Predigt im Gottesdienst zur bundesweiten Eröffnung der Woche für das Leben 2005 in Kassel

Wolfgang Huber

09. April 2005

I.

„Komm, wir wollen leben...“ - so ist dieser Gottesdienst überschrieben. Dieses Motto ist eine Kasseler Erfindung. Sie ergänzt ganz hervorragend das Leitwort der diesjährigen Woche für das Leben. "Mit Kindern ein neuer Aufbruch" heißt dieses Leitwort. Dazu tritt hier in Kassel die Aufforderung: „Komm, wir wollen leben“.

Ihr Kinder habt dieses Motto gemalt und gestaltet, geschrieben und besungen. Es muss ein Spaß sein, mit Euch gemeinsam von Fahne zu Fahne zu gehen und die 103 gestalteten Fahnen anzuschauen. Die Vielfalt der Einfälle und Motive ist groß. Aber einzelne Themen kehren immer wieder: Eine gesunde Schöpfung, Frieden, Eure Familie, gute Freunde. Trotzdem ist jede Fahne anders, denn jede einzelne habt ihr von Hand gestaltet. Es steht nicht auf den Fahnen, wer was gemalt hat, aber es ist deutlich, dass hier ganz verschiedene Menschen am Werk waren.

Nun schmücken und prägen diese verschiedenen Fahnen und ihre unterschiedlichen Gestaltungen diese Kirche. Es ist wie in einem Chor: Durch die vielen Stimmen im Chor und in unserem gemeinsamen Gesang entsteht die Musik. Und es ist wie bei einem Getreidefeld: Aus den vielen Körnern wächst ein Feld heran, das genug Getreide für ein Brot gibt. Da kann es schon einmal passieren, dass man denkt "Auf mich alleine kommt es gar nicht an, ob ich mitmale, mitsinge, mitwachse, das merkt doch keiner." Das aber ist falsch: Wenn man nahe genug herangeht an die Fahnen, an den Chor, an das Feld, dann erkennt man, dass das Ganze gar nichts ist ohne seine Teile, ohne die Einzelnen. Nur wenn Du mitmalst, entstehen die Tücher. Nur wenn Du mitsingst, klingt es. Nur wenn das einzelne Korn Frucht bringt, entsteht ein Weizenfeld.

II.

Gestern habe ich an der Beisetzung von Papst Johannes Paul II. in Rom teilgenommen. Unüberschaubar war die Zahl der Menschen auf dem Petersplatz und um ihn. Unzählbar sind die Menschen, die dieses Ereignis auf der ganzen Welt verfolgt haben. In der großen Menge war der Einzelne kaum noch erkennbar; aber es war gut, dass jeder einzelne sich die Mühe gemacht hatte zu kommen. Gerade Papst Johannes Paul II. hatte die Gabe, sich den Menschen, denen er begegnete, zuzuwenden. Er wollte sie spüren lassen, dass sie ihm wichtig waren. Sie sollten in der Masse nicht untergehen, sondern sich von einer Gemeinschaft getragen wissen.

Viele Menschen sind traurig, dass Papst Johannes Paul II. gestorben ist. Aber der Gottesdienst gestern war nicht von Trauer, sondern von Hoffnung erfüllt. Als der Sarg des Papstes aus dem großen Rund des Petersplatzes getragen wurde, lag eine Auferstehungsgewissheit über dem Platz. Diese Gewissheit gilt nicht nur dem Papst, sie gilt uns allen: „Christ ist erstanden von der Marter alle, des wollen wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.“

Es ist diese Auferstehungsgewissheit, die in Jesu Gleichnis vom Senfkorn einen unvergesslichen Ausdruck findet. Jedes Samenkorn muss sterben, wenn es in die Erde gelegt wird. Aber gerade aus dem kleinsten Korn kann sich die größte Pflanze entwickeln: ein Baum gar, in dessen Zweigen die Vögel gerne Wohnung nehmen.

Wir Christen vertrauen darauf, dass im Himmel noch viel mehr als auf der Erde jeder Einzelne gut aufgehoben ist. Gott liebt alle Menschen, und das heißt vor allem: Er liebt jede und jeden Einzelnen von uns und wird sich auch nach unserem Leben auf dieser Erde jedem von uns zuwenden.

III.

Kleiner Anfang – große Wirkung. Am Beispiel des Senfkorns zeigt Jesus das. Er benutzt es als Beispiel für das Himmelreich. Aber es ist auch ein Gleichnis für die menschliche Existenz. Wie klein fängt sie an! Und wie kann sie sich entfalten! Mit unserem Glauben ist es so. Er verdankt sich zarten Wurzeln. Aber er kann zu einem Baum werden, unter dem sogar andere Schatten finden. Und mit unserem Leben ist es so: Eine zarte Hoffnung steht an seinem Beginn. Niemand verfügt darüber. Aber plötzlich nimmt es seinen Anfang und wird ein Wunder vor unseren Augen.

Kinder erleben das am eigenen Leibe. Neugier bestimmt ihr Dasein, die offenen Augen, die voller Erwartungen sind, prägen ihr Gesicht. Aber auch, wer sich für das Aufwachsen eines Kindes öffnet, wird selbst wie ein Kind. Zu denen, die dies bezeugt haben, gehört auch einer der großen evangelischen Theologen des vergangenen Jahrhunderts, Dietrich Bonhoeffer. Er wurde heute vor sechzig Jahren von den Nazis in Flossenbürg ums Leben gebracht. Auch diesen bedeutenden Glaubenszeugen beziehen wir heute in unsere Gedanken und in unser Gedenken ein. Ihn beschäftigte zeitlebens die „Berufung des Menschen zum Kind“. Ein Leben lang erwartungsvoll zu sein, wie Kinder es sind, gehört zu den Verheißungen des Glaubens. Der Blick des Glaubens nimmt wahr, dass an einem kleinen Beginn das ganze Wunder des Lebens erkennbar wird.

Wer mit Kindern oder Enkeln zusammenleben darf, wird jeden Tag erfüllt von der Freude, Zeuge dieses Gottesgeschenkes in unserer Mitte zu sein. Bei mancher Mühsal des täglichen Lebens wird er immer wieder angesteckt von der Unbeschwertheit, der Neugier, oft auch der heilsamen Infragestellung durch Kinder. Mit Kindern zu leben, heißt ständig herausgefordert zu sein. Mit ihnen zusammen lernt man Dankbarkeit für die ganz kleinen und die ganz großen Dinge im Leben. Wer mit Kindern lebt, begegnet dem Wunder des Lebens und erfährt neu, was für ein Wunder auch das eigene, von Gott gegebene, behütete und geliebte Leben ist. Und wer in einer kinderlosen Straße lebt, wer kindvergessen ist oder wird, dem fehlt diese Glücks- und Segenserfahrung und der wird dadurch auch in seinem Verhalten in der Gesellschaft geprägt.

In der Woche für das Leben fragen wir bewusst: Was ist unser Anteil daran, was können wir tun, um Leben zu ermöglichen, um Kinder zum Segen werden zu lassen? Das liegt ganz gewiss zuerst an unserer persönlichen Einstellung, an unserer Kindercourage, die genauso wichtig ist wie unsere Zivilcourage. Gewiss brauchen wir für den Mut zu Kindern politische Rahmenbedingungen, aber wir brauchen vor allem Rahmenbedingungen in unserem eigenen Inneren. Wenn wir selbst in unserer Umgebung eine Familie mit mehreren Kindern genauso herzlich willkommen heißen wie ein Paar mit einem Bernhardiner, ist schon viel geholfen. Und wenn wir selbst diese Kindercourage haben, dann sind wir auch mit unseren politischen Forderungen am rechten Platz. Wir brauchen eine beherzte Familienpolitik. Aber wir brauchen vor allem ein Herz für Kinder.

Zu unserer Verantwortung gehört es, für Kinder und für Familien die Rahmenbedingungen zu schaffen, die sie benötigen. Wir wollen jungen Paaren Mut machen, sich auf das größte und das schönste Abenteuer einzulassen, dass diese Welt zu bieten hat: Ein Leben mit Kindern. Wir wollen uns von Kindern herausfordern lassen zu neuen Aufbrüchen, wir wollen Kinder an die Hand nehmen und ihnen durch das Leben helfen. Dabei erfahren wir, wie wir selbst beschenkt werden und Segen erfahren.

Ich bin erstaunt darüber, wie viele Menschen mir das mit Freude und Dankbarkeit erzählen: den Segen, den sie durch Kinder erfahren. Und ich wundere mich darüber, wie viele Menschen sich vor diesem Segen scheuen. Was alles dagegen spricht, wissen sie zu berichten. Eine Festlegung vermuten sie hinter dem Kinderwunsch, die sie sich nicht zumuten wollen. Unrecht haben sie nicht: Von Kindern kann man sich nicht scheiden lassen, Gott sei Dank. Ein Risiko im Blick auf den eigenen Wohlstand, gar ein Armutsrisiko sehen sie in Kindern. Und wieder haben sie nicht Unrecht: Wer Kinder hat, teilt mit ihnen alles, auch das eigene Einkommen. Gewürdigt wird das in unserer Gesellschaft bis zum heutigen Tag nicht in zureichendem Maß. Und trotzdem: Wer mit Kindern lebt, weiß, wie das ist: gleichzeitig beschenkt und gesegnet zu werden. Wir hoffen auf Kinder, so wie die Vögel auf das Wachsen des Senfkorns hoffen, damit sie selber ihre Nester bauen können. Kinder sind Boten des Lebens.

So wie das Senfkorn ganz von alleine in die Höhe wächst, so erleben auch viele Eltern, dass ihnen die Kinder eines Tages über den Kopf wachsen. In meiner eigenen Familie gab es dafür eine objektive Prüfung. Bei jedem Geburtstag mussten wir fünf Brüder uns an einen Türpfosten stellen. Die aktuelle Größe wurde festgestellt und auf dem Türpfosten mit Datumsangabe markiert. Bei Fünfen war das ein interessantes Bild. Aber als es so weit war, dass der erste von uns größer war als mein Vater, begann das Interesse an diesem Nachweis des Wachsens zu versiegen.

Die Kleinen werden groß, sie brauchen nicht mehr zu wachsen. Doch die Wahrheit geht noch weiter: Die Kleinen sind oft schon ganz groß. Mit Eurer Energie, in Eurem Drang zum Wachsen und Entfalten fordert Ihr Kinder uns Erwachsene heraus. Wir werden nicht nur an unsere eigene Kindheit erinnert, wir erleben auch neu, was es heißt, dass alles Leben von Gott geschenkt ist und in seiner Hand liegt. Wir erleben unsere Verantwortung in dieser Welt, aber auch unsere Grenzen. Wir lernen neu, Kleines zu entdecken und uns über Großes zu wundern.

Und nun ruft Ihr uns auch noch ein fröhliches „Komm!“ zu: „Komm, wir wollen leben“. Hier unterscheidet sich das Gleichnis vom Senfkorn von unserem Leben mit Kindern. Zwar gibt es auch bei Jesus einen Bauern, der das Senfkorn in die Erde legt, es düngt, begießt und großzieht. Aber dann entwickeln die beiden sich eben auseinander: Das Senfkorn wird zum Baum, der Bauer bleibt Mensch.

Gemeinsam brechen wir auf, Kinder und Erwachsene, Kinderlose und Kinderreiche, die einen wie die anderen gesegnet und dazu berufen, Segen zu bringen. Ihr Kinder werdet erwachsen, wir Erwachsenen wollen die Hoffnung der Kinder bewahren. Gemeinsam wollen wir leben, wie das Senfkorn wächst. Das ist Herausforderung und Verheißung zugleich.

Amen.