Kinder sind ein köstlicher Schatz – die Reformation als Bildungsbewegung. Vortrag auf dem 11. Thüringer Bildungssymposium

Margot Käßmann

25. Mai 2013

1. Reformation und Kinder

Lassen Sie mich mit einem Zitat Martin Luthers beginnen:

"Da Doktor Jonas einen schönen Ast mit Kirschen zum Gedächtnis der Schöpfung über den Tisch hängte und den herrlichen Segen Gottes an solchen Früchten lobte, sprach Luther: Warum bedenkt ihr das nicht vielmehr an Euren Kindern als Früchten Eures Leibes? Sie übertreffen doch aller Bäume Früchte und sind schönere, herrlichere Kreaturen Gottes? An ihnen sieht man Gottes Allmacht, Weisheit und Kunst, der sie aus nichts geschaffen hat. Er hat ihnen in einem Jahr Leib, Leben und alle Glieder so fein und wohlgestalt geschaffen und will sie ernähren und erhalten. Wir aber gehen dahin und geben nicht viel darauf, ... Wie die Schrift und das gemeine Sprichwort sagt: ‚Je mehr Kinder, je mehr Glück!' Ach lieber Gott, wie groß ist doch die Blindheit, Unwissenheit und Bosheit an einem Menschen, der das nicht bedenken kann, sondern widerstrebt den allerbesten und herrlichsten Gaben Gottes, missbraucht sie zu allen Sünden und Schanden nach seinem Gefallen und seiner Wollust, singt unserem Herren kein Deo gratia (Gott sei Dank) dafür!" [1

Martin Luther hatte Kinder, sechs an der Zahl: Johannes, Elisabeth, die noch als Kleinkind verstarb, Magdalena, die als 13jährige verstarb, Martin, Paul und Margarethe. Zum einen setzte er wie andere Reformatoren vor und nach ihm durch seine Eheschließung als ehemaliger Mönch mit einer ehemaligen Nonne ein Zeichen. Zölibatäres Leben galt als vor Gott angesehener, der gerade Weg zum Himmel sozusagen. Für viele Reformatoren war der Schritt zur Ehe ein Signal, dass auch Leben in einer Familie, mit Sexualität und Kindern von Gott gesegnetes Leben ist. Die öffentliche Heirat von bisher zölibatär lebenden Priestern und Mönchen und Nonnen, war ein theologisches Signal. Es war eine Zeichenhandlung, die "etwas für die Reformation Elementares deutlich machen wollte: die Weltzuwendung und demonstrative Sinnlichkeit des neuen Glaubens" [2].

Aufgrund dieser Weltzuwendung, bin ich der Bitte um einen Vortrag heute Morgen gern nachgekommen. Mir ist bewusst, dass in Thüringen, einem Kernland der Reformation heute nur knapp ein Viertel der Bevölkerung evangelisch ist. Aber ich denke, die Überlegungen zu Bildung, die sich aus der Reformation ableiten lassen, können Grundlage für eine breite Diskussion sein. Nehmen Sie meinen Vortrag also als Gesprächsangebot.

2. Kinderarmut

Springen wir vom 16. Jahrhundert ins 21. und richten den Blick auf Kinder, so fällt als erstes auf: heute ist Deutschland arm an Kindern und viele Kinder sind arm, jedes sechste im Land, jedes dritte in Berlin! Eigentlich müsste das erste Problem das zweite lösen. Wenn ein Land eine niedrige Geburtenrate aufzuweisen hat, sollte es alles dafür tun, dass die wenigen Kinder, die geboren werden, individuell gefördert sind, ihre Begabungen entwickeln können - und ich bin überzeugt, jedes Kind hat eine Gabe! Stattdessen erklärt jedes dritte Kind in Deutschland, es werde in der Schule gemobbt, weil es nicht mithalten könne, nicht die richtigen Klamotten habe oder zu dick sei. Es gibt viel traurige Kindheit in Deutschland heute - und das ist ein Skandal!

Aber Kinderarmut ist nicht interessant, politisch hat sie kein Gewicht, ökonomisch scheint sie irrelevant. Kinderarmut versteckt sich oft ganz still im Hintergrund. Sie ist ökonomisch bedingt und zeigt sich vor allem durch Beteiligungsarmut. Und sie ist ganz dezidiert Bildungsarmut.

In einem Beitrag zur Bildungsdiskussion hat die Evangelische Kirche in Deutschland die Mehrdimensionalität von Bildung unterstrichen. Zur Grundbildung eines Menschen gehören demnach nicht nur die von der PISA Studie abgefragten sprachlich-literarischen, mathematischen und naturwissenschaftlichen Kompetenzen, sondern auch ethische, soziale und religiöse Bildung ebenso wie ästhetische, medienkritische, ökologische, geschichtliche, zukunftsfähige und lebensphasengerechte Bildung [3]. Es geht um eine viel umfassendere Armut: an Bildung, Sprachkompetenz, aber auch an Tradition, Kultur, Ritualen und Religion.

Kinder aber werden weiterhin als "Gedöns" gesehen, sie sind irgendwie zu versorgen, das kann doch jeder - nein eher: jede! Da waren die Reformatoren weiter. Luther konnte manchmal ungeheuer modern sein. Es geht darum, ob gestandene Mannsbilder sich lächerlich machen, wenn sie Windeln waschen. Hören wir also noch einmal Martin Luther:

"Wenn ein Mann herginge und wüsche die Windeln oder täte sonst an Kindern ein verachtet Werk, und jedermann spottete seiner und hielte ihn für einen Maulaffen und Frauenmann, obwohl ers doch in .... Christlichem(n) Glauben täte; Lieber, sage, wer spottet hier des anderen am feinsten? Gott lacht mit allen Engeln und Kreaturen, nicht, weil er die Windeln wäscht, sondern weil ers im Glauben tut. Jener Spötter aber, die nur das Werk sehen und den Glauben nicht sehen, spottet Gott mit aller Kreatur als der größten Narren auf Erden; ja sie spotten nur ihrer selbst und sind des Teufels Maulaffen mit ihrer Klugheit."
[4]

Das heißt: Es kommt nicht auf das Geschwätz der Leute an. Es kommt darauf an, dass ich weiß, wer ich bin, dass ich mein Leben vor Gott und in Gottvertrauen lebe und damit Rechenschaft gebe von der Hoffnung, die in mir ist. Und: es ist Teil der Schöpfung Gottes, Kinder großzuziehen, es ist Teil der Existenz von Mann und Frau. Und Kinder als köstlichen Schatz ansehen - das ist gelebter Glaube für die Reformatoren.

3. Gene und Meme

Wie wichtig ein Bündnis für Kinder in unserem Land ist, können wir immer wieder sehen. Vernachlässigte Kinder, gar getötete Kinder, überbehütete Kinder und immer wieder die Statistiken der Schulabbrecher, so genannten Schulversager, der Kinder ohne Chance.

In der World Vision Kinderstudie (2007) sind im letzten Teil Interviews mit Kindern zu lesen. Es ist erschreckend, wie klar Kinder aus armen Familien ihre Situation einschätzen. Sie glauben als 8 oder 11jährige schon nicht daran, dass sie es einmal schaffen könnten! Wie anders war das in meiner Generation! Meine Eltern hatten beide einen so genannten Volksschulabschluss. Aber sie haben alles daran gesetzt, dass ihre Kinder Abitur machten und studieren konnten. Gute Bildung und Ausbildung war ein Ziel, das allen Einsatz wert und erreichbar schien.

Und heute? Da gibt es auch Vorurteile, die beispielsweise besagen, etwa Migrantenfamilien legten keinen Wert auf Bildung. Wir wissen aber aus Studien, dass etwa türkische Einwanderer große Hoffnungen auf die Bildungsleistung ihrer Kinder setzen, ganz anders als populistische Pamphlete vermuten lassen. Eine Studie von Wissenschaftlern der Universität Bamberg zeigt, dass sie für ihre Kinder hohe Bildungsziele haben [5]. Sie wünschen sich, dass ihre Kinder einen guten Schulabschluss machen, möglichst studieren. Allerdings haben sie kaum Erfahrungen mit dem deutschen Schulsystem, kennen die Regeln nicht, wissen nicht, dass und wie sie ihre Kinder fördern können. Sie fühlen sich fremd und das führt zu Enttäuschungen bei ihnen wie den Kindern, wenn die schulische Karriere ins Aus führt. Wie hier Ansätze der Integration, der Beratung, eines Zugehens auf das deutsche Schulsystem ermöglicht werden können, ist eine entscheidende Frage. Der Anknüpfungspunkt jedenfalls ist ganz offensichtlich vorhanden.

Da ist es entscheidend, dass Menschen sich engagieren, auf Kinder, Jugendliche und ihre Familien zugehen - das ist reformatorisches Erbe, Bildungsgerechtigkeit für alle. Ich denke an das Projekt "FuN" (Familie und Nachbarschaft). Da treffen sich ausgebildete Beraterinnen mit Müttern ausländischer Herkunft und ihren Kindern. Und sie lernen, dass es gut ist, ein Bilderbuch zu Hause zu haben, es mit den Kindern anzuschauen, ein Memoryspiel gemeinsam zu entdecken. Eine Beraterin sagte mir kürzlich: "Oft ist am Anfang Angst und Hemmung da. Aber die Frauen sind so froh, es macht einfach Spaß!" Kürzlich habe ich eine Initiative kennengelernt, die den Titel hat: "Hauptschüler - aus Rohdiamanten Diamanten machen!" Da geht es um konkretes Engagement, den Kreislauf der Armut und Bildungsarmut zu durchbrechen. Davor habe ich wesentlich mehr Respekt als vor all den pessimistischen Abgrenzungsideologien.

Was brauchen Kinder? Zuwendung, Regeln, Liebe, Unterstützung, Klärungen. Ja, sie brauchen Gene und Meme! Ein afrikanisches Sprichwort sagt: "It takes a village to raise a child" - Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen. Das muss unsere Gesellschaft neu lernen! Ja, Eltern schenken die Gene. Sie legen auch Glaubensfundamente, vermitteln Werte und eine Lebenshaltung. Das ist eine ungeheuer große Verantwortung. Eine enorme Leistung. Und eine wunderbare Aufgabe. Aber auch die Menschen ohne Kinder oder die Älteren, die schon Kinder erzogen haben, leisten einen unschätzbaren Beitrag. Die "Meme" - die Kultur, das Gedächtnis, die Bildung einer Gesellschaft sind hiermit gemeint. Der Zoologe Clinton Richard Dawkins hat sie parallel zu den Genen gestellt. Er führte den Begriff "Mem" für den Bereich Kultur analog zum Gen in der biologischen Evolution ein. Wir alle tragen dazu bei, Kindern in unserem Land diese Meme mitzugeben, ob wir Kinder haben oder nicht.

Es geht um Netzwerke. "Dieses Kind braucht Deutschland" meint: Wir brauchen jedes Kind, jedes Kind braucht uns. Keines soll verloren gehen. Der renitente Junge, der die KiTa auf den Kopf stellt, das junge Mädchen, das an Magersucht leidet, der Jugendliche, der kifft, die etwas abgedrehte Hauptschulabbrecherin - sie sind wertvoll! Gott weiß das, er liebt sie ja ohnehin. Aber sie sollen spüren: Wir brauchen dich. Du bedeutest uns etwas. Wir wollen für dich da sein. Eine reformatorische Perspektive ist in jedem Fall: Das einzelne Kind in den Blick nehmen!

Als ich Berichte Jugendlicher über ihr Freiwilliges Soziales Jahr gelesen habe, hat mich am meisten erschüttert: Viele haben erzählt, sie hätten zum ersten Mal gespürt, dass jemand sie braucht! Da läuft etwas sehr falsch, wenn junge Leute in unserem Land den Eindruck haben: wir brauchen euch nicht. Auch das ist ein Armutszeugnis!

Vielleicht können wir von diesen Überlegungen her deutlich machen, was das Engagement für Kinder in unserem Land bedeutet: Ja, es geht um die biologischen Eltern, die sich für Kinder engagieren. Aber es geht auch um die Haltung einer Gesellschaft insgesamt, die ihre Zukunft auf Kinder baut. Wer nur Börsenkurse im Blick hat, kann tief fallen. Aber wer im eigenen Leben an kommende Generationen denkt, lebt wahrhaftig nachhaltig. So spielen Elternschaft und gesellschaftliches Engagement für Kinder ineinander und nicht gegeneinander. Unsere egomanische, ökonomiefixierte Gesellschaft lernt gerade ganz neu: die Zukunft liegt im Verletzbaren, im Kind. Das ist christlich gesehen die zentrale Lektion. Selbst Gott kommt als Kind verletzbar zur Welt, so glauben Christinnen und Christen.

Alles, was wir für so entscheidend halten, auch ein enger Bildungsbegriff, hält gar nicht stand, wenn es ernst wird im Leben. Wenn wir krank werden, wenn wir sterben, dann stürzen all unsere Sicherheiten zusammen, die uns angepriesen werden. Dann brauchen wir eine Herzensbildung, Bildung für das Leben, Rituale, Geschichten, Gebet. Dann zählen Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei. Aber die Liebe ist die größte unter ihnen, sagt der Apostel Paulus. Wohlgemerkt nicht die Disziplin oder die Strenge, sondern die Liebe, die wir als Eltern einem Kind gegeben haben, sind entscheidend für seinen weiteren Lebensweg. Die Resilienzforschung zeigt, dass frühe Erfahrung von Wertschätzung Kinder widerstandsfähig macht, ihnen Kraft gibt, auch schwierige Zeiten zu meistern. Die Zuwendung, die wir als Nachbarin oder Lehrer, als Ausbilderin oder Pastor, als Erzieherin oder Pate einem Kind zukommen lassen, sie ist eine Investition in die Zukunft. Da hinterlassen wir eine Spur im Leben. Wir geben die Meme weiter, den Glauben, die Kultur, die Werte, die wir selbst ererbt haben von unseren leiblichen und geistlichen Vätern und Müttern. Das ist Teil von Bildung und es ist Teil eines Eintretens gegen seelische und geistige Armut.

4. Kinder brauchen (biblische) Geschichten, Religion und Gebet, Rituale und Lieder, Vorbilder

Wenn es in der Bibel heißt: "der Gott deines Vaters Isaak", dann wussten offenbar alle, welcher Gott gemeint war. Wenn bei uns heute jemand vom "Gott deines Vaters Jürgen" oder vom "Gott deiner Mutter Monika" spricht, werden die Kinder ins Grübeln geraten. Sollte der ominöse Fußballgott gemeint sein? Oder vielleicht der Geiger André Rieu?

Es ist wichtig, dass Kinder und Jugendliche Zugang zu den alten biblischen Geschichten finden. Da geht es um Glauben, aber auch um Beheimatung in der eigenen Kultur. Architektur, Literatur, Kunst in Deutschland sind ohne jede Bibelkenntnis gar nicht zu verstehen. Aber wir erzählen nicht mehr. Da hat ein Kind nie etwas gehört von Josef etwa, der ein bisschen verwöhnt und hochnäsig war, der brutal verraten wurde, aber einen Weg fand im Leben, weil er sich Gott anvertraute. Wie gut aber zu wissen, dass ich durchhalten kann, das Versöhnung möglich ist.

Und die Geschichten unseres Landes, die werden ja auch nicht erzählt. Allzu lange sind wir stumm geblieben über die Erfahrungen in der Zeit des Nationalsozialismus - das sollte endlich vorbei sein. Ähnlich auch der Blick auf die DDR - "hört endlich auf, davon zu erzählen", heißt es. Heute guckt scheinbar jeder eine andere Geschichte bzw. zappt zwischen verschiedenen Geschichten hin und her. Nach einer neuen Studie verbringt der Durchschnittsdeutsche sage und schreibe 223 Minuten vor dem Fernseher - pro Tag! Das sind fast vier Stunden! Und gerade Kinder aus armen Familien schauen mehr fernsehen und bekommen seltener vorgelesen - ökonomische Armut verstärkt Bildungsarmut.

Die Erziehungswissenschaftlerin Sigrid Tschöpe-Scheffler führt die Unsicherheit vieler Eltern in der Erziehung darauf zurück: "Sie managen, planen, kontrollieren - und erleben trotzdem, dass es keinen Anspruch auf Glück und Gelingen gibt. Ein (anderer) Grund dafür ist wahrscheinlich der, dass wir heutzutage zu wenig gute Erzählungen von gelungenem Leben in uns tragen, wie sie zum Beispiel die Bibel oder Märchen vermitteln: In jeder dieser Geschichten gibt es Krisen, die bewältigt werden müssen, am Ende gehen sie aber gut aus. Vielen Eltern fehlt das Grundvertrauen ins Leben, das in diesen Erzählungen zum Ausdruck kommt." [6]

Es ist ein Verlust an Gemeinschaft, Tradition und Kultur, dass in unserem Land der gemeinsame Erzählfaden abgerissen ist. Wir müssen Geschichten, gerade auch die biblischen Geschichten weitererzählen.

Auch wenn in unserem Land die Säkularisierung unübersehbar ist, denke ich grundsätzlich: Kinder brauchen Religion. Wo können Kinder heute ihre existentiellen Fragen stellen? Während des Kirchentages in Hannover 2005 hatten wir ein Kinderzentrum eingerichtet. Kinder konnten ihre Fragen stellen, und Erwachsene mussten Rede und Antwort stehen. Offen gestanden fand ich die Stunde dort anstrengender als so manches Podium. Ein Kind fragte: "Was macht Gott mit den bösen Menschen?" Ein anderes zeigte mir seine von Neurodermitis gezeichneten Arme und sagte: "Warum macht Gott mich denn nicht gesund?" Und ein kleiner Junge sagte: "Weißt du denn, wo mein Opa jetzt ist, ich habe ihn so lieb gehabt!"

Kinder und Jugendliche haben tiefe und religiöse Fragen. Ich finde, es ist ein Armutszeugnis, wenn sie abgebügelt werden mit einem lapidaren "Weiß nicht!". Viele Eltern meinen offenbar, sie selbst hätten zu wenig Antworten, seien nicht kenntnisreich genug in Sachen Glauben. Und deshalb delegieren sie die religiöse Erziehung an die Kindertagesstätte oder die Schule oder sagen schlicht: "Mein Kind soll selbst mal entscheiden, welche Religion es haben will, ich habe damit nichts zu tun." Aber ein Kind muss doch erst eine Religion kennenlernen, um sich dann eines Tages dafür oder dagegen entscheiden zu können. Es einfach ohne Antwort zu lassen, die Erziehung in Sachen Religion zu delegieren, ist inakzeptabel, finde ich.

Mit einem Kind und Jugendlichen diesen Gesprächsfaden der existentiellen Fragen aufzunehmen, das ist eine wunderbare Erfahrung, für alle, die erziehen. Denn so eine Frage nach Leben und Tod, nach Gott und der Welt, die lässt sich ja nicht mal eben schnell beantworten. Sie ist der Beginn eines gemeinsamen Nachdenkens, eines Weges von Fragen und Zweifeln, von Suchen und Finden. Und manchmal lassen sich dabei wohl auch die alten Geschichten neu entdecken, miteinander lesen. Was das bedeutet, können wir kaum unterschätzen. Kinder stellen ja unsere eigenen Fragen. Nur trauen wir uns nicht, sie derart direkt zu stellen. Deshalb sind die Fragen der Kinder und Jugendlichen immer auch Fragen an uns selbst: Was glauben wir? Wo stehen wir? Sie sind eine Chance, die existentiellen Fragen nicht auszublenden, sondern offen anzunehmen, nicht vor ihnen wegzulaufen, sondern sich Zeit dafür zu nehmen. Dabei möchte ich Eltern und allen anderen, die erziehen, Mut machen zur Antwort.

Dazu gehört für mich auch das Beten. Wie wichtig ist es, in Angst und schweren Zeiten ein Gebet zu kennen. Das habe ich in der Seelsorge immer wieder erlebt. Es ist auch Armut, nicht beten zu können. In dem alten schwarz-weiß Film "Das doppelte Lottchen" stehen die beiden Mädchen vor der verschlossenen Tür hinter der die Eltern beraten. Die eine sagt: "Jetzt müssten wir beten". Die andere sagt: "Komm Herr Jesus und sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast!" Unpassend, ja. Aber immerhin, sie kannte noch ein Gebet, das ihrer Angst Worte und Form geben konnte. Ich denke, Beten lehren, eröffnet neue Horizonte.

Neben den Geschichten des Glaubens und dem Beten sind es für mich die Rituale, in die Kinder hineinwachsen sollten. Für Kinder haben Rituale eine große Bedeutung, ja sie lieben Rituale, und Rituale prägen sie und ihre Erinnerung an die Kindheit auch als Jugendliche. Da können Eltern so viel gestalten! Bei meinen eigenen vier Kindern habe ich erlebt, wie wichtig die zuverlässige Wiederholung des Erlebten, das konsequente Aufgreifen des Rituals für sie war.

Auch was Sterben und Tod betrifft, sind Rituale wichtig. Als ich die Kinderfragen zum Kirchentag 2005 gelesen habe, war ich berührt, wie viele Fragen nach dem Lebensende und darüber hinaus sind. Unsere Gesellschaft verdrängt den Tod ja geradezu panisch. Alle wollen alt werden, aber niemand will alt aussehen. Alle haben Angst vor Krankheit und Tod, aber niemand spricht darüber. Deshalb fühlen sich viele Alte, Kranke und Sterbende auch so einsam und abgedrängt. Wir als Erwachsene müssen uns mit dem Tod auseinandersetzen und sollten Kindern eine Gelegenheit geben, es ebenfalls zu tun. Das gilt auch für Jugendliche, von denen viele sich intensiv mit der Todesfrage auseinandersetzen bis hin zu Suizidgedanken.

Eine Hinführung zum Tod kann der Besuch eines Friedhofs sein. "Heimat ist da, wo ich die Namen der Toten kenne", hat Fulbert Steffensky einmal gesagt. Das hat mir sehr gefallen. Wir verscharren unsere Toten nicht irgendwo in einer Ecke, wir verstreuen ihre Asche nicht anonym, wir behalten ihre Namen im Gedächtnis und haben auch einen realen Ort für ihn, weil wir glauben, dass auch Gott ihre Namen ins Buch des Lebens geschrieben hat. Auf einem Friedhof können wir das selbst gut erfahren und Kindern und Jugendlichen zeigen. Wir können an den Grabsteinen sehen, wie kurz oder wie lang ein Leben war, auch bei Fremden. Und bei eigenen Familienmitgliedern oder Menschen, die wir kannten, erzählen, wer das war, welche Erinnerungen wir haben. Wir können die Geschichten vom Leben und Sterben aus unseren Familien oder von Freunden erzählen. Das zeigt: Wir vergessen die Toten nicht, sie bleiben ja Teil unseres Lebens. Wir erinnern die Namen und haben Orte der Trauer.

Wer Kinder davon ausschließt, lässt sie auch allein, etwa mit der Frage: Wo ist der Opa jetzt, was ist geschehen? Die Fantasien, die da entstehen, können sehr belastend sein. Ich finde es merkwürdig, dass Kindern in unserem Land zugemutet wird, vor ihrem 14. Lebensjahr durchschnittlich 18.000 (!) tote oder sterbende Menschen im Fernsehen zu sehen, aber dann heißt es, zu einer Beerdigung könnten sie nicht mitgenommen werden.

Rituale helfen uns, der Trauer Formen zu geben, sie zu bewältigen. Das habe ich auch erlebt, wo Kinder gestorben sind und den Freundinnen und Freunden, den Mitschülern die Möglichkeit gegeben wurde, den Abschied mitzugestalten. Kerzen anzünden, Gebete sprechen, Briefe der Erinnerung schreiben oder Blumen ins oder auf das Grab legen: das sind einige der Formen, die auch Kindern helfen, Abschied zu nehmen. Und manche erfinden sie vielleicht auch ganz neu für sich selbst. Es ist auch eine Form von Armut, keine Rituale zu kennen, die uns helfen, das Leben zu bewältigen.

Neben Geschichten, dem Beten und Ritualen gehört sicher das Singen zur christlichen Erziehung. Mit einem Lied jubeln oder in Verzagtheit singen "Wer nur den lieben Gott lässt walten..." das tut der Seele gut. Lieder können in uns klingen, wenn wir nicht mehr sprechen können. Vor einiger Zeit titelte der Spiegel "Das Jaulen der Trauerklöße. Die Deutschen verlernen das Singen." Wie wahr, können wir in diesen Lamentogesang nur einstimmen. Ich erinnere mich gut, dass meine jüngste Tochter mich beim Abiturgottesdienst ihrer Schwestern vor Jahren anraunzte: "Sing doch nicht so laut, das ist ja peinlich." Dann wurde klar: Ich war fast die Einzige, die sang, außer dem Pastor.... Singen aber ist Teil von Bildung! Das Singen neu lernen sollte ein Anliegen sein, weil, wie der Musikwissenschaftler und Gesangspädagoge Karl Adamek das formuliert hat, "die Seelen verstummen", wenn das Singen bedroht ist. Menschen, die singen, sind nachgewiesenermaßen psychisch und physisch gesünder. Selbst die FAZ hat darauf hingewiesen, dass die Folge verkümmerter Stimmbänder bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland inzwischen messbar sei (29.05.05). So kann ich dem Verband Evangelischer Kirchenchöre nur zustimmen, der erklärt: "Eine Antwort auf Pisa: Singen".

Schließlich die Vorbilder. Kinder und Jugendliche suchen Orientierung an Erwachsenen. Sie wollen wissen, was Erwachsene glauben, wo sie Halt finden, um für sich selbst einen Weg zu finden in Identifikation oder auch Abgrenzung. Dabei müssen die Vorbilder nicht ohne Risse sein! Meine Großmutter etwa hatte für jede Lebenslage einen Bibelvers parat. Wenn es Ärger und Auseinandersetzungen gab, hieß es: "Lass die Sonne nicht über deinem Zorn untergehen - schrieb schon der Apostel Paulus an die Epheser!" Ach, was konnten wir dagegen schon sagen? Gab es Streit mit den Eltern, wurde das Vierte Gebot herbeigeholt. Ich erinnere mich, dass ich mit meiner Cousine einmal am Karfreitag ins Kino gehen wolle. Nichts da: "Du sollst den Feiertag heiligen!" Eben dieses Gebot konnte sie auch zitieren, wenn es an ihrem Geburtstag Windbeutel mit Sahne gab. Nervend fanden wir das manchmal, überfromm. Aber sie war offen für Gespräche über Gott und die Welt, und sie hatte einen Standpunkt, der ihr offensichtlich geholfen hat, zwei Weltkriege durchzustehen, die Verschleppung des Ehemannes, die Flucht aus Hinterpommern, den Neuanfang mit Kindern und Enkeln in Hessen. Das hat mir imponiert. Sie hatte im christlichen Glauben Halt gefunden, warum sollte das nicht auch Halt für uns bieten?

Auch heute suchen Kinder und Jugendliche erwachsene Menschen, an denen sie sich orientieren können durch Identifikation oder Abgrenzung. Und es ist Teil reformatorischen Denkens, dass wir mit Kindern ins Gespräch kommen, sie ernst nehmen als Individuum, als Subjekt und nicht nur als Objekt unserer Erziehung.

5. Kinder brauchen Haltung

Mansfeld erinnert seit einigen Jahren an die Einschulung Martin Luthers im Jahr 1488 unter dem Motto: "Denke wie ein Weiser, aber sprich die Sprache deiner Mitmenschen". Auch Luthers Schulbesuch wird also zum "Denkmal" - nicht zur Unrecht allerdings, denn ohne Bildung hätte Luther niemals diese Durchbrüche hin zur Freiheit des Einzelgewissens leisten können.

Was Jesus als das höchste Gebot überlieferte: "Du sollst Gott über alle Dinge lieben und deinen Nächsten wie dich selbst", sollte als Lebenshaltung eingeübt werden. Rechenschaft für mein Tun, Selbstvergewisserung und Sorge für andere kommen zusammen. Da der oder die andere, ebenso wie ich selbst, als Gottes Ebenbild angesehen werden, steht seine oder ihre Würde nicht in Frage. Ja, da mag es Streit und Auseinandersetzung geben, das ist normal. Die Freiheit eines Christenmenschen begründete sich für Luther darin, dass jeder Mensch das eigene Gewissen an der Bibel schärfen konnte. Dazu gehörte die Fähigkeit zu lesen, auch deshalb war und ist Bildung ein reformatorisches Kernthema.

Mehr als jede Generation zuvor wird die jetzt heranwachsende vor enorme ethische Entscheidungen gestellt sein. Das Individuum muss Stellung beziehen, wo alte Wertvorstellungen ihre Selbstverständlichkeit verloren haben. Ich denke an Fragen der Gentechnologie, der Fortpflanzungsmedizin, der Sterbehilfe, der Energiegewinnung. Deshalb brauchen Kinder klare eigene Wertvorstellungen, die ihnen helfen, eine klare Grundhaltung zu finden, nicht auf sich selbst fixiert zu bleiben, sondern standhaft Position zu beziehen. Wie sang Bettina Wegner: "Menschen ohne Rückgrat haben wir schon genug...".

6. Es geht um Bildungsgerechtigkeit - im 16. Jahrhundert ebenso wie heute

Wenn wir die Situation von Kindern im Land sehen, fällt auf, dass die einen gut versorgt werden, die anderen vernachlässigt sind. Hier geht die Schere auseinander. Kinder arbeitsloser Eltern, Kinder mit Migrationshintergrund und Kinder Alleinerziehender sind besonders gefährdet. Dabei dürfen die Eltern hier nicht pauschal diskriminiert werden. Kürzlich schrieb mir eine Mutter: "Ich bin alleinerziehend und arbeitslos, aber glauben sie mir, ich tue alles, was ich kann, damit meine Kinder eine Zukunft haben!"

Die anfangs genannte Kinderstudie von World Vision zeigt bedrückende Interviews mit Kindern. Da sagt Kevin, 11 Jahre auf die Frage, was er gern verändern würde: "Zum Beispiel, dass die Armen auch so ganz normal sind wie die normalen Menschen." Der Interviewer fragt: "Was ist normal?" Kevin: "Ja, eigene Wohnung, eigenes Haus und ein schönes Leben." (S. 360)

Ja, das brauchen Kinder: eine geborgene Umgebung, Lust an Bildung, Hoffnung auf Zukunft und Wegweisung in dieses Leben hinein. Sie brauchen auch eine Kultur der Achtsamkeit, ein Hinschauen nicht nur derer mit den Genen, sondern auch von uns allen, der Meme. Und sie brauchen Netzwerke wie Pro Kind, Wellcome oder das schon genannte FuN, Initiativen, die sich darum bemühen, von Anfang an niedrigschwellige Angebote für werdende Mütter und durchaus auch Väter zu machen. Angebote, die davon ausgehen: alle Eltern wollen Gutes für ihr Kind. Aber viele müssen neu lernen, dass Erziehung auch etwas ist, was Eltern leisten müssen. Dass Regeln eingeübt und Versorgung gewährleistet sein muss.

Martin Luther ging es in der Wahrnehmung der "Freiheit eines Christenmenschen" darum, dass jede Frau und jeder Mann eigenständig den Glauben an den dreieinigen Gott bekennen kann und verstehend das Bekenntnis zu Jesus Christus bejaht. Die Voraussetzung für einen mündigen Glauben war für Luther, dass jede und jeder selbst die Bibel lesen konnte und so gebildet war, dass er den Kleinen Katechismus, das Bekenntnis für den alltäglichen Gebrauch, nicht nur auswendig kannte, sondern auch weitergeben konnte und damit sprachfähig im Glauben war. Grundlage dafür war eine Bildung für alle und nicht nur für wenige, die es sich leisten konnten oder durch den Eintritt in einen Orden die Chance zur Bildung erhielten.

Bildungsgerechtigkeit und Bildungsteilhabe - Martin Luther war der erste, der diese Themen öffentlich machte und sich vehement dafür einsetzte. Er hatte dafür theologische Gründe: Glaube war für ihn gebildeter Glaube, also ein Glaube nicht aus Konvention und nicht aus spiritueller Erfahrung allein, sondern durch die Bejahung der befreienden Botschaft des Evangeliums. Dass Glauben immer gebildeter Glauben ist, ist in seiner eigenen Biographie tief begründet. Nur durch das intensive theologische Studium der Bibel, aber auch von Augustinus-Schriften ist er zur befreienden Rechtfertigungseinsicht gelangt. Glaube ist für Luther immer eigenverantwortlicher Glauben: der einzelne Christ muss sich vor Gott verantworten und ist als einzelner von Gott geliebt. Die Kirche ist die Gemeinschaft der Getauften, aber nicht mehr die Heilsmittlerin für den Einzelnen. Glauben als gebildeter und eigenverantwortlicher Glaube sind die wesentliche theologische Beweggründe dafür, dass Luther sich vehement für eine öffentliche Bildung einsetzte, damit alle Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeit zur Bildung erhielten. Luther verdanken wir in Deutschland die Volksschulen als "Schulen für alle" - es ist interessant, aber von seinem theologischen Ansatz her nur konsequent, dass er sich selbstverständlich auch für die Bildung von Mädchen einsetzte.

Der Schwerpunkt Bildung gilt für alle Reformatoren: Melanchthon war Lehrer aus Leidenschaft, ja, wird auch aufgrund seiner Bemühungen um eine Universitätsreform als "Lehrer der Deutschen" bezeichnet. Martin Bucer wird von Lutheranern wie von Reformierten als Kirchenlehrer angesehen. Ulrich Zwingli lernte Griechisch, um das Neue Testament im von Erasmus von Rotterdam editierten Urtext lesen zu können. Er selbst besaß die für damals sehr große Zahl von 100 Büchern und gründete in seiner Glarner Pfarrei 1510 eine Lateinschule. Und dann das Genfer Kolleg, von Johannes Calvin gegründet, das die reformierte Bildungsbewegung in viele Regionen Europas brachte!

Das war und bleibt reformatorisches Anliegen: Denken, Reflektieren, Nachdenken, Verstehen können, Fragen dürfen. Stattdessen wird der Religion bis heute die Haltung unterstellt: nicht fragen, schlicht glauben! Fundamentalismus - ob jüdischer, christlicher, islamischer oder hinduistischer Prägung - mag Bildung und Aufklärung nicht. Jedwede Ausprägung von Fundamentalismus stellt sich eine Kernbotschaft der Reformation entgegen: selbst denken! Frei bist du schon durch die Lebenszusage Gottes. Im Gewissen bist du niemandem untertan und unabhängig von Dogmatik, religiösen Vorgaben, Glaubensinstanzen.

Vielleicht ist einer der wichtigsten Beiträge der Reformation, dass es ihr um gebildeten Glauben geht, einen Glauben, der verstehen will, nachfragen darf, auch was das Buch des christlichen Glaubens betrifft, der Bibel. Es geht nicht um Glauben allein aus Gehorsam, aus Konvention oder aus spirituellem Erleben. Sondern es geht um das persönliche Ringen um einen eigenen Glauben.

7. Kinder brauchen Werte

Wer heute über Bildung spricht, hat allzu oft ausschließlich Anwendungswissen im Blick. Eine Gesellschaft aber, die um Orientierung ringt, sollte erkennen, dass Bildung eben nicht allein die Aneignung von kurzfristigem oder langfristigem Wissen ist, sondern vor allem auch die Fähigkeit, ein "Verhältnis zum Ganzen des natürlichen geistigen Daseins" [7] zu entwickeln. Das bedeutet: Urteilsvermögen, das befähigt, in einer einzelnen Situation zu werten und zu handeln.

Gerade in einer Gesellschaft, die Individualität hoch schätzt, ist die Einzelperson mit Blick auf ethische Entscheidungen mit hohen Anforderungen konfrontiert. Um in dieser Konfrontation zu bestehen, ist "Ethik als Orientierungswissenschaft" [8] von entscheidender Bedeutung. Aus kirchlicher Perspektive sind ethische und soziale Kompetenz ebenso wichtige Ziele im Bereich der Bildung wie Fach- und Lernkompetenz.

Besonders angesichts der bereits angedeuteten starken Individualisierung, die sowohl einen Autonomiegewinn, als auch eine größere Verantwortung des Einzelnen zur Folge hat, ist eine grundlegende Orientierung, die die menschliche Würde nicht aus den Augen verliert, von elementarer Bedeutung. Der Mensch heute weiß, dass er, anders als beispielsweise im 16. Jahrhundert, nicht mehr über das Gesamtwissen verfügen, sondern nur kleine Ausschnitte von Wissen wahrnehmen kann. Was er dabei braucht sind "Wurzeln und Beheimatung" [9]. Nur wenn er diese Wurzeln hat, kann "das Bildungsideal einer Erziehung zu Selbstständigkeit und Humanität" [10] belebt werden. Menschen benötigen Deutungsmuster und Orientierungsrahmen, um konfrontiert mit den Anforderungen ihrer Zeit Entscheidungen treffen zu können.

Lassen Sie mich zwei Beispiele nennen: Da sind in einer evangelischen Kindertagesstätte 66 Kinder aus 15 Nationen versammelt, von deren Familien 80% von Sozialhilfe abhängig sind. Wie reagiert eine solche Tagesstätte auf die derzeitige Diskussion um Bildungsanforderungen an Tagesstätten? Da geht es um ganz elementare Dinge. Die Mittelbeschaffung für eine warme Mittagsmahlzeit, die im Etat nicht vorgesehen ist, und dann das langsame Erlernen: gemeinsam an den Tisch setzen. Ein Gebet zu Beginn sprechen. Erst mit dem Essen beginnen, wenn alle etwas auf dem Teller haben. Gemeinsam enden. Sie mögen sagen, das sei eine Erziehungsleistung, die das Elternhaus zu erbringen habe. Das mag sein, aber manches Elternhaus heute leistet eben dieses nicht. Wenn dann klar wird, dass es einen Zusammenhang zwischen Sozialschichtzugehörigkeit und erworbenen Kompetenzen gibt, ja gerade mit Blick auf Migranten-Familien eine frühe Förderung von entscheidender Bedeutung ist, müssen gerade solche Einrichtungen in benachteiligten Wohngebieten dringend gefördert werden [11]. Die 100 Euro Betreuungsgeld wären meines Erachtens besser in Kitas oder die Gehälter von Erzieherinnen und Erzieher investiert worden.

Sie werden verstehen, dass ich überzeugt bin: Christliche Ethik bietet einen gewichtigen Orientierungsrahmen. Gewiss kann Ethik auch säkular begründet werden. Aber Bildung, die die religiöse Dimension ausklammert, die Frage nach Gott nicht zumindest reflektiert, ignoriert eine mögliche Voraussetzung für die Bildung ethischer Kompetenz. Die Möglichkeit der Kommunikation über die Sinnfrage, die Frage nach dem Grundvertrauen als Voraussetzung für die Persönlichkeitsentwicklung, die Frage nach Regeln menschlichen Zusammenlebens und die Erkenntnis über Grenzen des Unverfügbaren gehört zur Bildung [12]. Mit der Diskreditierung von Religion in den westlichen Industriegesellschaften haben sich die Menschen elementare Grundvoraussetzungen der Selbsterkenntnis durch Gott als Gegenüber genommen und das aus der Lebenszusage Gottes gewonnene Grundvertrauen. Jeder Bildung liegt ein bestimmtes Menschenbild zugrunde: "Der Bildungsbegriff steht (also) in einer Wechselbeziehung zum Menschenbild, und der Menschenbildgedanke ist von der biblischen Vorstellung geprägt, dass der Mensch das Ebenbild Gottes sei." [13]

Der christliche Glaube bietet mit seinem Menschenbild von der Leistungsfähigkeit des Menschen, aber auch seiner Fehlbarkeit, von der Veränderbarkeit, aber auch Verführbarkeit des Menschen und vor allem seiner Möglichkeit zur Veränderung eine grundlegende Voraussetzung für die Bildung ethischer Kompetenz. Freiheit und Verantwortung gehören für christliche Ethik untrennbar zusammen.

Hierbei handelt es sich eben auch um die Bildung der emotionalen Seite des Menschen, dem Umgang mit den eigenen Gefühlen, der Wahrnehmung der inneren Stimme, der so genannten Herzensbildung, wie es ein aus der Mode gekommener Begriff treffend beschreibt. Die moderne Gesellschaft braucht Menschen, die in der Lage sind, ihre Gefühle nicht nur unter Kontrolle zu haben, sondern auch anzusehen und wahrzunehmen, die eine Fähigkeit zum Mitleid, zum Trösten, zum Trauern und zur Freude haben. Wer Orientierung gibt, vermittelt Werte. Und Wertevermittlung ist Teil von Bildung.

8. Orte der Vermittlung

Wie nun kann solche Bildung sich vollziehen? Einige Beispiele:

Zuallererst geht es um Familien. Die Gesellschaft muss Eltern Erziehungsbeistand leisten, sie zur Erziehung ermutigen, aber die Erziehungsaufgabe auch einfordern. Das gilt auch für die religiöse Erziehung in dem o.a. Sinn: als Bezug zur Transzendenz, als Erleben und Erlernen von Rücksichtnahme, der Fähigkeit zum Mitleiden und Trösten, als Vertrauen und Freude. Vielen Eltern ist diese Orientierung in der postmodernen Vielfalt bereits selbst verloren gegangen, oder sie scheuen die oft anstrengenden Auseinandersetzungen darum. Doch Kinder und Jugendliche benötigen Halt. Sie lernen Vertrauen zuallererst in der Familie. Sie brauchen Liebe und Grenzen zugleich. Und sie eignen sich Glauben und Rituale, beispielsweise auch das Beten im Elternhaus an. Nachgewiesen ist zudem, dass die Förderung von Vertrauen und Verantwortung sowie Konfliktfähigkeit in der Erziehung die moralische Urteilsfähigkeit von Kindern fördert. [14]

Die Schule braucht die Ermutigung und den Beistand der Gesellschaft. Sie kann nicht alle Probleme lösen. Und Lehrerinnen und Lehrer haben mehr verdient als schnöde Witze über kurze Arbeitszeiten. Wird in der Schule für das Leben gelernt? Kann es zunächst um das Annehmen des einzelnen Schülers, der einzelnen Schülerin als Person gehen, oder muss der Lehrplan die höchste Instanz sein? Wie ist das Verhältnis von Wissensvermittlung und sozialem Lernen zu bestimmen? Könnte nicht ein kritischer Blick auf die zentralen Orientierungspunkte ethischen Handelns ein notwendiger Schritt innerhalb der Bildungsdiskussion sein? Denn Kommunikation ist kein virtuelles Geschehen, sondern muss von Mensch zu Mensch erprobt werden. Es geht nicht nur um den Zugang zu Laptops und Internet, sondern um das Erlernen von Kompetenzen wie Mitmenschlichkeit, Toleranz und Nächstenliebe.

Der Blick muss auch gelenkt werden auf die universitäre Bildung. Der Mangel an interdisziplinärem Austausch, die Fachfixierung von Bildung ist für die ethische Kompetenz wenig hilfreich. Dass die Freie Universität Amsterdam 2001 eine "Professur für Menschenliebe" eingerichtet hat, erscheint dabei als eine bemerkenswerte Entwicklung...

Schließlich ist Bildung eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und Aufgabe aller Einzelnen zugleich. Bildung braucht Vorbilder und die Entwicklung ethischer Kompetenz kann nicht delegiert werden. Das erfordert eine Klärung der gemeinsamen Grundlagen und Wertmaßstäbe. Auch in der pluralistischen Gesellschaft muss es Grundüberzeugungen geben wie: Menschenwürde jedes Menschen, unabhängig von seiner Leistungsfähigkeit, Toleranz, Solidarität, Rücksicht der Starken auf die Schwachen, Teilen. Wenn solche Werte in einer Gesellschaft fest verankert sind und im Alltag auch praktiziert werden, dann wird es neu möglich sein, von den normativen Imperativen zu Gewohnheitswissen bzw. Intuition zu gelangen. Die feste Verankerung nicht nur in der Bildungstheorie, sondern im praktizierten Alltagsleben unserer Gesellschaft ist hierfür eine entscheidende Voraussetzung.

9. Kinder in der Leistungsgesellschaft

Unsere Gesellschaft ist eine Leistungsgesellschaft. Das will ich gar nicht diskreditieren. Wer einmal Max Weber gelesen hat, sieht, wie stark Protestantismus und Leistungswille verknüpft sind. Leistung und Erfolg sind aus christlicher Sicht nichts Negatives. Allerdings wird Leistung zum Abgott, wenn sie zum Lebensinhalt selbst wird und zur Überhöhung anderer führt. Unsere Gesellschaft steht in der Gefahr, nur noch einen Ausschnitt von Menschen wahrzunehmen.

In der Bildungsdebatte unserer Tage wird immer wieder auf die besondere Problemkonstellation für Kinder aus Migranten-Familien hingewiesen. Ich bin sehr wohl überzeugt, dass jedes Kind die deutsche Sprache sprechen sollte, das eingeschult wird! Aber die Frage ist, ob Bildung ausgerichtet ist auf "Erziehung zum Frieden, Achtung der freiheitlichen Rechtsordnung, Förderung sozialer Gerechtigkeit, Fürsorge für das versehrbare Leben und Verständigung mit Menschen anderer Kulturen und Religionen" , wie es die genannte EKD-Denkschrift formuliert. Bildung bedeutet auch: Respekt vor dem Fremden lernen, das Fremde fremd sein lassen, nicht in die eigenen Kategorien zwingen und doch Grundverabredungen treffen, die uns ermöglichen, gemeinsam leben zu lernen.

Den ganzen Menschen in den Blick nehmen, das ist dringend notwendig:

  • Wie, beispielsweise, soll denn an einer Hauptschule reine Wissensvermittlung stattfinden, wenn in einer einzigen Klasse 16 Schülerinnen und Schüler aus 14 Nationen unterrichtet werden? Hier müssen elementare Verhaltensweisen, Sprachkompetenz und Gemeinsinn vermittelt werden.
  • Wie soll denn durch den Zugang zu Computern an einer Realschule das Lernziel kommunikative Kompetenz erreicht werden, wenn viele Schülerinnen und Schüler Mühe haben, in eine kommunikative Beziehung von Mensch zu Mensch einzutreten?

Bei meinen Schulbesuchen in den elf Jahren als Landesbischöfin und im eigenen Unterricht in meiner Zeit als Vikarin und Pfarrerin, aber auch als Mutter, die vier Kinder durch ihre Schulzeit begleitet hat, konnte ich viele Lehrkräfte kennenlernen, die sich mit außerordentlichem Engagement darum bemühen, ihre Erziehungs- und Bildungsaufgabe wahrzunehmen. Ihnen gebührt hoher Respekt! Allerdings kann diese Aufgabe nicht einfach und ausschließlich an die Schule delegiert werden.

Mir liegt sehr daran, dass wir unser christliches Bildungsverständnis in die Gesellschaft einbringen. Unsere Kirche tut das auf vielfältige Weise, durch die Trägerschaft von Kitas und Schulen, durch Konfirmanden- und Jugendarbeit, durch Akademien und Familienbildungsstätten. Herausragend ist dabei der Religionsunterricht. Ein Problem der jetzigen Situation ist ja, dass genügend Religionslehrkräfte in den meisten Schulformen vorhanden sind, trotzdem aber zu wenige Religionsstunden erteilt werden. Probleme der Unterrichtsversorgung in anderen Fächern werden oft auf Kosten des Faches Religion geregelt.

Auch die Frage nach einem islamischen Religionsunterricht muss uns beschäftigen. Immerhin besuchen fast eine Million Schülerinnen und Schüler muslimischen Glaubens deutsche Schulen! Ich halte einen solchen Unterricht für dringend geboten, Koran-Schulen dürfen nicht die einzige Möglichkeit darstellen, in der eigenen Religion unterrichtet zu werden. Auch Muslime haben ein Recht darauf, während ihres schulischen Werdeganges in der eigenen Religion unterrichtet zu werden.

Wo kein Religionsunterricht erteilt wird, sollte es zumindest gemeinsamen Ethikunterricht geben.

10. Bildung als Gesamtgeschehen

Aus der Elementarpädagogik wissen wir heute, wie entscheidend die ersten drei Lebensjahre für die soziale Kompetenz, die Jahre 3 bis 6 für die Lernkompetenz sind. Die alte Aussage: "Mit der Schule fängt der Ernst des Lebens an", hat sich als Unsinn erwiesen.

Kindertagesstätten können Entscheidendes leisten, um Bildungsarmut von Anfang an entgegenzutreten. Hier wird lebendige Begegnung gelernt. "Protestantisch geprägte Pädagogik zielte niemals nur auf das Individuum ab, sondern immer auch auf den Gemeinschafts- und Geschichtsbezug jeder individuellen Existenz, gleichsam als Selbst-Bildung um des anderen Willen." [16] Es geht um eine Wertschätzung und Ermutigung der pädagogischen Arbeit, die Erzieherinnen leisten. Die Erziehung im Kindergarten hat auch mit Blick auf die Sprachkompetenz große Bedeutung.

Deshalb ist es ein Skandal, dass der Ausbau der Kindertagesstätten stockt. Bis zu diesem Sommer sollten Krippenplätze für 35 Prozent der unter Dreijährigen bereit stehen. Davon sind wir weit entfernt. In den neuen Bundesländern wie hier in Thüringen sieht es deutlich besser aus als im Westen, etwa in Niedersachsen, das ist mir klar. Aber in der Debatte geht es immer wieder nur um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Viel zu wenig ist die Rede davon, wie positiv sich die Kita auf Kinder auswirkt, gerade auch auf ihre Sprachkompetenz.

Insofern: Bildung ist tatsächlich ein "Mega-Thema" [17] , denn "Eine zur ‚Ich-AG' mutierte Gesellschaft... verlangt von ihren Bildungsinstitutionen einen unmöglichen Spagat: Nämlich das, was an sozialer, zivilgesellschaftlicher Substanz verloren gegangen ist und weiter verloren geht, kurzfristig auszugleichen, zugleich dem wachsenden Druck globalisierter ökonomischer Anpassungsprozesse Paroli zu bieten." [18]

Ein Letztes: Lassen Sie uns die Bildungsdebatte nicht so verkniffen führen. Behalten wir in aller heftigen Debatte den Humor, auch das ist reformatorisches Erbe. Martin Luther sagte einmal, das Evangelium könne nur mit Humor gepredigt werden. Und Friedrich Nietzsche meinte: Wenn die Christen etwas erlöster aussehen würden, könne er sich der Sache vielleicht annähern. Also bemühe ich mich als Frau der Kirche, den Bildungsbeitrag der Kirchen der Reformation in die Gesamtdebatte energisch, aber auch humorvoll und mit erlöster Haltung anzugehen. Um Beteiligung geht es, um den Blick auf das einzelne Kind als köstlichen Schatz, dem Bildungsgerechtigkeit zu verschaffen ist - das ist heute auf andere Weise, aber nicht weniger eine Herausforderung wie zur Zeit der Reformatoren im 16. Jahrhundert.



Fußnoten

  1. Schlag nach bei Luther, hg.v. Margot Käßmann, Frankfurt 2012, S. 90f.
  2. Ute Gause, Antrittsvorlesung, unveröffentlichtes Manuskript, S. 2.
  3. Vgl. Maße des Menschlichen. Eine Denkschrift, Gütersloh 2003, S. 14f.
  4. EL WA 10, 296f. (Scharffenorth. S. 219)
  5. Vgl. Tanja Schultz, Starker Ehrgeiz, schwache Leistung, in: SZ 29.9.10,
  6. Zeitschrift Brigitte, Dossier 07/2006
  7. Dietrich Bonhoeffer, Ethik, München 1981 9, S. 199.
  8. Hans-Jürgen Fraas, Bildung und Menschenbild in theologischer Perspektive, Göttingen 2000, S. 107.
  9. Tempi – Bildung im Zeitalter der Beschleunigung, 10 Thesen zu beziehen über Ev. Kirche in Deutschland, Herrenhäuser Str. 12, 30419 Hannover.
  10. Ulrich Beck, Thesen für eine umfassende Bildungsreform, in: H. Dieckmann/B. Schachsiek (Hg), Lernkonzepte, S. 13.
  11. Vgl. Maße des Menschlichen, EKD2003, S. 20.
  12. Wilfried Härle, Religion als Horizont und Element der Bildung, in: Bildung, Welt, Verantwortung. Festschrift 50 Jahre Ev. Studienwerk Villigst, Hg. v. M. Faßler u.a., Gießen, S. 59 ff.
  13. Fraas, aaO. S. 13.
  14. Vgl Christian Pfeiffer, Kriminalprävention im Jugendgerichtsverfahren, 1983, S. 106ff.
  15. Maße des Menschlichen, aaO., S. 64.
  16. Schlag, aaO. S. 797f.
  17. Detlef Josczok, Bildung - kein Mega-Thema, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 36/2001, S. 33 ff.
  18. Richard Sennett, Der flexible Mensch, Berlin 1998, S. 12.