk. Un-sere Kirche hat ein solches Wurzelwerk. Sie wirkt hinein bis in die hintersten Winkel unseres Landes. Sie kann jeden Menschen in den Dörfern wie in unseren Städten erreichen, die Jun-gen wie die Alten, die Glücklichen wie die Bedrückten.

Sie wissen aus Ihrer Arbeit, wie es in den Menschen in unserem Land aussieht, bei den Alten und Kranken, bei den Arbeitslosen und bei den Jugendlichen ohne Perspektive. Sie kennen aber auch die engagierten Erwachsenen, denen ihr Glaube Kraft fürs Leben gibt. Sie kennen die Beiden, die sich fürs Leben gefunden haben. Sie kennen die junge Familie, die ihren Nachwuchs feiert. Sie als Kirche sind ganz nah bei den Menschen. Sie haben einen hervorragenden Einblick in den Zustand unserer Gesellschaft. Sie wissen, was unser Land und was die Menschen in unserem Land umtreibt.

Deshalb ist Kirche für den Staat und für die Politik auch ein so wichtiger und wertvoller Part-ner, ein wertvoller Mitstreiter in dem Ringen um eine bessere Gesellschaft und ein wertvoller Mitstreiter bei der Arbeit, die wir uns gemeinsam gegeben haben. Ob man an Gott glaubt und an welchen Gott man glaubt, entscheidet jede und jeder für sich. Glaube ist privat, aber was unser Glaube bewirkt und wie unser Glaube in die Realität tritt, ist öffentlich. Die Arbeit unserer Kirche ist öffentlich. Die Arbeit unserer Kirche ist immer auch Arbeit an unserer Ge-sellschaft.

Staat und Kirche – das habe ich gestern Abend gesagt, und es ist auch meine Überzeugung – sind sicher getrennt; aber was hindert uns daran, gemeinsame Antworten zu finden? Staat und Kirche, Politik und Kirche treiben dieselben Fragen um, Fragen nach Sinn und Zusammenhalt unserer Gesellschaft, Fragen danach, ob es uns gelingt, ein Wertegerüst denen wiederzugeben, die orientierungslos dahintreiben.

Wie helfen wir denen, die sich nicht mehr selber helfen können? Wie schaffen wir es, die Kluft zwischen Arm und Reich nicht nur in unserem Land kleiner werden zu lassen? Wie ge-ben wir Kindern Wissen und Werte mit auf den Weg, um sie fürs Leben stark zu machen, und wie bewahren wir die Schöpfung und ermöglichen es damit auch unseren Kindeskindern, in einer lebenswerten Welt zu leben?

Meine Damen und Herren, ich bin überzeugt: Wenn wir solche Themen gemeinsam in den Blick nehmen, können Kirche und die, die sich im Staat als Politikerinnen und Politiker enga-gieren, gemeinsam viel bewirken. Sie haben nachhaltige Einblicke in die Gesellschaft. Des-halb sind Sie auch aufgerufen und aufgefordert, konkrete, klar benannte Kritik an gesell-schaftlichen Entwicklungen aufzuzeigen. Ich ermuntere Sie dazu. Seien Sie als Kirche unbe-quem! Seien Sie lautstark, konstruktiv lautstark! Sagen Sie Politik und Staat immer Ihre Mei-nung, auch wenn es Politikerinnen und Politikern das, was Kirche sagt, nicht immer gefällt! Sagen Sie nicht das, von dem Sie glauben, dass wir, die wir Politik machen, es ohnehin schon wissen, sondern sagen Sie uns das, was wir nach Ihrer Ansicht eben noch nicht wissen oder besser wissen sollten!

Kirchen stellen Fragen anders, weil sie die Fragen aus der Glaubensgewissheit heraus stellen, weil sie sie auf der festen Basis christlicher Grundwerte heraus stellen, weil ihre Weltsicht, die kirchliche Weltsicht, von unerschütterlicher Hoffnung und Zuversicht geprägt ist. Diese Zuversicht ist übrigens ein Fingerzeig für all die, die Politik machen und die oft so wirken, als hätten sie so gar keine Hoffnung und so gar keine Zuversicht mehr, so dass man sich fragt: Warum macht Ihr denn Politik, wenn Ihr an das Morgen nicht mehr wirklich glaubt?

Wir brauchen die Stimme der Zuversicht im Chor derjenigen, die in unserem Land Verant-wortung tragen wollen. Wir brauchen die Zuversicht, die ihr Wurzelwerk auch im Glauben hat, um Veränderungen anzustoßen, um ein Samenkorn auszubringen, das sich zu einer großen, neuen, gemeinsamen Idee entwickelt.

Vor 140 Jahren brachte eine Delegation aus Thüringen einen kleinen Schössling der Luther-Buche hierher nach Lübeck voller Zuversicht, dass er sich in der Hansestadt gut entwickeln würde und dass er hier gedeihen würde. Heute ist aus dem Schössling ein stattlicher Baum geworden. Die Buche hat sich in den letzten 500 Jahren wie unsere Kirche entwickelt. Unsere evangelische Kirche hat bis heute den Mut, den Willen und die Kraft, sich immer wieder zu prüfen und sich immer wieder da zu reformieren, wo es notwendig ist. Das jedenfalls ist aus meiner Sicht das Erbe Martin Luthers. Ich bitte Sie herzlich: Machen Sie davon auch weiter-hin Gebrauch!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Tagung bei uns in Schleswig-Holstein. Möge der gute Wind, der hier immer weht, Ihre Gedanken beflügeln. Viel Kraft und viel Freude, auch für Ihre Arbeit in den nächsten Jahren!