5. Tagung der 11. Synode der EKD

Timmendorfer Strand, 1. bis 7. November 2012

Grußwort der Deutschen Bischofskonferenz

Erzbischof Dr. Werner Thissen

05. November 2012

Dr. Werner Thissen

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Präses der Synode Frau Göring-Eckardt,
sehr geehrter Herr Ratsvorsitzender Präses Schneider,
verehrte Synodale,
liebe Schwestern und Brüder,

für die Einladung, vor Ihnen sprechen zu dürfen, danke ich Ihnen sehr herzlich. Ich tue dies auch im Namen meiner Mitbrüder in der Deutschen Bischofskonferenz. Es ist ein schönes Zeichen gelebter Ökumene, dass die Deutsche Bischofskonferenz in jedem Jahr von der Evangelischen Kirche in Deutschland zu diesem Grußwort eingeladen wird. Ich spreche zu Ihnen auch im Namen aller Gläubigen aus unserem Erzbistum Hamburg. Wir freuen uns, dass Sie hier bei uns im Norden mit Ihrer Synode zu Gast sind.

Auf Ihrem Programm steht das 500-jährige Jubiläum der Reformation. In der Vorbereitung darauf kommen Sie hier zusammen. Dabei stellen Sie einen Vers aus dem Johannesevan-gelium besonders in den Mittelpunkt Ihrer Synode: „Am Anfang war das Wort“. Sie machen damit klar, auf welchem Fundament Sie stehen: auf Christus, dem Wort Gottes, dem Anfang und Ende von all dem, was wir im Glauben denken, sprechen und tun.

Das erinnert mich sofort an das Jubiläum, das wir als katholische Kirche in diesem Jahr feiern. Vor 50 Jahren begann das Zweite Vatikanische Konzil, das bis 1965 dauerte. Das Konzil war von dem Bestreben geprägt, sich intensiv hinzuwenden zu den Quellen des Glaubens, vor allem zur Bibel und zu den Zeugnissen der frühen Kirche. Es war davon geprägt, die Frohe Botschaft neu in Denken und Sprechen unserer Zeit hinein zu tragen.

Ich habe mir die Frage gestellt, wie sich Reformationsjubiläum und Konzilsjubiläum zueinan-der verhalten können. Dabei will ich nicht verschweigen, dass ich mich im Hinblick auf 2017 mit dem Begriff „Jubiläum“ schwer tue. Denn wer könnte übersehen, dass das Jahr 1517 wesentlich mit der Spaltung unserer Kirchen zu tun hat. Jubiläum, Jubilare, jubeln – passt das dann?

Umso mehr liegt mir daran, und das wird Ihnen genauso gehen, dass wir im Zugehen auf das Jahr 2017 nicht die Spaltung, sondern das Miteinander vermehren.

Ein Schlüsseltext des Konzils ist die Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung „Dei Verbum“. Die Konstitution hebt hervor, dass die Heilige Schrift – gemeinsam mit der Liturgie und der kirchlichen Überlieferung – „die höchste Richtschnur des Glaubens“ (DV 21) ist. Das heißt: Unser Blick auf das II. Vatikanum ist immer auch ein Blick über das Konzil hinaus. Es ist ein Blick auf das Wort, das am Anfang war und das auch am Ende sein wird. Ganz im Sinne Ihres Leitsatzes: Am Anfang war das Wort.

Das Wort Gottes spielte beim Konzil auch eine anschauliche Rolle. Jede offizielle Sitzung des Konzils begann mit der sogenannten Inthronisation des Evangeliars. Dazu wurde ein Buch mit den Evangelien in die Konzilsaula – dem Petersdom – getragen und feierlich in der Mitte der 2500 Konzilsväter aufgestellt. Damit sollte deutlich gemacht werden, welcher Grund uns als Kirche trägt: Christus, das Wort Gottes.

Ich freue mich, dass der Lutherische Weltbund und der Päpstliche Einheitsrat einen gemeinsamen Text formulieren wollen zur Bedeutung der Reformation.
Denn das ist ja auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil deutlich geworden, das dort manche Anliegen Luthers gewürdigt worden sind und auch aufgegriffen worden sind. Ich nenne als Beispiele die Verpflichtung auf das Wort Gottes, die Freiheit der Glaubenszustimmung, die unüberbietbare Instanz des Gewissens.

Der Vorsitzende unserer Ökumenekommission, Bischof Gerhard Feige von Magdeburg, hat mich darauf hingewiesen, dass es im Kontaktkreis zwischen unserer Bischofskonferenz und der evangelischen Kirche in Deutschland Überlegungen gibt, einen Versöhnungsprozess anzugehen im Hinblick auf all das, was an Unversöhnlichem zwischen uns seit 1517 sich ereignet hat. Konkret könnte es dabei um Buße und Umkehr gehen. Dabei könnte deutlich werden, dass wir uns weniger gegenseitig etwas vorzuwerfen haben, sondern dass wir uns vielmehr gegenseitig um Vergebung zu bitten haben. Das könnte auch ein wichtiges Zeugnis sein gegenüber den oft so oberflächlichen Entschuldigungsmechanismen unserer Zeit.

Manche Formulierungen des Zweiten Vatikanischen Konzils machen deutlich, wie viel wir als katholische Kirche auch von Luther gelernt haben. Das hat ja auch Papst Benedikt in Erfurt betont, wie sehr Luther existentiell auf Christus ausgerichtet war. Dazu passt gut der Vorschlag von Ihnen, Herr Präses Schneider, das Jahr 2017 als Christusjubiläum zu feiern.

Die Zeiten seit Luther und – auf andere Weise – auch die Zeiten seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil haben sich, was Glaubensbewusstsein und Glaubenspraxis in unserem Land betrifft, dramatisch verändert.

Damit Menschen in unserer Zeit bereitwilliger an den Dreifaltigen Gott glauben können und glauben wollen, sind wir es ihnen schuldig, das, was uns verbindet, weiter zu entwickeln.

Als ich darüber nachdachte und darüber betete, kam mir der Konzilstext „Lumen Gentium“ über die Kirche in den Sinn. Da heißt es: „Der Bischof von Rom ist als Nachfolger Petri das immerwährende sichtbare Prinzip und Fundament für die Einheit der Vielfalt von Bischöfen und Gläubigen.“ Dem werden Sie nicht so ohne weiteres zustimmen. Aber dann kommt das, was mich nachdenken lässt. Der Text geht weiter: „Die Einzelbischöfe hinwiederum sind sichtbares Prinzip und Fundament der Einheit in ihren Teilkirchen“ (LG 23).

Joseph Ratzinger kommentierte das damals als Professor in Münster so: „Die Kirche der Väterzeit … lebte in der Vielheit der verschiedenen Bischofskirchen, die in ihrem gegenseiti-gen Miteinander die eine Kirche aufbauten.“

Daraus folgere ich: Je mehr wir als evangelische und katholische Ortskirchen zum Miteinander finden, desto mehr bauen wir an der einen Kirche Jesu Christi.
Ich habe den Eindruck, dass wir dabei hier im Norden auf einem guten Weg sind. Ich habe aber auch den Eindruck, und sage Ihnen das freimütig, dass es oft gar nicht theologische Gründe sind, die unser Miteinander erschweren, sondern – ich sage mal mangels eines bes-seren Begriffs – konfessionelle Gefühligkeiten. Als ich davon einmal im Radio sprach, gab es viele Reaktionen darauf, zustimmende und ablehnende. Dabei konnte ich mich des Gedan-kens nicht erwehren, dass die ablehnenden Reaktionen meine These fast noch mehr bestätigten als die zustimmenden.

Liebe Schwestern und Brüder, ich wünsche uns allen, dass wir im Zugehen auf das Jahr 2017 gemeinsam auf Jesus Christus hören und nach seinem Auftrag fragen.

Für den Verlauf Ihrer Synode wünsche ich Ihnen von Herzen Gottes Segen. Möge das Wort Gottes Ihnen Inspiration und Kraft geben für Ihren Dienst.

Fußnote:
[1] Ergebnisse und Probleme der dritten Konzilsperiode, Köln 1965, 55