Unser tägliches Brot gib uns heute

Neue Weichenstellung für Agrarentwicklung und Welternährung. Eine Studie der Kammer der EKD für nachhaltige Entwicklung. Mai 2015

3. Leitgedanken für nachhaltige Agrarpolitik und weltweite Ernährung

3.1 Ernährungssicherheit für alle

Dass Nahrungsmittel in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen, ist in Mitteleuropa zur Selbstverständlichkeit geworden. Die Kriegs- und Hungerjahre im 20. Jahrhundert haben dazu geführt, dass nach dem Zweiten Weltkrieg die Staaten Europas der Sicherung der Ernährung ihrer Bevölkerung hohe Priorität eingeräumt haben. Dabei kamen ihnen auch die für die Landwirtschaft und die Ackerböden günstigen Bedingungen der gemäßigten Klimazonen zugute. Die Landwirtschaftspolitik wurde so zum bis heute am stärksten vergemeinschafteten Sektor der EU [72].

Die für unser Thema wichtigste Bitte des Vaterunsers, des zentralen Gebets der Christenheit, ist die Brot-Bitte: »Unser tägliches Brot gib uns heute.« Neben allen Weiterungen, was zum täglichen »Brot« gehört, müssen wir die buchstäbliche Bedeutung ernst nehmen. Nach »Brot«, das im Vaterunser für das eine Grundnahrungsmittel des Nahen Ostens steht, steht das unmittelbare und dauernde Verlangen der Menschen. Ohne Brot - oder Reis, Hirse etc. -, ohne Ernährung kann der Mensch nicht leben. Der Mensch ist auf Nahrung angewiesen. Das Vaterunser lehrt uns Demut und Dankbarkeit. Zugleich verweist dieses Hauptgebet auf die Notwendigkeit wie Schutzbedürftigkeit der Basisernährung, damit Lust/Freude am Leben und Arbeitsfähigkeit als Teile der menschlichen Würde gegeben sind. Der Umgang mit Nahrungsmitteln erfordert größte Sorgfalt. Dies lehrt auch, auf die Zusammenhänge zu achten, die nötig sind, um sich täglich ernähren zu können. Es geht um das ökologische und gesellschaftliche Zusammenspiel, das gegeben sein muss, damit der Teller jeden Tag wieder gefüllt werden kann. Das Erleben von Mangel und die Freude an ausreichendem und gutem Essen machen die Mahlzeit zu einer spirituellen Erfahrung: Der ganze Mensch ist abhängig, der ganze Mensch wird durch Speise gestärkt. Wer satt ist, erfährt sich als angenommen und gewollt. Kaum etwas kann das - nach protestantischem Verständnis - besser verdeutlichen als das christliche Abendmahl. Wie auch immer die christlichen Traditionen versucht haben, Gottes Präsenz im Abendmahl in Worte zu fassen, haben sie davon doch nicht abstrahiert: In der Abendmahlsfeier ist die Gegenwart Gottes an die Elemente und das Elementare gebunden. »In, mit und unter dem Brot« hat Martin Luther an Christi Gegenwart geglaubt. »Ich bin das Brot des Lebens« sagt Jesus von sich selbst (Joh 6,35): Menschen dürfen beanspruchen, ausreichend ernährt zu sein, und zwar in allen Dimensionen, die das Menschsein ausmacht.

Die Verortung des Menschen in der Gemeinschaft ist ein anderer wesentlicher Aspekt. Jesus lässt uns eben nicht beten »Mein tägliches Brot gib mir heute«. Deshalb wird jedes Abendmahl in einer Gemeinschaft gefeiert. Ausgehend von der Gemeinschaft der Versammelten öffnet sich diese für die ganze Menschheitsfamilie und behält die Generationen von Menschen im Bewusstsein, die sich schon um den Tisch des Herrn versammelt haben. »Wie die Körner, einst verstreut in den Feldern, und die Beeren, einst zerstreut auf den Bergen, jetzt auf diesem Tisch vereint sind in Brot und Wein, so, Herr, lass Deine ganze Kirche bald versammelt werden von den Enden der Erde in Deinem Reich« - lautet eine der sehr alten Anrufungen bei der Eucharistie. Der Wunsch, für sich ganz allein sorgen zu wollen, ist kurzfristig mitunter Erfolg versprechend, aber langfristig töricht und ohne Segen. Der reiche Kornbauer hat im Gleichnis seine Scheunen gefüllt, aber Gott wird noch in der kommenden Nacht seine Seele fordern (Lk 12,16-21). Der namenlose Reiche im Gleichnis Lukas 16 muss nach seinem Tod erfahren, dass seine noch lebenden Brüder angesichts der Notlagen der Armen vor ihrer Tür schon zu viel für sich beansprucht haben - sie haben ihr Gutes schon zu Lebzeiten ausgeschöpft. Der Mangel des armen Lazarus hingegen, der sich bis zu seinem Tod vom Abfallbrot aus diesem Haus ernähren musste, wird »in Abrahams Schoss« ausgeglichen (Lk 16,19-31). Lazarus wird angenommen und geheilt. Die Rücksichtslosigkeit derer, deren Ernährung sicher ist, ihr Desinteresse an einem Ausgleichssystem und ihre Unfähigkeit zur Solidarität reißen eine »Kluft« zwischen ihnen und Gott.

Nach christlichem Verständnis ist Ernährungssicherheit also eine kollektive Aufgabe und Verpflichtung. Europäische Regierungen haben sich mit Blick auf ihre Bürger und Bürgerinnen dieser Aufgabe mit Erfolg gestellt. Genauso wenig wie das Individuum seine Ernährung ohne Rücksicht auf seine Mitmenschen und ohne Einbindung in eine Gemeinschaft der Versorgten gesichert haben möchte, können eine Region der Welt oder ein politischer bzw. ökonomischer Interessenverbund die Ernährungsfrage für sich allein lösen wollen. Sie müssen Rechenschaft darüber ablegen, was ihr Handeln oder Unterlassen in anderen Teilen der Welt bewirkt.

Dass die Sicherung der Ernährung einer Gesellschaft mehr umfasst, als nur die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln, führt die Josefs-Geschichte aus Genesis 37-50 plastisch vor Augen. Josefs Weisheit, in den sieben »fetten« Jahren rechtzeitig für die Jahre des Mangels durch systematische Lagerhaltung vorzusorgen, wird gepriesen. Josef ist der gute Spekulant, dessen Traumdeutung die Macht Ägyptens in der ganzen Region begründet. Diese Macht basiert auf der Kontrolle über das System der Ernährungssicherung. Doch gegen Ende der Geschichte spitzt sich die Hungersnot weiter zu und Josef greift zu drastischen Maßnahmen. Den Hungernden geht das Geld aus, sie können Josef kein Getreide mehr abkaufen (Gen 47,15f.). Josef nimmt daher ihr Vieh in Zahlung. Doch im darauf folgenden Jahr sind auch die Tiere weg und die Hungersnot hält an. Also kommt es zum letzten Schritt: Josef gibt dem Volk Nahrung im Tausch für dessen Land. Die Bevölkerung wird zu Leibeigenen gemacht. Von da an mussten alle den fünften Teil ihres Ertrages dem Pharao geben. Nur die Priester erhielten ein Privileg: Sie durften ihr Land für die Eigenversorgung behalten.

Selbst hier bleibt die biblische Erzählung nüchtern-sachlich. Die Ungeheuerlichkeit dessen, was sie berichtet, ist freilich nicht zu überhören: »Und er machte das Volk leibeigen von einem Ende Ägyptens bis ans andere« (Gen 47,21) [73]. Diese Geschichte führt vor Augen, welche Macht in der Kontrolle über die Nahrung steckt. Sie beschreibt sehr anschaulich die Bedeutung des Insiderwissens (Traumdeutung) für die Vorsorge im Guten, aber auch für die Spekulation und künstliche Verknappung im Schlechten. Und sie erzählt, wie Weizen zur politischen Waffe wird, um das ganze Volk auszubeuten, ihm das Vieh, das Land und die Freiheit zu nehmen und für alle Zeiten einen Tribut aufzuerlegen. Die Ernährung wird zwar gesichert, aber zu welchem Preis? Nur die Priester dürfen ihr Land zur Selbstversorgung behalten und wahren somit ihre partielle Unabhängigkeit vom Pharao.

Diese Geschichte weist Parallelen zu der aktuellen politischen Kontroverse über die unterschiedlichen Konzepte der Ernährungssicherheit auf der einen Seite, der Ernährungssouveränität und des Rechts auf Nahrung auf der anderen Seite auf: Das Konzept der »Ernährungssicherheit« war zunächst nur auf die produzierte Menge fokussiert und fragte als »globale Ernährungssicherheit« oder als »nationale Ernährungssicherheit« nach dem Verhältnis von Bevölkerungszahl zur produzierten Nahrungsmittelmenge. Eine ausreichende Produktion wird dabei als wichtige Vorbedingung zur Absicherung der Nahrungssicherheit eingefordert. Ernährungssicherheit (Food Security) ist nach der Definition der FAO ein Zustand, in dem alle Menschen zu jeder Zeit Zugang zu sicheren und nahrhaften Lebensmitteln haben, um ein gesundes und aktives Leben zu führen. Im Zentrum auch der aktuellen Debatten zur Nahrungssicherheit steht deshalb sehr oft die Verfügbarkeit der nötigen Produktionsmengen.

Das Konzept der Ernährungssicherheit ist von der Überzeugung geprägt, dass der Bedarf bzw. die Nachfrage am Markt gedeckt werden kann, egal ob durch Subsistenzproduktion, durch die einheimische Vermarktung, durch kommerzielle Importe oder durch Nahrungsmittelhilfe. Es fragt nicht danach, wo die Nahrung herkommt und was die langfristigen Folgen ihrer Beschaffung sind, solange die Bevölkerung nicht unter- oder fehlernährt ist. Es genügt, dass die Gleichung stimmt: Es muss genügend Geld vorhanden sein, um Essen zu kaufen, zu importieren, die Hilfsleistungen müssen zugesichert sein. Hauptsache, das Volk wird satt, wie in der Josefs-Geschichte.

Demgegenüber proklamiert das Konzept der Ernährungssouveränität ein Recht aller Gesellschaften und Gemeinschaften, ihre Landwirtschafts- und Ernährungspolitik selbst zu definieren. Es setzt auf das Vermögen und den Anspruch, sich selbst ernähren zu können. Die Befürworter des Konzeptes gehen davon aus, dass Ernährungssouveränität gewährleistet sein muss, soll das Menschenrecht auf Nahrung, wie es im Internationalen Abkommen für die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte festgehalten ist, verwirklicht werden. Das Recht auf angemessene Nahrung bzw. das Recht eines jeden, vor Hunger geschützt zu sein, »ist dann verwirklicht, wenn jeder Mann, jede Frau und jedes Kind, einzeln oder gemeinsam mit anderen, jederzeit physisch und wirtschaftlich Zugang zu angemessener Nahrung oder Mitteln zu ihrer Beschaffung haben«, wie der Allgemeine Kommentar Nr. 12 des Sozialausschusses der Vereinten Nationen ausführt. Das meint freilich nicht, dass jede oder jeder selbst Bäuerin oder Gärtner sein und eigenhändig anbauen und Tiere halten soll. Es geht darum, dass Gesellschaften das Selbstbestimmungsrecht über die Nahrungsgrundlagen erhalten sollen, also das Gegenteil von jener Leibeigenschaft, von der die Josefs-Geschichte erzählt. Ein Verständnis von Ernährungssouveränität, das sich vorrangig auf nationale Absicherung und Souveränität bezieht, greift ebenfalls zu kurz. Was zählt, ist die tatsächliche Möglichkeit der in ländlichen Regionen lebenden Menschen, die sie betreffende Politik ländlicher Räume mitzugestalten. Dies bezieht die Betrachtung der Menschen in urbanen Räumen und die Notwendigkeit angemessener Ernährung mit ein.

Ernährungssouveränität ist allerdings kein völkerrechtlicher Standard, sondern ein politischer Begriff, den vor allem soziale Bewegungen aus dem ländlichen Raum - allen voran die weltweite Kleinbauernbewegung »La vía campesina« - entwickelt haben. Er umfasst ein Bündel von Vorschlägen, um die soziale, politische und ökonomische Kontrolle von Lebensumständen, die für die ländliche Bevölkerung wichtig sind, wiederzuerlangen. Unter dem Schlagwort »Ernährungssouveränität« engagieren sich die sozialen Bewegungen für eine Revitalisierung ländlicher Räume. Es wurde erstmals bei den zivilgesellschaftlichen Gegenveranstaltungen zum Welternährungsgipfel in Rom 1996 artikuliert.

Die Debatte, ob eine Gesellschaft sich mit Ernährungssicherheit begnügt oder aber vielmehr auf Ernährungssouveränität setzt, wird mit großer Leidenschaft geführt und nimmt auch Einfluss auf staatliche Politik. Mehrere Länder - darunter Ecuador, Bolivien, Senegal oder Nepal - haben das Konzept der Ernährungssouveränität in ihrer Verfassung verankert.



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