Unser tägliches Brot gib uns heute

Neue Weichenstellung für Agrarentwicklung und Welternährung. Eine Studie der Kammer der EKD für nachhaltige Entwicklung. Mai 2015

6. Verantwortung und Ansatzpunkte der Kirchen

Land und Nahrung spielen in der biblischen Tradition eine zentrale Rolle. Land gehört zu den wichtigen Segensgaben, die Gott seinem Volk Israel versprochen hat. Die Propheten Israels erkennen in der Enteignung des Erbbesitzes durch Großgrundbesitzer und der Verarmung der Bauern ein Zeichen für die Abwendung von der Treue zu Gottes Gesetz. Die Gleichnisse Jesu vom Reich Gottes lassen sich vom Wachsen oder der Bedrohung der Saat, von Ernte und Gemeinsam-zu-Tisch-Sitzen inspirieren: Das Land und seine Früchte sind das durchgängigste Bild für die Zukunft Gottes. Vielen Vorbildern im christlichen Glauben, die bis heute auch die evangelische Volksfrömmigkeit geprägt haben - der Heilige Nikolaus, St. Martin, die Heilige Elisabeth -, werden Taten der Barmherzigkeit für Hungernde und Notleidende zugeschrieben. Land und Ernährung sind im Leben der Kirche zentrale Themen - in ihrer direkten und ihrer auf Gott verweisenden Bedeutung.

Ein weiteres Moment kommt hinzu: Bauern und Landarbeiter haben schon immer das Leben der Kirche mit geprägt. Auch in den modernen Dienstleistungsgesellschaften sind Bauern und Bäuerinnen in den ländlich geprägten Gemeinden oft noch Stützen im kirchlichen Leben. Selbst in den Stadtgemeinden, wo die Vorfahren allenfalls vor drei Generationen noch Bauern waren, gehört das Erntedankfest zu den Gottesdiensten, die am besten besucht werden, weil Menschen bewusst ist, wie elementar sie davon abhängig sind, dass neben ihrer Arbeit die Natur mitspielt, damit das Land seine Früchte tragen kann. Den Landwirten und Landwirtinnen, die für unsere Versorgung mit gesunden Lebensmitteln unverzichtbar sind und unsere Kulturlandschaft prägen und pflegen, gebührt Dank und Anerkennung. Im Geist besonderer Wertschätzung muss das Gespräch zwischen Kirche und Landwirtschaft fortgesetzt und intensiviert werden.

Bauern und Bäuerinnen stehen weltweit, in Deutschland ebenso wie in den so genannten Entwicklungs- und Schwellenländern, oft unter starkem ökonomischen Druck. Häufig wird die Klage erhoben, dass die gesellschaftliche Akzeptanz für die ökonomischen Sachzwänge, denen die Landwirtschaft in Deutschland unterliegt, zu gering sei. Daher ist der gesellschaftliche Dialog über moderne Produktionsmethoden unerlässlich. Hier ist Kirche aufgerufen, diesen Dialog zu unterstützen, wie es bereits von dem Evangelischen Dienst auf dem Lande (EDL) in den einzelnen Landeskirchen erprobt wird: Um ein realistischeres Bild von modernen Produktionsmethoden, Tierhaltungsformen sowie bestehenden ökonomischen Zwängen zu bekommen, haben sich Besuche von verschiedenen Betriebstypen bewährt. Dies kann im Rahmen der Bildungsarbeit für Kinder, Jugendliche oder Erwachsene geschehen. Es können aber auch ganz gezielt gesellschaftspolitisch kritische Dialogveranstaltungen in Betrieben stattfinden. Die kirchlichen Entwicklungswerke organisieren auch Dialoge zwischen Bauern aus Nord und Süd, um einen Perspektivwechsel einzuüben.

Die folgenden Leitgedanken zur agrar- und ernährungspolitischen Verantwortung der Kirchen und zu entsprechenden Ansatzpunkten für das Handeln kirchlicher Akteure sind aus der biblisch geprägten Glaubensgeschichte erwachsen:

  1. Einsatz für Ernährungssicherheit: »Unser tägliches Brot gib uns heute.«
  2. Option für die Armen: »Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt ...«
  3. Einsatz für das Recht auf Nahrung: »Der Herr schafft den Armen Recht.«
  4. Schutz der Gemeingüter: »Die Erde ist des Herrn.«
  5. Nachhaltige Agrarpolitik: »Die Schöpfung bewahren und bebauen.«
  6. Ethik des Genug: »Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne?«

Die Maßstäbe muss die Kirche auch bei sich selber anlegen. Wo können evangelische Gemeinden, Einrichtungen oder Kirchenleitungen angesichts der aufgezeigten Problemstellungen und der Hinweise auf deren Bewältigung am wirkungsvollsten und mit ihren ganz eigenen Mitteln tätig werden? Hierzu gibt es auf allen kirchlichen Handlungsebenen zahlreiche Möglichkeiten und bereits entsprechende Aktionsprogramme, die in den letzten Jahren immer wieder benannt und diskutiert worden sind. Zu nennen sind hier etwa positive Ansätze im Bereich des fairen Handels wie das ökumenische Projekt für nachhaltige Beschaffung in Kirche und Diakonie/Caritas »Zukunft einkaufen« oder die EMAS- und »Grüner Hahn/Gockel«-Zertifizierungen sowie im ökumenischen Raum der Kirchen die gemeinsame Feier einer Schöpfungszeit vom 1. September bis 4. Oktober eines jeden Jahres. Insgesamt jedoch steht die Verbindlichkeit nachhaltigen Handelns der Kirche (nicht nur) im Blick auf ihren Beitrag für eine nachhaltige Sicherung der Welternährung immer noch am Anfang. Warum gelingt es bislang erst ansatzweise, das, was die Kirchen seit vielen Jahren erkannt haben, konsequent umzusetzen? Um den notwendigen Wandel herbeizuführen, sind offenbar neue strategisch ausgerichtete Prozesse erforderlich, die es ermöglichen, eine nachhaltige Praxis auf allen Ebenen kirchlichen Handelns einzuüben.

So notwendig politische Forderungen sind, so wichtig ist aus kirchlicher Sicht die Einübung eines nachhaltigen Lebensstiles. Auch im Blick auf die Welternährungslage brauchen wir in den früh industrialisierten Ländern einen kulturellen Wandel. Der ist aber noch nicht einmal ansatzweise erkennbar. So lange beispielsweise bei uns Billigfleisch die Regel ist, haben wir unsere Hausaufgaben nicht gemacht. Die Erfahrungen zeigen: Hier helfen weder moralische Appelle noch Intensivierungen von Bildungsarbeit, hier hilft nur, dass die Kirche Agentin der Nachhaltigkeit wird, indem sie nachvollziehbare Beispiele alternativer Praxis schafft (»Lebe so, dass man dich fragt«). Kirchen als Instrumente der verwandelnden Liebe Gottes können Orte einer alternativen Praxis werden, an denen Spiritualität (Schöpfungsspiritualität) mit Haltungen des Schalom, des umfassenden Heils und Friedens, verknüpft werden. Im Rahmen des von der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen 2014 in Busan initiierten weltweiten Ökumenischen Pilgerweges der Gerechtigkeit und des Friedens gilt es auch für die EKD-Gliedkirchen, sich auf einen Pilgerweg zu machen und dabei einzuüben, wie der Einsatz für ein Leben in Fülle für alle, eine Ethik des Genug und ein Leben in Frieden mit der ganzen Schöpfung in unserem Lebensalltag konkret Ausdruck und Gestalt gewinnen kann.

Damit Kirchen zu Orten einer alternativen Praxis werden können, müssen sie dies einüben. Kompetenz für nachhaltiges Handeln muss in allen Bereichen der kirchlichen Aus-, Fort- und Weiterbildung entdeckt, entwickelt und integriert werden. Christinnen und Christen sind aufgerufen, in ökumenischer Zusammenarbeit und mit großer Fehlertoleranz Modelle alternativen Handelns zu entwickeln und zu erproben. Auf vielfältige kreative Weise können so in der Kirche neue Wege des Transfers vom Wissen zum Handeln gefunden werden. Das erfordert auch eine neue Priorisierung kirchlichen Handelns: Fragen der Nachhaltigkeit (auch, aber nicht nur im Blick auf Ernährungssicherheit) sind keine zweitrangigen Fragen, sondern für unsere christliche und kirchliche Identität zentral. Deshalb ist der Ökumenische Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens (der Frieden mit der Schöpfung und Klimagerechtigkeit einschließt) nicht nur eine Aktionsform neben anderen, sondern ein grundlegendes geistliches Paradigma der notwendigen Transformation zu einer nachhaltigeren Lebensweise - vor Ort wie global. Auf diesem Weg kann uns das ökumenische Prinzip wechselseitiger Verantwortung und Rechenschaft helfen, gemeinsam die institutionellen und rechtlichen Rahmen zu entwickeln, in denen persönliche und gesellschaftliche Transformation gestärkt werden.

Die folgenden Punkte 6.1 bis 6.6 bezeichnen dafür wichtige Handlungsdimensionen.

6.1 »Unser tägliches Brot gib uns heute«: Gebet und Information

Das Vaterunser-Gebet verbindet Christinnen und Christen Tag für Tag weltweit. In der Bitte »Unser tägliches Brot gib uns heute« machen sie sich bewusst: Weltweit bleiben viele Menschen vom Zugang zu ausreichender Ernährung ausgeschlossen. Dass Menschen immer und überall genug zu essen und zu trinken haben, ist die erste Bitte, die Jesus uns im Blick auf menschliches Zusammenleben zu beten lehrt. In der Fürbitte treten die Gemeinden für die ein, die von Hunger und Mangelernährung bedroht sind. Diese Fürbitte schließt ein, dass die Kirchen die ihnen zugänglichen Informationen über die Ursachen von Hunger und Mangelernährung im Blick auf konkrete Notsituationen aufbereiten und zugänglich machen.

6.2 »Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt...«: Verkündigung und Dialog

Es ist eine Errungenschaft des ökumenischen Austauschs, wieder darauf gestoßen worden zu sein, dass Gott in Christus Partei ergriffen und sich auf die Seite derer gestellt hat, die in ihrer Gesellschaft ausgegrenzt waren. Die »Option für die Armen« ist deshalb ein durchgehendes Motiv für christliche Verkündigung und Bildungsarbeit.

6.3 »Der Herr schafft den Armen Recht«: Unterstützung und Advocacy

Die evangelischen Gemeinden spenden seit 200 Jahren für die »fernen Nächsten« in Not. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren für viele Familien in unserem Land Hilfssendungen aus dem Ausland überlebenswichtig. Leider Gottes ist es auch in einer Zeit, in der weltweit Nahrung im Überfluss vorhanden ist, noch notwendig, Mittel für die Ärmsten bereit zu stellen. Die Aktionen der Missions- und Entwicklungswerke werden auf absehbare Zeit noch benötigt werden. Deren Programme unterscheiden zwischen der akuten Nothilfe und den langfristigen Aufbauprojekten, die dazu führen sollen, dass Menschen von ihrer Arbeit leben und ihre Zukunft planen können. Die Kirchen werden sich auch weiter dafür einsetzen, dass es maßgebliche Beiträge sind, die aus einem Land wie Deutschland kommen. Sie werden vor allem die internationalen Bemühungen unterstützen, dass das »Recht auf Nahrung« für alle nicht nur auf dem Papier steht, sondern überall Wirklichkeit wird.

6.4 »Die Erde ist des Herrn«: Gemeingüter und kirchliches Pachtland

In Partnerschaften mit Kirchen in Lateinamerika, Afrika, Asien und Ozeanien gewinnt die Frage der Gemeingüter [156] an Gewicht. Trotz eigener historischer Erfahrungen z. B. mit der »Allmende« haben wir uns in Deutschland daran gewöhnt, dass es für den Boden Besitztitel gibt. In anderen Kulturen steht die gemeinschaftliche Nutzung von Gütern im Vordergrund. Dort würde ganzen Kulturen die Lebensgrundlage entzogen, wenn Land und Boden Eigentum Einzelner werden. Es muss daher auch Grenzen für Eigentumsansprüche geben. Biologische Vielfalt, sauberes Wasser oder die Luft zum Atmen haben Priorität vor erworbenen Eigentumsrechten. Unklar bleibt, welche gesetzgeberischen Maßnahmen nötig sind, um berechtigte Eigentumsansprüche und das Recht der Allgemeinheit auf Sicherung der Lebensgrundlagen gegeneinander abzuwiegen. Die Kirche, die davon ausgeht, dass letztlich Gott der Eigentümer und wir, was auch immer wir rechtlich regeln, nur Treuhänder und Nutznießer sind, kann in ihrer internationalen Verbundenheit ein solches Nachdenken mit anschieben.

Die Kirche selbst bewirtschaftet Außenflächen wie Grünanlagen, betreibt Friedhöfe und ist Eigentümer von Pachtland. Kirchliche Ländereien müssen so bewirtschaftet werden, dass die natürlichen Ressourcen und die Bodenfruchtbarkeit erhalten und schädliche Umwelteinflüsse reduziert werden. Hierzu gehören Aspekte wie die Erhaltung der biologischen Vielfalt, die Reduzierung des Einsatzes von Pestiziden, eine angepasste Düngung, der Verzicht auf Klärschlamm und gentechnisch veränderte Pflanzen.

6.5 »Die Schöpfung bebauen und bewahren«: Schöpfungszeit, Erntedank und Konsum

Das Erntedankfest erfreut sich anhaltender Beliebtheit, auch in den Gemeinden, wo niemand mehr als Bauer seinen Lebensunterhalt erwirtschaftet. Die meisten Christen haben ein Gefühl dafür, dass sie von Saat und Ernte und dem Zusammenspiel der natürlichen Bedingungen abhängig sind und danken Gott dafür. Die Gemeinden tun gut daran, die ursprünglichen Zusammenhänge in ihrem gottesdienstlichen Leben zu pflegen. Im Erntedankfest verweisen sie auf Gott als den Geber der guten Gaben, auf diejenigen, die mit ihrer Arbeit dazu beitragen, dass der Tisch gedeckt werden kann, und auf die Bedeutung einer intakten Umwelt, damit gedeihen kann, was wir zum Überleben benötigen. Die ökumenische Bewegung zur Feier einer Schöpfungszeit vom 1. September bis 4. Oktober eines jeden Jahres unterstützt dieses Anliegen gerade auch in Zusammenarbeit mit den orthodoxen Kirchen und unserer gemeinsamen Schöpfungsverantwortung.

6.6 »Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne?«: Fasten

Im Blick auf die Frage nach der persönlichen Verantwortung für Umkehr und Transformation der eigenen Lebensweise kann die Fastentradition hilfreiche Anstöße geben. Viele gläubige Menschen reduzieren für eine bestimmte Zeit ihre Nahrungsaufnahme, um an Körper und Seele die Erfahrung zu machen, dass sie endlich sind und dass ihre Existenz gefährdet ist. Sie machen sich zugleich bewusst, dass Verzicht Gewinn sein kann, weil Besitz auch belastet, und dass in der Beschränkung der Blick für die wesentlichen Dinge frei werden kann. Unsere Gesellschaften werden in Zukunft darauf angewiesen sein, dass sie die Fixierung auf Besitz und Konsum überwinden. Kirchliche Aktionen, die das Fasten propagieren, können dazu beitragen, dass in der Mitte der Gesellschaft die notwendige Debatte über eine »Ethik des Genug« und über das »gute Leben für alle« vorangebracht wird.

6.7 Empfehlungen an die Kirchen

  • Die EKD und ihre Gliedkirchen mögen sich aktiv am Ökumenischen Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens beteiligen.
  • Die EKD und ihre Gliedkirchen mögen gemeinsam einen innerkirchlichen Prozess unter aktiver Einbeziehung von Trägern entsprechender »good practice«-Projekte initiieren mit dem Ziel, Vorschläge zur Einführung einer nachhaltigen Praxis auf allen Ebenen kirchlichen Handelns zu erarbeiten. Die Umsetzung nachhaltiger Kriterien in allen kirchlichen Strukturen und Werken, ihre Anwendung auf Gebäude, kirchliche Flächen, ihren Einsatz an Lernorten und im Umgang mit Menschen, die in kirchlichen Einrichtungen leben und arbeiten, kommt eine besondere Bedeutung zu. Dabei soll der Bereich Ernährungssicherung und Agrarentwicklung gezielt in den Fokus genommen werden.
  • Empfehlung zur kirchlichen Bildungsarbeit zum Thema Welternährung:

    • Die Landeskirchen mit ihren Facheinrichtungen, Missionswerken sowie Brot für die Welt mögen zusammen mit ihren weltweiten Partnerkirchen und Kooperationspartnern vor Ort die Informationen über die Ursachen von Hunger und Mangelernährung so aufarbeiten, dass die Gemeinden zu informierter Fürbitte und vom Gebet getragenem Handeln zur Überwindung von Hunger und Mangelernährung befähigt werden. Das schließt ausdrücklich die Benennung konkreter politischer Ursachen ein wie etwa Kriegssituationen, Regierungen, die bestimmten Bevölkerungsgruppen den Zugang zu Ernährungssicherheit vorenthalten, sowie unfaire weltwirtschaftliche Rahmenbedingungen, die den Hunger verschärfen. Ein wichtiges Element kirchlicher Bildungsarbeit ist es, Wege aus der Krise aufzuzeigen. Daher sollte anhand von positiven Beispielen aufgezeigt werden, welche Wege aus der Krise herausführen, wie agrarökologische Landwirtschaft die Ernährung sichern kann [157].

    Empfehlung für die Erarbeitung von Gottesdienst- und kirchlichen Unterrichtsmodellen:

    • Diejenigen, die Gottesdienst- und Unterrichtsmodelle erstellen, und die, die predigen und unterrichten, sollen immer wieder bewusst machen, dass christliche Kirche und Verkündigung im Dienst der »Frohen Botschaft für die Armen« stehen. Das unterliegt keiner gesellschaftlichen Mode, sondern gehört zur Essenz christlichen Glaubens. Die Internet-Plattform »nachhaltig predigen« beispielsweise gibt Anregungen, wie die Themen Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in der Verkündigung einen Platz finden können [158].

    Empfehlungen zur Advocacy-Arbeit der Kirchen:

    • Die EKD, ihre Gliedkirchen und Werke sollen sich dafür einsetzen, dass die Justitiabilität des Rechtes auf Nahrung endlich international anerkannt wird. Dabei soll geprüft werden, wie internationale ökumenische Initiativen in Europa (in Zusammenarbeit mit der Konferenz Europäischer Kirchen) und weltweit (in Zusammenarbeit mit dem Weltkirchenrat) einen zielführenden Beitrag leisten können.
    • Die Kirchen sollten sich dafür einsetzen, den Zugang zu wirkungsvollen menschenrechtlichen Instrumenten zu öffnen (z. B. im Zusammenhang mit den extraterritorialen Staatenpflichten), die der juristischen (zumindest völkerrechtlichen) Auseinandersetzung mit solchen Konzernen und Regierungen dienen können, welche durch ihre Praktiken Menschen den Zugang zum Recht auf Nahrung faktisch verwehren. Gerade weil es sehr schwierig ist, die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte (WSK-Rechte) juristisch einklagbar zu machen, ist hier eine langfristig angelegte kirchliche Strategie besonders wichtig.
    • Kirchen, ihre Hilfswerke und Fachdienste wie die Arbeitsgemeinschaft der Umweltbeauftragten der Gliedkirchen in der EKD (AGU), der Evangelische Dienst auf dem Land (EDL) und die Referentinnen und Referenten des Kirchlichen Entwicklungsdienstes (KED) sollten auch weiterhin kirchliche Anliegen in gesellschaftspolitische Debatten zu Ernährungs- und Agrarfragen einbringen.
    • Der Umgang mit kirchlichen Geldanlagen ist an Kriterien der Nachhaltigkeit auszurichten. Die EKD-Gliedkirchen tätigen in nicht unbeträchtlichem Maße Geldanlagen, insbesondere im Bereich der Versorgungskassen. Sie sollten die Nachhaltigkeitskriterien für ein ethisches Investment beachten und Agrarrohstoff-Zertifikate nicht in ihre Geldanlagen mit aufnehmen.

    Empfehlungen zu Gemeingütern und zur Bewirtschaftung kirchlicher Land- und Grünflächen:

    • Die EKD, ihre Gliedkirchen und Werke sollten sich dafür einsetzen, dass in Entsprechung zu der Frage der Justitiabilität des Rechtes auf Nahrung auch im Blick auf den Schutz der Gemeingüter deren rechtliche Einklagbarkeit international anerkannt wird. Über ihre Entwicklungswerke unterstützt die Kirche Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, die keine verbindlichen Landrechtstitel haben. Projektpartner der Kirchen treten in vielen Ländern gegen »Landgrabbing« und für Landreformen ein, wenn Eigentumsverhältnisse extrem ungerecht sind. Wir unterstützen dieses Engagement ausdrücklich.
    • Kirchliche Ländereien sollten so bewirtschaftet werden, dass die natürlichen Ressourcen und die Bodenfruchtbarkeit erhalten und schädliche Umwelteinflüsse reduziert werden. Die EKD-Gliedkirchen sollten »ihre Vergabepraxis für Pachtland an den >Ethischen Leitlinien für eine nachhaltige Landwirtschaft ausrichten. Auch die Regionalität der Pächter und die Stärkung des ländlichen Raums sollten eine Rolle spielen. Bewirtschaftung durch ortsansässige Landwirte sollte gegenüber überregionalen Unternehmen bevorzugt werden. Ökologische und konventionelle Betriebe, die nachhaltig wirtschaften, sollen Vorrang haben.« [159]
    • Besondere ökologische Leistungen der Betriebe wie Ökolandbau oder Vertragsnaturschutz sollten bei der Vergabeentscheidung für Pachtland honoriert werden. Das Ausbringungsverbot für Klärschlamm sowie ein Anbauverbot für gentechnisch veränderte Pflanzen auf Kirchenland sind wichtige Elemente kirchlicher Pachtverträge.
    • Auch bei der Pflege kirchlicher Grünanlagen wie Friedhöfen, Außengeländen der Gemeinden, kirchlichen Schulen und Kindergärten sind ökologische Kriterien zu beachten. Insbesondere bei Kindergärten können durch das Anpflanzen von Obst und Gemüse die pädagogische Arbeit mit gesunder Ernährung verknüpft werden.

    Empfehlungen zu Schöpfungszeit, Erntedank und Konsum:

    • Die bei der 2. Europäischen Ökumenischen Versammlung in Graz 1997 angeregte jährliche Schöpfungszeit vom 1. September bis 4. Oktober sollte stärker als bisher Eingang in das Gemeindeleben finden.
    • In ihrem eigenen Konsumverhalten kann die Kirche Einfluss darauf nehmen, dass die natürlichen Ressourcen nicht übernutzt werden. Kirchengemeinden können dazu beitragen, ein geschärftes gesellschaftliches Bewusstsein für den Wert von Nahrungsmitteln und Ressourcen zu schaffen, indem sie beispielsweise bei Gemeindefesten und Freizeiten sorgsam mit Nahrungsmitteln umgehen. Die Wertschätzung von Nahrungsmitteln sollte zudem Teil ihrer Bildungsarbeit sein. Ethische Konsum-Leitlinien müssen von den Kirchen aktiv in die Diskussion eingebracht werden. Dazu gehört auch, die absolute Höhe des Konsums zu thematisieren und in Frage zu stellen.
    • Kirchliche Einrichtungen sind Großverbraucher und können daher eine größere Wirkung auf Nahrungsmittelmärkte ausüben. Sie sind auch Vorbild für den Konsum für ihre Kirchenmitglieder. Die kircheneigenen Kindergärten und Kindertagesstätten können dabei früh ansetzen und mit den Eltern zusammenwirken: Bei der Beschaffung von Lebensmitteln kann auf Regionalität, Saisonalität und Transportaufwand geachtet werden. Die Drosselung des Fleischkonsums ist ein Beitrag zur Reduzierung von Futtermittelverbrauch und Flächenbelegung. Für den Fischkauf gibt es einschlägige Ratgeber, um nachhaltigen Fischfang zu unterstützen.
    • Kirchliche und diakonische Einrichtungen wie Kantinen, Tagungsbetriebe und Schulen sollten auf dem Gebiet der ökofairen Beschaffung vorangehen und sich an Projekten des Klima- und Ressourcenschutzes beteiligen.
    • Die EKD-Gliedkirchen mögen in ihrem Bereich initiativ werden, um Familien, Kindergärten und Schulen darin zu stärken, am Tischgebet festzuhalten, und es da, wo es aufgegeben wurde, wieder einzuführen. Auch wenn nicht viele Worte gemacht werden, bezeugen die Betenden, dass es nicht selbstverständlich ist, dass wir täglich gut zu essen bekommen. Im Tischgebet danken wir Gott, dass er zur Verfügung stellt, was uns nährt, und den vielen, die mit dem Werk ihrer Hände dazu beitragen, dass Essen auf unserem Tisch steht. Wir vergegenwärtigen uns beim Tischgebet auch, dass Hunger und Knappheit den Alltag vieler Menschen bestimmen. Nicht zuletzt ist das tägliche Gebet eine stetige Mahnung, dass wir die ökologischen Zusammenhänge nicht zerstören, die Wachstum und Gedeihen auf dem Feld ermöglichen.


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