Unser tägliches Brot gib uns heute

Neue Weichenstellung für Agrarentwicklung und Welternährung. Eine Studie der Kammer der EKD für nachhaltige Entwicklung. Mai 2015

3.6 Ethik des Genug

Christlicher Glaube bekennt Gott als den Schöpfer und Erhalter allen Lebens und Herrn der Welt. Er sieht den Menschen als Gegenüber und Mitarbeiter Gottes, der seinem Schöpfer gegenüber verantwortlich handeln soll und dem heilsame Grenzen gesetzt sind. Der Mensch soll die Erde bebauen und bewahren (Gen 2,15). Ein rücksichtsloses Streben nach grenzenlosem Wachstum ist mit einem solchen biblischen Menschen- und Weltbild nicht vereinbar, weil sich darin der Mensch selbst zum Gott macht und für sich keine Grenzen akzeptiert.

Die Bibel beschreibt in vielen Geschichten sehr nüchtern und realistisch die Versuchung des Menschen, sich in seiner Gier auf Kosten anderer zu bereichern. Um dem entgegenzutreten, gibt es die Gebote Gottes, wie zum Beispiel das zehnte Gebot »Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat« (Ex 20,17). Und nicht nur das: Im Alten und Neuen Testament finden sich viele Geschichten, in denen sich Gottes besondere Liebe und Parteinahme für die Armen zeigt.

Jesus warnt in der Bergpredigt vor der Macht des »Mammon«, die sich nicht nur für die Armen, sondern auch für die Reichen lebenszerstörerisch auswirkt (Mt 6,24). Denn die Herrschaft der Gier führt nicht nur dazu, dass Menschen Gottes Schöpfung ausbeuten und ihren Mitmenschen das Notwendige zum Leben rauben, sondern dass sie auch ihre eigene Bestimmung - biblisch gesprochen: ihre Seele - verlieren: »Denn welchen Nutzen hätte der Mensch, wenn er die ganze Welt gewönne und verlöre sich selbst oder nähme Schaden an sich selbst?« (Lk 9,25). Gott hat den Menschen einen großen Gestaltungsraum überantwortet und ihnen zugleich heilsame Grenzen gesetzt. Die Botschaft ist eindeutig: Gott hat uns genug zum Leben geschenkt, deshalb müssen wir uns nicht im Streben nach immer mehr aufreiben. Wir können miteinander teilen, anderen genug zukommen lassen und es uns genug sein lassen.

Für Politik und Ökonomie braucht es heute dringend eine Akzeptanz einer »Ethik des Genug« und in deren Folge ein Konzept für eine »Ökonomie des Genug«. Das heißt zunächst ökonomisch und politisch, dass andere und neue Maßstäbe für die Bewertung von wirtschaftlichem Erfolg entwickelt werden müssen. Hierzu stellt zum Beispiel die Klimadenkschrift der EKD »Umkehr zum Leben« grundsätzlich fest: »Das Wachstum, das in der Form der Wachstumsrate des realen, also preisbereinigten Bruttoinlandsproduktes (BIP) zum vorherrschenden Ziel der Politik und der Wirtschaft geworden ist, ist als Leitbild einer nachhaltigen zukunftsfähigen Gesellschaft nicht geeignet. [...] Das BIP ist kein Maß für Wohlfahrt und kein Maß für Lebensqualität.« [93]

Nötig sind andere Leitbilder für gesellschaftliche Wohlfahrt. Die entscheidenden Fragen heißen hier, was wachsen darf, was nicht und - mit Blick auf den Ansatz eines »Nationalen Wohlfahrtsindex« (NWI) [94] - welche zusätzlichen Faktoren eine Rolle spielen müssen. Im Blick auf den Energieverbrauch und den CO2-Ausstoß gibt es in allen seriösen wissenschaftlichen Untersuchungen die klare Aussage, dass die Ökonomien der Industrieländer um eine drastische Senkung nicht herumkommen, wenn das Ziel der Nachhaltigkeit in den Grenzen der ökologischen Tragfähigkeit dieser Erde bis Mitte des Jahrhunderts erreicht werden soll. So sollen bis 2050 Industrieländer ihren CO2 -Ausstoß um mindestens 80 Prozent senken.

Nötig sind aber auch neue Konzepte der Nachhaltigkeit für die Wirtschafts-, Verkehrs-, Landwirtschafts- und Entwicklungspolitik, die zum Beispiel für gerechtere globale Handelsbedingungen, für Steuerentlastung oder staatliche Förderungen von umweltverträglichen Technologien eintreten und umweltschädliche Verhaltensweisen besteuern oder auf andere Weise sanktionieren. Effizienzsteigerungen sind ein wesentlicher Beitrag, um den Ressourcenverbrauch in vielen Bereichen zu senken. Aber wir brauchen auch weitere Anstrengungen, um eine gesellschaftlich akzeptierte Strategie der Suffizienz zu entwickeln.

Wichtig sind die Impulse einer »Ethik des Genug« auch für den Bereich des persönlichen Lebensstils. »Gut leben statt viel haben« so lautet ein viel zitierter Leitsatz zum Thema nachhaltiger Lebensstil. Es geht also um Gewinn an Lebensqualität trotz oder gerade im Verzicht auf materielle Güter. In den Kirchen ist diese Wahrnehmung von Verzicht eine ureigene christliche Tradition. Das steigende Interesse an spirituellen Einkehrtagen, in die auch das Fasten integriert ist, oder auch an der Aktion für die Passionszeit »Sieben Wochen ohne« sind Beispiele der gemeinsamen Einübung in eine »Ethik des Genug«.

Erstaunlich ist, dass die spirituellen Angebote der Kirchen zur Einkehr, zum Fasten und zum Meditieren von immer mehr Menschen genutzt werden - besonders auch aus dem Bereich der Wirtschaft. In der Suche nach einem nachhaltigen Lebensstil äußert sich eine Verschiebung der Werte von rein materiellem Wohlstand zu einem anderen Wohlstand wie zum Beispiel Zeitwohlstand oder Reichtum an sozialen Beziehungen.

Eine »Ethik des Genug« ist also nicht vorrangig als Verzichtsethik zu sehen, sondern sie bedeutet im Kern einen Gewinn an Lebensqualität, der darin besteht, sich von Verschwendung und ausschließlich materieller Orientierung zu befreien. Dazu lädt das Evangelium Jesu Christi uns ein. Eine »Ethik des Genug« könnte so zu einer befreienden Vision für die Armen und die Reichen werden. Es geht darum, dass alle genug zum Leben haben. »Genug« heißt für alle, die zu viel haben: Weniger ist mehr. Für die Armen gilt: Sie müssen »genug« bekommen, sodass sie gut leben können. Beides ist eine große Herausforderung, der wir uns als Christinnen und Christen wie als Landeskirchen und Gemeinden zu stellen haben, gerade auch im Dialog mit den Menschen in den Ländern des Südens.



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