Unser tägliches Brot gib uns heute

Neue Weichenstellung für Agrarentwicklung und Welternährung. Eine Studie der Kammer der EKD für nachhaltige Entwicklung. Mai 2015

2.2 Die Finanzkrise

Man kann die globale Ernährungskrise nicht unabhängig von der globalen Finanzkrise betrachten. Es gibt Verbindungen zwischen beiden Krisen, die sich in manchen Punkten wechselseitig verschärfen können. Denn die Preise an den Warenterminmärkten für Nahrungsmittel zogen im Jahr 2007/08 just in dem Moment an, als durch die US-Immobilienkrise das Vertrauen in die Aktienmärkte und Immobilienfonds erodierte. Riesige Finanzvolumen wurden umgeschichtet, neue Anlagemöglichkeiten in der Rohstoffwirtschaft und in den Spekulationen an Warenterminmärkten gesucht. Auch in Zeiten besonders niedriger Zinsen kann es zu neuen Problemkonstellationen kommen, denn das Finanzkapital sucht dann besonders stark nach rentablen Anlagen und kann deswegen die Preise von Land und Agrarrohstoffen stark beeinflussen.

Damit soll nicht gesagt sein, dass Finanzmärkte und Warenterminhandel an sich bereits verwerflich sind. Aber offenkundig kann es zu Konstellationen kommen, in denen die spekulative Beeinflussung von Preisen exzessiv wird und nicht im Interesse der Produzenten und Konsumenten der Agrarrohstoffe ist, in denen sich die Logik der Finanzmärkte entfernt hat von ihrer ursprünglichen Funktion, nämlich Dienstleister zu sein für die Menschen und Unternehmen, die in der realen Wirtschaft tätig sind.

Grundsätzlich lassen sich bei Rohstoffen zwei Arten von Märkten unterscheiden:

  • An den Spot-Märkten, wo Waren physisch direkt ge- und verkauft werden, hängt der Preis in der Regel von der sofortigen Verfügbarkeit der gehandelten Rohstoffe ab. Wettereinflüsse, Ernteausfälle, Entdeckung neuer Vorkommen, Konsumverhalten sind nur einige der Faktoren, die den Preis eines Rohstoffs unmittelbar beeinflussen. Da es hier um den sofortigen Kauf und die Lieferung von Rohstoffen geht, ist der jeweils vereinbarte Preis in der Regel zunächst als marktgerecht anzusehen. Spekulanten in diesem Markt sind entweder auf Seiten der Verkäufer anzutreffen, die Rohstoffe bewusst zurückhalten und verknappen (z. B. China bei der Drosselung des Verkaufs der so genannten Seltenen Erden; die OPEC bei der Kürzung von Ölfördermengen), oder auf Seiten der Käufer, die mit dem physischen Kauf und der anschließenden Lagerhaltung des Rohstoffs einen marktbeherrschenden Einfluss erhalten wollen.
  • Aufgrund der Unsicherheiten über die Preisentwicklung an diesen Märkten bildeten sich schon im 19. Jahrhundert Warenterminbörsen. Sie ermöglichten die Abnahme und die Lieferung der Güter erst zu einem späteren Termin, aber zu einem am Tag des Vertragsschlusses festgelegten Kurs. Sie brachten sowohl dem Verkäufer als auch dem Käufer die Sicherheit über künftige Preise.

Durch Standardisierung der Termingeschäfte hinsichtlich Mengen, Qualitäten, Fälligkeiten (nicht jedoch Herkunft) wurden diese Termingeschäfte austauschbar und handelbar. Dies führte zu einem Wachstum der Terminmärkte. So wurde es erstmals möglich, über Termingeschäfte an Preisänderungen zu partizipieren, ohne den Rohstoff physisch kaufen und verkaufen zu müssen. Die Termingeschäfte werden in der Regel bei Fälligkeit mit dem dann gültigen Marktpreis verglichen und in Geld ausgeglichen (Cash-Settlement). Nach Schätzungen von Assetmanagern führen heute nur 5 Prozent aller Termingeschäfte zu einer physischen Lieferung des Rohstoffs; alle anderen Kontrakte werden in Geld ausgeglichen.

Termingeschäfte haben noch eine weitere Funktion: Durch detaillierte Analysen der Rohstoffmärkte können Über- oder Unterkapazitäten in handelbaren Preisen ausgedrückt werden. Eine erwartete Verknappung eines Rohstoffs führt in der Regel zu steigenden Terminpreisen, während ein großes Angebot zu eher sinkenden Preisen führt. Die Preise an den Terminmärkten können also auch Frühindikatoren für künftige Preisentwicklungen an den Spot-Märkten sein - wenn die Akteure auf den Terminmärkten die Angebots- und Nachfrageveränderungen richtig Voraussagen. Durch die hohe Volatilität der Preise sind Rohstoff-Terminmärkte aber auch ein interessanter Platz für Kapitalanleger und Spekulanten (siehe Kasten 4). Zum Teil können hier kurz- und mittelfristig hohe Gewinne erzielt werden [18].

Ob eine steigende Volatilität der Terminpreise die Preise an den Spot-Märkten - mit negativen Folgen für Produzenten oder Abnehmer - beeinflusst, ist wissenschaftlich umstritten. Da sich jedoch durchaus Handelsaktivitäten im Spot-Markt nach den Preisen am Terminmarkt richten, ist dies zumindest nicht auszuschließen. Bestehende Trends können durch Spekulationen noch verstärkt werden, denn dann geht es nicht mehr um eine Absicherung der Anbieter und Nachfrager der Produkte gegen Preisschwankungen, sondern um den Versuch, nur durch das Ausnutzen der Preisschwankungen Geld zu verdienen. Wenn sehr viel Kapital in die Märkte fließt, besteht die Gefahr einer künstlichen Verstärkung der Schwankungen zum Schaden der Landwirte, die wegen ihrer langen Produktionszyklen stabile Rahmenbedingungen und Planungssicherheit brauchen. Eine rasante, nur durch Spekulation begründete Preissteigerung kann über deren Wirkung auf die Spot-Märkte zu Preissteigerungen auf den Nahrungsmittelmärkten führen. Auch wenn diese nur vorübergehend sind, können sie Hungersnöte verstärken oder auslösen, weil in den armen Ländern des Südens diese Preisbewegungen von den Regierungen nicht abgepuffert werden können.

Kasten 4
Volatilität

Volatilität ist ein Maß für die Schwankungsbreite von Preisen oder Kursen. Je größer die Schwankungsbreite und -häufigkeit um einen Durchschnittswert, desto volatiler sind Preise bzw. Kurse. Die Erhebung der Volatilität dient insofern als eine Methode der Risikobemessung.

Die extremen Schwankungen der Agrarpreise auf den Weltmärkten sind nicht neu. Sie sind sowohl für die Erzeuger von Nahrungsmitteln als auch für die Verbraucher ein besonderes Problem:

  • Für die Erzeuger vor allem wegen der Schwierigkeit, längerfristig zu planen und Investitionsentscheidungen zu treffen. Sie können auch zu kurzfristigen Liquiditätsproblemen führen, die Betriebe gefährden, selbst wenn diese ansonsten eine solide ökonomische Substanz haben sollten. Das andere Problem ist, dass die hohen Preise auf den Weltmärkten nicht vollständig an die kleinen Produzenten weitergereicht werden. Je unterentwickelter die Markttransparenz und der Wettbewerb, desto schlechter funktioniert die Transmission der Preise. Das verzerrt auch den Weltagrarhandel, denn die Landwirte im Norden profitieren schneller und ausgiebiger von Preissteigerungen auf den Weltmärkten als die Bauern in den Entwicklungsländern.
  • Die großen Agrarexportmächte haben kein wirkliches politisches Interesse daran, gegen die Weltmarktpreisschwankungen global anzugehen. Eher sichern sie ihre eigenen Landwirte vor den Risiken durch nationale Versicherungslösungen und Subventionsprogramme ab. Schwache Agrarplayer haben bei diesem Vorgehen den Nachteil, dass die selbstbezogene Abschottung großer Marktplayer vom Weltmarkt die Schwankungen auf den Weltmärkten umso stärker werden lässt, weil die Abschottungsprogramme zyklisch wirken. Die reichen Agrarexportstaaten, vor allem die EU, Kanada und die USA, externalisieren mit Hilfe ihrer großen Agrarbudgets und interventionistischen Agrarschutzpolitiken die Risiken auf Kosten der Entwicklungsländer, die sich für ihre Bauern keine Versicherungen oder direkten Einkommensübertragungen leisten können.
  • Doch auch für die Verbraucher in Entwicklungsländern sind Preisschwankungen bei Nahrungsmitteln kein Gewinn. Meist werden die Preissteigerungen durchgeleitet, aber Preissenkungen werden angesichts oligopolistischer Strukturen in globalen und vertikal integrierten Konzernen im Lebensmittelhandel nur unzureichend an die Verbraucher weitergereicht. In vielen Ländern mangelt es an einer effektiven Wettbewerbspolitik im Lebensmittelbereich.

Besteht ein Zusammenhang zwischen dem »Fluten« der Rohstoffterminmärkte mit großen Investitionssummen und dem gleichzeitigen steilen Anstieg der Nahrungsmittelpreise? Wissenschaftliche Studien kommen hier zu unterschiedlichen Ergebnissen. Einige Studien formulieren die These: Es kann nicht bewiesen werden, dass der Zufluss dieser Gelder zu einem Anstieg der Lebensmittelpreise an den Warenterminmärkten führte [19]. Andere Studien dagegen werten vorliegende Börsendaten aus und beschreiben einen solchen Zusammenhang [20]. Neuere Untersuchungen gehen von einer zentralen Bedeutung von Agrarterminmärkten für Preisbildungsmechanismen auf Kassamärkten aus und sehen Regulierungsbedarf [21].

Die Volatilität der Rohstoff- und so auch der Nahrungsmittelpreise an den Spot- und Warenterminmärkten hat auf jeden Fall vielfältige Gründe: Wetter, politische Entwicklungen, Konjunktur, Konsum oder Geldpolitik beeinflussen das Geschehen an diesen Märkten. Es trifft auch zu, dass die Vorräte für den globalen Bedarf an Weizen in den letzten zwanzig Jahren erheblich zurückgegangen sind. Um die Jahrtausendwende reichten die Weizenvorräte noch für ca. 110 Tage des globalen Bedarfs aus, gegenwärtig nur noch für 70 - 80 Tage. Wenn sich in einer solchen Situation große Ernteausfälle und Exportstopps andeuten oder realisieren, reagieren die Preise an den Warenterminmärkten umso nervöser.

Einheimische Grundnahrungsmittel in den Entwicklungsländern wie Sorghum, Hirse und Wurzelfrüchte werden nicht international gehandelt. Dennoch kann die Entwicklung auf dem Weltmarkt auch hier negative Einflüsse ausüben, wie das folgende Beispiel für die afrikanischen Staaten Kamerun, Ghana und Kongo zeigt: In der Krise wandten sich viele Konsumenten von importierten verteuerten Waren ab und einheimischen preiswerteren Nahrungsmitteln zu. Diese neue Nachfrage steigerte die Inlandspreise. In der Folge erhofften sich Landwirte neue Chancen für die eigene Vermarktung. Auch Einheimische investierten wieder in Land, Investoren waren bereit, Kredite für Landpachtung an Einheimische zu vergeben. Doch bevor die neue Investitionsbereitschaft umgesetzt werden konnte, fielen die Preise wieder. Ein Jahr später konnten die Bauern ihre gesteigerten Ernteerträge nicht absetzen, die Kredite nicht zurückzahlen.



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