Unser tägliches Brot gib uns heute

Neue Weichenstellung für Agrarentwicklung und Welternährung. Eine Studie der Kammer der EKD für nachhaltige Entwicklung. Mai 2015

2.5 Die Ressourcenkrise

Paul Crutzen, Nobelpreisträger und Atmosphärenforscher, prägte den Begriff des Anthropozän. Der Begriff drückt aus, dass wir uns in einem neuen geologischen Zeitalter der Erdgeschichte befinden, in dem die Menschheit durch ihr Tun gänzlich neuartige Umweltbedingungen auf der ganzen Erde bewirkt hat. Die Menschen bewirtschaften 30 bis 50 Prozent der Landoberfläche, verbrauchen die Hälfte des vorhandenen Trinkwassers und durchfischen weit mehr als ein Viertel der Bioproduktion in den Weltmeeren. Im Anthropozän hat sich der Energieverbrauch des Menschen seit dem Jahr 1900 mehr als versechzehnfacht. Dies geschah unter Inanspruchnahme von fossilen Energieressourcen, die während der letzten 700 Millionen Jahre gebildet wurden. Aus dem Energieverbrauch folgen gigantische Ausstöße an Kohlendioxid, Methan, Stickoxiden und Schwefeldioxid und die höchste atmosphärische CO2- und Methankonzentration der letzten 400.000 Jahre.

Im Anthropozän gestaltet der Mensch die terrestrischen Ökosysteme nach seinen Bedürfnissen: Aus komplex vernetzten Gemeinschaften mit einer hohen Diversität an Pflanzen- und Tierarten wurden seit dem 20. Jahrhundert einseitige Landschaften von Kulturpflanzen mit einem hohen Verlust an Vielfalt. Auswirkungen der Umgestaltung sind u. a. die rapide Erhöhung der natürlichen Aussterberate in den Regenwäldern, die Halbierung der Fläche der Mangrovenwälder, die Versauerung der Weltmeere, das Sterben der Korallenriffe und die drastische Erhöhung der Nitratkonzentration im Grundwasser durch den Gebrauch von Mineraldüngemitteln. Die Rate der Bodenerosion als Folge des Ackerbaus übersteigt inzwischen die der Bodenneubildung um eine Größenordnung [38].

2.5.1 Boden

Der fruchtbare Boden ist die Grundlage menschlichen Lebens. Böden sind komplexe Systeme, die unter dem Einfluss von Witterung, Bodenorganismen, Vegetation und vor allem menschlicher Nutzung stehen. Böden haben sich in langen Zeiträumen der Erdgeschichte gebildet und entwickelt. Böden weisen keine einheitlichen Eigenschaften auf. Laut UNEP gehen jährlich zwischen 20.000 und 50.000 km2 Landflächen hauptsächlich durch Bodenerosion verloren. Etwa ein Viertel der globalen Landfläche ist von Degradation betroffen, d. h. es liegt eine der vielen Formen des Fruchtbarkeitsverlustes vor, etwa durch Beeinträchtigung der Textur, der chemischen Zusammensetzung, der physischen Gestalt oder des organischen Bodenlebens. Die Veränderungen sind nur schwer wahrzunehmen. Die Wirkungen reichen in graduellen Abstufungen von sinkenden Ernteerträgen bis hin zur unumkehrbaren Zerstörung [39]. Ein großes Problem ist die fortschreitende Wüstenbildung (Desertifikation).

Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltfragen (WBGU) hat sich bereits in seinem Jahresgutachten von 1994 ausführlich mit dem Thema der Böden auf der Welt befasst und die Forderung erhoben, der Bodendegradation weltweit dringend mehr Aufmerksamkeit zu widmen [40]. Entscheidend sind dabei auch die umweltgerechten und standortspezifischen Agrartechniken, um dem fortschreitenden Fruchtbarkeitsverlust gerade der tropischen Nutzfläche entgegenzuwirken.

Die wachsende Weltbevölkerung und das Wirtschaftswachstum erzeugen auch einen wachsenden Bedarf an Siedlungs-, Gewerbe- und Verkehrsflächen. Legt man einen Bedarf von 40 bis 60 ha pro 1.000 Personen zugrunde, werden bis 2030 zusätzliche 100 bis 150 Millionen ha für Urbanisierung und seine Folgen benötigt. Da sich die wachsenden urbanen Zentren überwiegend in Regionen mit fruchtbaren Böden und geringen Hanglagen wie Küstenebenen oder Flusstälern ausbreiten, geht bei der Expansion zusätzlich hochwertiges Ackerland unwiederbringlich verloren.

2.5.2 Landwirtschaftliche Nutzfläche

Die Landfläche der Erde beträgt 13,4 Milliarden Hektar. Nach Angaben der FAO werden davon 37 Prozent landwirtschaftlich genutzt, davon 1,5 Milliarden ha für Ackerbau und 3,5 Milliarden ha als permanentes Grünland für die Tierhaltung. Der Nutzungsgrad ist aber in den jeweiligen Kontinenten sehr unterschiedlich: mit sehr hohen Anteilen in Süd-, Südost- und Ostasien, mittleren Anteilen in Europa und Nordamerika und weitaus geringeren Anteilen in Lateinamerika und Afrika. Drei Viertel der Landoberfläche ist für den landwirtschaftlichen Regenfeldbau kaum oder gar nicht nutzbar, weil sie entweder zu kalt (13 Prozent), zu trocken (27 Prozent), zu steil (12 Prozent) oder zu nährstoffarm (40 Prozent) ist. Laut Prognose der FAO wird sich die weltweite Ackerfläche bis 2030 (gegenüber 1997 - 1999) um ca. 13 Prozent ausweiten lassen. Das geht zu einem beträchtlichen Anteil auf Kosten des Waldes. Die Flächen an potenziell kultivierbarem Land sind sehr ungleich verteilt: mehr als 50 Prozent befinden sich in nur sieben Ländern. Ackerland wird immer knapper: Die Landpreise steigen und es gibt einen Wettlauf um die letzten Landreserven (sog. »Landgrabbing«). Pro Kopf der Weltbevölkerung standen 1970 noch 0,4 ha zur Verfügung, 2005 noch 0,3 ha und 2050 schätzt man nur noch 0,2 ha.

Inwieweit sich die landwirtschaftlich genutzte Fläche für den Menschen in der Welt noch ausdehnen lässt, ist wissenschaftlich umstritten. Jede Ausweitung der Landwirtschaft geht zu Lasten von Ökosystemen, deren Erhalt dringend geboten ist. Durch Rodung immer neues Ackerland zu gewinnen, ist aus Klima- und Naturschutzgründen keine wirkliche Option. Auch die Erhöhung der Ertragsfähigkeit von vorhandener Acker- und Weidefläche hat ihre Kosten und Grenzen ökonomischer und ökologischer Art. Je höher die Flächenerträge einer Region schon sind, desto geringer sind die Grenzertragszuwächse und desto höher die Kosten. Marginale Gebiete lassen sich nur unter extrem hohen Kosten bebauen.

2.5.3 Wasser

Die Gesamtnutzung von Süßwasser hat sich im letzten Jahrhundert nahezu verachtfacht. Derzeit werden bereits über 40 Prozent der erneuerbaren, zugänglichen Wasserressourcen vom Menschen genutzt oder reguliert. Zunehmend wird auch die Wasserverschmutzung zum Problem. Landwirtschaft (Versalzung, Nährstoff- und Sedimenteintrag, Düngemittel und Pestizide), Industrie und Haushalte (Nähr- und Schadstoffe) belasten Seen, Flüsse und Küstengewässer. Etwa 1,1 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Rund 2,6 Milliarden Menschen fehlt der Zugang zu einer sanitären Grundversorgung [41].

Die Landwirtschaft ist einer der größten Nutzer und Verbraucher von Süßwasser. Seit den frühen 1960er Jahren hat die bewässerte Fläche um mehr als 100 Millionen ha zugenommen. Heute werden ca. 20 Prozent des Kulturlandes bewässert und auf diesen Flächen 40 Prozent der Nahrungsmittel erzeugt. Drei Viertel der Bewässerungsgebiete liegen in Entwicklungsländern, davon 90 Prozent in China und Südasien. Der deutliche Rückgang der Zunahmeraten bewässerter Flächen zeigt an, dass geeignete Flächen und verfügbares Wasser zunehmend knapper werden und schwerer zu beschaffen sind, wodurch die benötigten Investitionen erheblich ansteigen [42]. Ein Großteil der Entwicklungsländer hat schon die von der FAO als kritisch betrachtete Grenze der Wassernutzung erreicht, die bei 40 Prozent der erneuerbaren Wasservorräte angesetzt ist.

Der englische Geograf John Anthony Allan hat 1995 den Begriff des »virtuellen Wasserverbrauchs« geprägt. Als virtuellen Wasserverbrauch bezeichnet man die gesamte Wassermenge, die bei der Herstellung eines Produktes entlang der Produktions- und Lieferkette verwendet wird. Bei den Nahrungsmitteln benötigt Rindfleisch mit etwa 16.000 Litern pro kg am meisten Wasser, bei den Ackerfrüchten benötigen Baumwolle (2.000 l/T-Shirt), Reis (3.000 - 5.000 l/kg), Soja (1.800 l/kg) und Weizen (1.100 l/kg) besonders viel virtuelles Wasser. Etwa die Hälfte des landwirtschaftlichen Wasserverbrauchs in Deutschland ist »virtuell«, steckt also in importierten Gütern.

Ein sparsamer Umgang mit Wasser ist in vielen Herkunftsländern dieser Produkte unabdingbar. Insbesondere unser Verbrauch an tropischen Produkten entscheidet mit darüber, was für die Grundnahrungsmittelerzeugung der Armen übrig bleibt, nachdem der Wasserverbrauch der Plantagen für exotische Früchte, Blumen, Baumwolle, Ölsaaten und Futtermittel für den Export gesichert ist. Zwar wurden wassereinsparende Verfahren zur Bewässerung entwickelt, die in den entwickelten Ländern schon großflächig eingesetzt werden, wie z. B. die Tropfbewässerung, Kreisberegnungsanlagen oder unterirdische Wurzelspitzenbewässerung. Diese Methoden der Präzisionslandwirtschaft sind allerdings sehr kapitalintensiv.

2.5.4 Pflanzenschutzmitteleinsatz

Zum Schutz von landwirtschaftlichen Produkten vor sog. Unkräutern, Schädlingen oder Krankheiten wird eine große Zahl an chemisch-synthetischen Wirkstoffen eingesetzt. Diese werden nach dem Einsatz auf dem Acker nur zum Teil abgebaut; die Stoffe oder ihre Abbauprodukte landen in Form von Rückständen in Boden, Wasser, Luft, Kompost sowie in Futter- und Lebensmitteln und lassen sich dort analytisch nachweisen. Entsprechend wurden sog. Rückstandshöchstgehalte für diese Stoffe festgelegt, die gewährleisten sollen, dass von den Lebensmitteln keine Gesundheitsgefahr ausgeht. Ein kompliziertes rechtliches System der Zulassung mit Rückstandsüberprüfung und Bewertung der toxischen Umweltwirkungen soll eine Schädigung von Menschen, Nutztieren und der Umwelt vermeiden. Bei in Deutschland produzierten Lebensmitteln liegt die Quote an Überschreitungen der Rückstandshöchstgehalte bei vielen Produktgruppen unter 1 Prozent [43]

In Deutschland waren 2012 261 chemische Wirkstoffe in 729 Pflanzenschutzmitteln zugelassen. Die Inlandsabgabe an Wirkstoffen betrug 2012 45.527 Tonnen, davon dürfen 2.156 Tonnen auch im ökologischen Landbau eingesetzt werden. Im Jahr 2012 wurden 66.528 Tonnen an Wirkstoffen ausgeführt. Die Ausfuhrmengen waren also größer als der Inlandsabsatz an Wirkstoffen.

Den größten Anteil an abgesetzten Pflanzenschutzmittelwirkstoffen in Deutschland hatten 2012 die Herbizide (44 Prozent), Mittel zur Bekämpfung von sog. Unkräutern. Der Anteil der Fungizidwirkstoffe betrug 20 Prozent, das sind Mittel gegen Pilzbefall. Insektizid- bzw. Akarizidwirkstoffe (Mittel gegen Milben und Zecken) machten nur 2 Prozent aus. Klimabedingt ist der Anteil der eingesetzten Insektizide in Mitteleuropa gering, während Insektizide in den Tropen die wichtigsten chemischen Pflanzenbehandlungsmittel sind [44].

Ausschließlich in den Export gehende Wirkstoffe benötigen keine Zulassung in Deutschland. Die Sicherheitsüberprüfung wird den Importländern überlassen. Diese besitzen aber häufig keine entsprechende rechtliche, administrative oder wirkstoffanalytische Infrastruktur zur sicheren Überprüfung und Zulassung und keine Beratung zur sicheren Anwendung der Mittel. Die dort hauptsächlich zum Einsatz kommenden Insektizide sind für die menschliche Gesundheit und die Umwelt oft besonders gefährlich. Während in Europa der Verbraucherschutz (als Rückstandsanalytik) im Vordergrund steht, ist in den Entwicklungsländern der Anwenderschutz das bedeutendere Problem. Eine Untersuchung der Weltbank in Bangladesh und Vietnam kommt zu dem Schluss, dass dort die Landwirte und Landarbeiter einem erheblichen gesundheitlichen Anwender-Risiko durch Pflanzenschutzmittel (Pestizide) ausgesetzt sind. 47 Prozent der Pestizidanwender setzten mehr Mittel ein als notwendig, nur 4 Prozent waren im Umgang mit den gefährlichen Stoffen geschult, und über 87 Prozent gaben zu, kaum oder gar keine Schutzkleidung zu tragen, wenn sie Pestizide anwenden. Die weltweite Anzahl der Vergiftungen durch unsachgemäße Anwendung und Missbrauch von Pestiziden geht jährlich in die Hunderttausende [45].

Allerdings ist die internationale statistische Grundlage zu beabsichtigten bzw. unbeabsichtigten Pestizidvergiftungen sehr ungenau. Das Pestizid-Aktions-Netzwerk PAN International schätzt, dass bei etwa einem Drittel der landwirtschaftlichen Arbeiter mehr oder minder schwere Vergiftungsfälle pro Jahr auftreten (41 Millionen Fälle). Da jahrzehntelange Anwenderschulungen kaum Verbesserungen im Arbeitsschutz in Entwicklungs- und Schwellenländer bewirkten, fordert PAN International bereits seit Langem ein Totalverbot der giftigsten Pestizide [46]. In Deutschland gehört der sog. Integrierte Pflanzenschutz (IP) zur guten fachlichen Praxis. Hier wird viel getan, um den Mitteleinsatz so gezielt und gering wie möglich zu halten. Dazu gehören Methoden der Schadschwellenbestimmung, der richtigen Mittel- und Sortenauswahl, Nutzung des staatlichen Beratungs- und Frühwarnsystems und die Förderung des biologischen Pflanzenschutzes. Schon in Deutschland ist es äußerst schwierig, den Anforderungen des IP zu genügen. Komplexe Methoden wie der IP versagen aber in Entwicklungsländern unter Kleinbauernbedingungen. Eine gewisse Belastung der Lebensgrundlagen - Boden, Wasser, Luft - bleibt aber auch bei uns bestehen, schon allein aufgrund des hohen Ausbringungsniveaus in unserer Landwirtschaft. Pestizidbelastete Abflüsse, Abdrift und Verwehungen von behandelten Ackerflächen können Seen und Gewässer belasten, kontaminieren Nachbarflächen und Kulturen, für die das spezifische Mittel keine Zulassung hat. Dies wird an der jahrelangen Debatte über die Ursachen des Bienensterbens deutlich: Einige Pestizide wurden erst nach massiven Protesten von Imkern und Landwirten - vorübergehend - verboten [47]. Hierbei ist zu beachten, dass zahlreiche Feldfrüchte und Obstarten auf Bienen für die Bestäubung angewiesen sind. Ein massiver Rückgang der Bienenpopulation schränkt auch die Ernte dieser Pflanzenarten ein.

Eine besondere Problematik ergibt sich durch die Entwicklung von herbizidresistenten Pflanzen. Diese mehrheitlich gentechnisch veränderten Pflanzen können in der Anbauphase mit Totalherbiziden behandelt werden. Hierdurch werden alle anderen Pflanzen vernichtet, lediglich die resistente Pflanze kann auf dem Acker gedeihen. Im großflächigen Anbau ist diese Methode auf den ersten Blick für den Landwirt vorteilhaft, da er auf eine mechanische Unkrautbekämpfung verzichten kann. Auch die Auswahl eines spezifischen Herbizids ist nicht notwendig. Das am häufigsten eingesetzte Herbizid ist Glyphosat, da u. a. Soja-, Mais- und Rapssorten mit entsprechender Herbizidresistenz entwickelt wurden. Obwohl Glyphosat bisher nicht als besonders toxisches Herbizid galt, führt der großflächige Einsatz insbesondere in Südamerika zu gravierenden Gesundheitsproblemen [48]. Hinzu kommt, dass durch die zunehmenden Resistenzen von Unkräutern gegen Glyphosat zum einen immer höhere Mengen an Herbiziden ausgebracht werden müssen, zum anderen langfristig vermehrt auf wesentlich toxischere Herbizide zurückgegriffen wird.

2.5.5 Mineralische Düngung

Pflanzen brauchen Nährstoffe zum Wachstum, die sie hauptsächlich aus dem Boden beziehen. Doch dort sind sie nicht unbegrenzt verfügbar, deshalb müssen in Kulturpflanzenbeständen Nährstoffe auch gezielt zugeführt werden. Das passiert entweder auf biologischem Wege wie z. B. die natürliche Stickstoffanreicherung über den Anbau von Leguminosen oder durch den Menschen. Dünger ist entweder organischer Dünger, in Form von Kompost, Mist, Gülle oder Mulch, oder mineralischer Dünger. Moderne Hochertragssorten sind anspruchsvoll und brauchen viel und ausreichende Düngung, die heute primär über die mineralische Düngung von außen zugeführt wird. Das sind global gesehen zu 60 Prozent Stickstoff (N), zu 23 Prozent Phosphat (P) und zu 16 Prozent Kali (K), als gebräuchliche Fertigmischung als NPK-Dünger bezeichnet. Der Gesamtverbrauch 2005/06 auf der Welt lag bei 155,4 Mio. t. Die Herstellung von mineralischem Dünger ist sehr energieintensiv und deshalb an die Verfügbarkeit der fossilen Energieträger und an deren Preise gekoppelt. Die Kosten für Mineraldünger werden daher zukünftig tendenziell ansteigen (siehe Kasten 7).

Die Intensität der Düngung ist global sehr unterschiedlich: Afrika verbraucht durchschnittlich 6 kg NPK/ha, die höchste Rate wird mit 194 kg/ha in Ostasien appliziert, während Europa und Nordamerika ungefähr auf einem Niveau von 116 kg/ha liegen. Eine Steigerung des Düngungsniveaus ist in den mit Pflanzennährstoffen unterversorgten Agrargebieten der Erde sinnvoll, allerdings nur im Zusammenhang mit der simultanen Veränderung anderer Faktoren wie z. B. neuer Kulturpflanzensorten, verbessertem Pflanzenschutz und u. U. künstlicher Bewässerung. Die Ertragsdifferenzen verschiedener Teile der Welt sind enorm; so liegen die Flächenerträge von 10 Prozent der führenden Länder bei Getreide (Weizen oder Reis) um einen Faktor von 6 höher als bei den unteren 10 Prozent. Die Böden könnten weit besser genutzt werden als bisher, wenn intelligenter mit Boden, Pflanze, Wasser und Nährstoffen umgegangen würde.

In fast allen Teilen der Welt wurde über längere Zeit deutlich mehr Dünger ausgebracht, als die Pflanzen tatsächlich aufnehmen konnten. Die überschüssigen Nährstoffe wurden zum Teil ausgespült und finden sich im Grund- und Oberflächenwasser wieder, wo sie zur Eutrophierung (Nährstoffanreicherung) der Flüsse, Meere und Nitratbelastung des Grundwassers führen, oder sie reichern sich im Boden an. Die tatsächliche Düngemittelausbringung weltweit überstieg im Durchschnitt 55 Prozent des benötigten Gebrauchs, in Westeuropa und Ozeanien sogar bis zur fünffachen Menge. In Afrika dagegen wurde weniger gedüngt, und dieser Dünger wurde fast vollständig von den Pflanzen aufgenommen.

Das Ansteigen des Phosphorpreises während der Ernährungskrise hat die Sorgen über einen Phosphormangel auf der Welt belebt. Phosphor ist für das Pflanzenwachstum lebensnotwendig und kommt in einigen Regionen kaum vor. Phosphor lässt sich nicht industriell herstellen, sondern nur als Gestein abbauen. Allerdings geht Phosphor niemals verloren, verbleibt in der Umwelt und könnte theoretisch z. B. durch Aufbereitung aller organischen Pflanzenreste oder aus Fäkalien wiedergewonnen werden. Seit den 1980er Jahren wird gegen die Verschwendung von Düngemitteln, für ihren gezielten Einsatz, für effizientere Ausbringungstechniken und Schätzmethoden der Nährstoffdefizite politisch und technologisch vorgegangen.

Kasten 7
Düngemittelsubventionen am Beispiel Malawi

Ein viel beachtetes Düngemittelsubventionsprogramm des Landes Malawi hat zur Renaissance von Betriebsmittelsubventionen beigetragen. Malawi, das sich hauptsächlich von Mais ernährt, erlebte 2003/04 als Folge einer Trockenheit und dem — auf internationalen Rat hin erfolgten — Verkauf aller Maisreserven im Jahr zuvor eine dramatische Hungersnot. Daraufhin führte Malawi 2005/06 — gegen internationalen Rat — eine erhebliche Subvention für synthetischen Dünger ein, denn Mais ist eine sehr düngeintensive Pflanze. Die Erträge stiegen durch die erhebliche Steigerung des Düngemitteleinsatzes so stark an, dass das Land in eine Maisüberschusssituation geriet und allein 2007/08 sogar 400.000 t Mais in die Nachbarländer exportieren konnte.

Diese vermeintliche Erfolgsstory führte dazu, dass plötzlich Düngemittelsubventionen für viele zum Allheilmittel wurden. Jeffrey Sachs, VN-Sonderberater für das MDG-Programm, rief die internationale Entwicklungshilfe dazu auf, im großen Stil Mineraldünger für die armen Kleinbauern auf der Welt verbilligt zur Verfügung zu stellen, um den Hunger mit einer einzigen Aktion innerhalb einer Anbausaison zu beseitigen. Düngemittelsubventionen sind trotz aller ordnungspolitischen Einwände politisch äußerst populär, weil sie als Geschenk an die Bevölkerung sichtbar sind und Wählerstimmen einbringen, weil sie sozial orientiert (in Form von Vouchers) an arme bäuerliche Zielgruppen verteilt werden können und weil sie kurzfristig wirksam die Produktion steigern können. Sie sind administrativ einfach zu handhaben und werden als Einstieg in die moderne Landwirtschaft betrachtet.

Doch inzwischen ist die Euphorie einer großen Ernüchterung gewichen — nicht zuletzt weil die Düngemittelpreise mit der Nahrungsmittelkrise 2007/08 so stark angestiegen waren, dass auch das malawische Programm sie nicht mehr bezahlen konnte. Vorher brauchten die malawischen Bauern nur 10 Prozent des Marktpreises für Volldünger zu zahlen. Schon zu dieser Zeit benötigte das staatliche Agrarbudget Malawis mehr als 40 Prozent für diese Hilfe. Ein Aufstocken des Programms war finanziell nicht möglich.

Der Haupteinwand gegen Düngemittelsubventionen bezieht sich allerdings auf ihre fehlallokative Wirkung: Wenn Mineraldünger billig oder gar umsonst ist, wird er nicht mit großer Sorgfalt eingesetzt. Unqualifizierte Verwendung führt zu Auswaschung, Verunreinigung des Grund- und Oberflächenwassers und zur Vernachlässigung der organischen Düngung. Diese ist aber notwendig, um die Bodenqualität zu erhalten und zu verbessern. Der Knappheit an organischem Dünger könnte man auch anders entgegenwirken, etwa durch Förderung der Integration der Tierhaltung in den Ackerbau. Schließlich ist der Mineraldüngereinsatz ein Präjudiz für Pflanzen und Sorten, die sehr gut auf künstliche Düngung ansprechen, vor allem Hochertragsmais, der dann aber sehr dürreanfällig ist und Bewässerung benötigt, sonst ist das Risiko zu hoch. Das Gleichgewicht zwischen einheimischen resistenten Sorten, integriertem Bodenmanagement und innovativen Prozessen, die mit dem Können der Bauern zusammenwachsen, ist mit einer solchen Methode nicht zu gewährleisten. Deshalb sind Düngemittelsubventionen kein längerfristig sinnvolles Programm.

Quelle: Brot für die Welt

2.5.6 Biologische Vielfalt (Biodiversität)

Die biologische Vielfalt oder Biodiversität schließt alle Vielfalt mit ein, angefangen bei den Genen, Sorten, Rassen und Arten von Lebewesen bis hin zu ganzen Ökosystemen. Während der letzten fünfzig Jahre haben die Menschen die Ökosysteme schneller und weit reichender verändert als in jedem vergleichbaren Zeitabschnitt. Die landwirtschaftliche Nutzung, die Rodung von Wäldern, die Hochseefischerei und die Tierhaltung haben daran einen wesentlichen Anteil. Großflächige Landnutzungsänderungen waren Hauptursache für beträchtliche und z. T. irreversible Verluste an der Vielfalt des Lebens auf der Erde.

Für die Sicherung der Ernährung ist es von besonderer Bedeutung, den rasanten Verlust an biologischer Vielfalt aufzuhalten. Die Kulturpflanzen- und Nutztiervielfalt werden durch die moderne Züchtung immer weiter eingeschränkt. Die Sorten- bzw. Rassenvielfalt innerhalb der gleichen Spezies weicht einigen wenigen Hochertragssorten oder Tierzuchtlinien, deren genetische Eigenschaften über ganze Länder und Kontinente hinweg verbreitet werden. Andererseits ist aber der züchterische Fortschritt darauf angewiesen, dass er auf einen breiten Pool an genetischen Eigenschaften zurückgreifen kann. Die interessantesten Gene findet der Züchter häufig bei Wildformen, auf traditionellen Bauernbetrieben oder in der Wildnis. Mit den heutigen modernen Methoden können alte genetische Eigenschaften genutzt werden, um z. B. die Robustheit, Anspruchslosigkeit oder Stresstoleranz der Vorfahren mit den Ertragseigenschaften unserer modernen Sorten zu kombinieren.

Für den Erhalt der genetischen Ressourcen bestehen grundsätzlich zwei Konzepte: Die Einrichtung von sog. Genbanken, in denen Sammlungen von Saatgut der Kulturpflanzen eingelagert werden (sog. Ex-situ Aufbewahrung). Da das Saatgut nicht unbegrenzt lagerfähig ist, muss es in Abständen zur Erzeugung neuen Saatguts angepflanzt werden. Wichtig ist jedoch auch, dass die spezifischen Lebensräume der Pflanzen erhalten bleiben, da diese ihre besonderen Eigenschaften aus der Anpassung an den Lebensraum entwickelt haben. Daher ist der Erhalt von alten Sorten am Ort ihrer Züchtung bzw. ihres natürlichen Vorkommens (sog. In-situ Erhaltung) sehr bedeutsam. Ähnliches gilt für alte Haustierrassen.

Zum Schutz der biologischen Vielfalt wurde auf dem Umweltgipfel in Rio de Janeiro 1992 die »Konvention über die biologische Vielfalt« (Convention on Biological Diversity, CBD) verabschiedet, die 1993 in Kraft trat. In diesem völkerrechtlichen Übereinkommen sind drei Hauptziele verankert:

  • die Erhaltung der biologischen Vielfalt,
  • die nachhaltige Nutzung und
  • die gerechte Aufteilung der aus der Nutzung der genetischen Ressourcen resultierenden Vorteile (benefit sharing) [49].

Neben dem Erhalt geht es in der CBD auch um die kommerzielle Nutzung der biologischen Ressourcen.

Ein weiterer Vertrag befasst sich mit der Erhaltung und Nutzung der genetischen Ressourcen unserer Kulturpflanzen. Das »International Treaty on Plant Genetic Resources for Food and Agriculture (ITPGRFA)« der FAO, das 2004 in Kraft getreten ist, wird aufgrund des sperrigen Titels auch als »Internationaler Saatgutvertrag« bezeichnet. Seine Zielsetzung ist der freie Zugang zu den für die Ernährung und Landwirtschaft bedeutsamen pflanzengenetischen Ressourcen. Hierzu gehören Nahrungs- und Futtermittelpflanzen, die ca. 80 Prozent der Kalorienaufnahme der Weltbevölkerung ausmachen. Der Saatgutvertrag enthält im Anhang 1 eine genaue Liste [50]. Der gerechte Vorteilsausgleich nach der CBD und der freie Zugang, der im internationalen Saatgutvertrag festgeschrieben ist, lassen sich nur schwerlich gleichzeitig umsetzen. Die Zentren besonders hoher biologischer Vielfalt liegen mehrheitlich in den Ländern des Südens. Die bisherige Erfahrung zeigt, dass insbesondere die Rechte indigener Völker und von Landwirten und Hirten an der biologischen Vielfalt trotz dieser völkerrechtlichen Verträge oft nicht genügend Berücksichtigung finden. Das Konzept des »Benefit Sharing« wirft stets die Frage nach dem Eigentum an einer biologischen Ressource auf. Aus gerechtigkeitsethischen Aspekten heraus sollte die biologische Vielfalt vielmehr als gemeinsames Erbe der Menschheit betrachtet werden, das der gesamten Menschheit zugutekommen soll und zu dem sie einen freien Zugang erhält. Das Konzept von Patenten auf Pflanzen und Tiere ist hiermit nicht zu vereinbaren. Ein Umstieg auf nachwachsende Rohstoffe würde große Anbauflächen beanspruchen und damit die Sicherung der Ernährung zusätzlich erschweren [51].

2.5.7 Energieverbrauch

Die moderne Landwirtschaft basiert in ihrer Ertragskraft sehr stark auf dem Einsatz von fossilen energetischen Rohstoffen: als Treibstoff für die Maschinen der Bodenbearbeitung, Erntebergung und Nacherntebehandlung, z. B. Trocknung, Lagerung, Vertrieb; als Vorleistung zur Herstellung von Betriebsmitteln, Düngemittel, chemische Pflanzenschutzmittel, Futtermittel; als Energie in den Ställen zur Fütterung, Belüftung, Beheizung und zum Entmisten. Zwar hat es die moderne Landwirtschaft in Europa und den USA durch Effizienzgewinne geschafft, das Wachstum der letzten Dekade von dem Energiemehrverbrauch zu entkoppeln, dennoch bleibt dort die Agrarproduktion stark abhängig von der Energieversorgung. Rund 14,4 Prozent aller Produktionskosten der Landwirtschaft sind Energiekosten, davon allerdings nur 5,2 Prozent der direkte Energieverbrauch im Betrieb und 9,3 Prozent ein indirekter Verbrauch durch den Energieanteil der Betriebsmittel, vor allem des Stickstoffdüngers [52].

Der Mangel an förderfähigem Erdöl und Erdgas könnte zukünftig die Ertragskraft der Landwirtschaft beeinträchtigen. Von knapp hundert Erdöl produzierenden Staaten hat die Hälfte ihr Fördermaximum bereits überschritten. Die Anzahl neu entdeckter Ölfelder nimmt rapide ab. Daran ändert sich grundsätzlich nichts, auch wenn man andere Verfahren der Erdgas- und Erdölgewinnung wie das sog. Fracking [53] einbezieht. Die Kosten der Erschließung dieser Quellen sind hoch und die Umweltbelastung durch den Einsatz großer Mengen an Wasser und Chemikalien ist sehr risikoreich.



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