Engagement und Indifferenz. Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis

V. EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft

1.3 Engagement und Indifferenz. Kirchliche Mitgliedschaftsverhältnisse im Wandel

1.3.1 Gesamtgesellschaftliche Rahmenbedingungen

Die Kirche ist ein kontextsensibler Teil der Gesellschaft und hat immer Anteil an einer Reihe von gesamtgesellschaftlichen Veränderungsprozessen, die Auswirkungen auch auf die kirchlichen Verhältnisse der Mitgliedschaft haben. Aus dieser Perspektive beschreiben die dargestellten Einzelergebnisse unterschiedliche Facetten einer kirchlichen Lage, die wiederum eng mit den gesellschaftlichen Kontexten verbunden ist. Im Folgenden werden deshalb zunächst exemplarisch für zahlreiche weitere Veränderungen und ohne Anspruch auf Vollständigkeit ausgewählte relevante Rahmenbedingungen der kirchlichen Gesamtsituation skizziert.

Dazu gehört zunächst die zunehmende Mobilität immer größerer gesellschaftlicher Gruppen. Die Trennung zwischen Wohn- und Arbeitsort, häufigere Umzüge oder das Zusammenleben mit einem Partner/einer Partnerin über große Distanzen hinweg erschweren den regelmäßigen Kontakt zum kirchlichen Leben "vor Ort".

Vieles spricht dafür, dass sich das familiäre Zusammenleben verändert. Die Zahl der Einpersonenhaushalte steigt; soziale Netze, die durch Freundschaften, Nachbarschaften und neue Formen des Zusammenlebens geprägt sind, sowie die "multilokale Mehrgenerationenfamilie" (Hans Bertram) ergänzen traditionelle Familienformen. Das bringt Veränderungen auch der religiösen Sozialisation mit sich, die noch kaum absehbar sind.

Zudem wirkt sich die demografische Veränderung mittlerweile immer deutlicher aus. Sowohl der Rückgang der Geburten als auch die wachsende Zahl Älterer betreffen die Kirche besonders: Sie altert schneller als die Gesellschaft insgesamt, hat aber auch besondere Potenziale bei den so genannten "Jungen Alten". Damit ist nicht gesagt, dass die Kommunikation des Glaubens und eine christliche Lebensführung in und mit der Kirche heute schwieriger wären. Offenbar haben sich aber die Formen geändert, in denen religiöse Fragen thematisiert und lebenspraktisch bedeutsam werden. Die V. KMU erkundet, wie der Wandel des sozialen Lebens auch die Art und Weise prägt, in der die Menschen sich heute religiös vergemeinschaften und sich dabei auch in Beziehung zur kirchlichen Institution setzen.

Auch die Institution Kirche selbst hat sich in den letzten Jahrzehnten erheblich gewandelt. Infolge der Finanz- und Mitgliedschaftsentwicklung sind seit Mitte der 1990er Jahre diverse Innovations- und Veränderungsprozesse angestoßen worden, nach deren Auswirkung auf die Mitgliedschaftspraxis gefragt werden kann. Dazu ist - nicht zuletzt durch die KMU selbst - die Aufmerksamkeit für die milieubedingten und die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der kirchlichen Praxis ebenso gewachsen wie für die Differenz zwischen der gelebten Kirchenmitgliedschaft im ländlichen Raum und in der Stadt.

1.3.2 Aktuelle Veränderungen der religiösen Landschaft

Die skizzierten Veränderungen wirken sich zunehmend auch auf die religiöse Landschaft in der Bundesrepublik aus. Die einschlägigen empirischen Untersuchungen der letzten Jahre sind sich einig in der Erkenntnis, dass es für die traditionellen religiösen Institutionen (analog zu dem gesamtgesellschaftlichen Trend der Deinstitutionalisierung) schwieriger geworden ist, Menschen zu erreichen und den gesellschaftlichen Diskurs zu einschlägigen Themen mit zu prägen. Für viele Menschen ist Religion kein selbstverständlicher Teil ihres Lebens mehr. Für andere wiederum hat sich die Art und Weise ihrer religiösen Praxis in Richtung einer stärker eigenständig geprägten und im Bereich des Privaten angesiedelten Form geändert.

Im Blick auf die Konfessionszugehörigkeit der Befragten bestehen zwischen alten und neuen Bundesländern nach wie vor gravierende Unterschiede. In Westdeutschland stehen knapp 25% Konfessionslose 33% Evangelischen gegenüber, während die Anteile in Ostdeutschland bei fast 75% Konfessionslosen und 19% Evangelischen liegen. Allerdings haben sich elementare Glaubensvorstellungen, die christlich religiöse Praxis und die religiöse Selbsteinschätzung der Evangelischen in Ost und West einander weitgehend angeglichen. Bezüglich der Häufigkeit von Gottesdienstbesuch und Gebet sowie der Wichtigkeit des Gottesdienstbesuchs unterscheiden sich die Angaben der Evangelischen in Ost und West nicht signifikant voneinander. Die überwiegende Mehrheit aller befragten Evangelischen hält sich für einen religiösen Menschen, besucht zumindest mehrmals im Jahr einen Gottesdienst, betet mindestens mehrmals im Jahr und glaubt an einen Gott, der sich in Jesus Christus zu erkennen gegeben hat.

Innerhalb der Gruppe der Konfessionslosen bestehen in Bezug auf das Verhältnis zwischen Ausgetretenen und immer schon Konfessionslosen deutliche Unterschiede zwischen alten und neuen Bundesländern. Während 65% der befragten ostdeutschen Konfessionslosen nie einer Konfession oder Religion angehörten, waren 73% der befragten westdeutschen Konfessionslosen früher einmal evangelisch. Obwohl die Ausgetretenen sich selbst - auf sehr niedrigem Niveau - etwas religiöser einschätzen, als die immer schon Konfessionslosen das tun, sehen beide Gruppen gleichermaßen von (christlich) religiöser Praxis ab.

1.3.3 Stärkere Koppelung von Religion und Kirche

Offenbar haben sich im Kontext des gesamtgesellschaftlichen Wandels auch die Formen geändert, in denen religiöse Fragen thematisiert und lebenspraktisch bedeutsam werden. Die V. KMU erkundet, wie dieser Wandel der sozialen Verhältnisse auch die Art und Weise prägt, in der die Menschen gegenwärtig religiös kommunizieren und sich dabei auch in Beziehung zur kirchlichen Institution setzen.

So ergeben sich aus den dargestellten Einzelergebnissen Anfragen an die gängigen Denkfiguren zum Zusammenhang zwischen Religion und Kirche. In den vergangenen Jahrzehnten war es mittels der Unterscheidung von Kirche und Religion gelungen, das Phänomen der distanzierten Kirchenmitgliedschaft als eigenständige, individuell wie kirchlich bedeutsame Größe zu rekonstruieren, und zwar zum einen mit der Annahme einer christlichen Gesellschaft, in der empirische "Unkirchlichkeit" als "verborgene Christlichkeit" gedeutet werden konnte; zum anderen war hier das bürgerliche Modell einer innerlichen Privatreligion zu erkennen, die in der kritisch-distanzierten Auseinandersetzung mit den Vorgaben der Kirche ihre genuin protestantische Selbstständigkeit bewahrt. Die Ergebnisse der V. KMU machen nun stärker als zuvor deutlich, dass die Kirche für die Religion nach wie vor eine wichtige Bedeutung hat: Bricht die kirchliche "Interaktionspraxis" ab, so sinkt nicht nur das Gefühl der Verbundenheit mit der Kirche, sondern auch die individuelle Religiosität wird abgeschwächt (siehe oben unter "Intensive Mitgliedschaftspraxis").

Das Verhältnis von Kirche und Religion hat zudem viel von seinem einstigen Spannungscharakter verloren. Die private Frömmigkeit arbeitet sich nur noch selten an der Kirche und ihren Lehrbeständen ab. Die meisten Mitglieder möchten sich bei der Kirche aufgehoben wissen, während sie selbst ihre Bindung im Rahmen eines individuellen Arrangements nur bei bestimmten Gelegenheiten aktualisieren. Bei solchen Anlässen nutzt dieser Frömmigkeitsstil institutionell vermittelte Bedeutungsgehalte und bezieht sie auf eigene biografische Kontexte.

Diese Praxis der situativen religiösen Aktualisierung wiederum - das wird durch das leitende Verständnis von Kirchenmitgliedschaft als sozialer Praxis nun klar erkennbar - vollzieht sich aus der Perspektive vieler Mitglieder durchaus selbstbewusst und eigenverantwortlich. Sie verstehen sich als Akteure religiöser Kommunikation. Nimmt man diese subjektive Perspektive ernst, wird zukünftig mit steigenden Ansprüchen der Kirchenmitglieder an die Qualität kirchlicher Vollzüge zu rechnen sein. Selbstbewusste Akteure werden zunehmend anspruchsvoll nach inhaltlich überzeugenden, persönlich zugewandten und sorgfältig inszenierten Angeboten der Kirche fragen.

1.3.4 Entschiedenheit und Konventionalität

Insgesamt ergibt sich hinsichtlich der Haltungen zur Institution der Eindruck, dass sich die Dimensionen Entschiedenheit und Konventionalität in unterschiedlichen Mustern und Mischungsverhältnissen verbinden. Sehr deutlich zeigt sich diese Tendenz im Bereich der Haltungen zum Kirchenaustritt: Die Daten der V. KMU zeigen im Vergleich mit denen der I. bis IV. KMU den höchsten Anteil derer, die einen Kirchenaustritt kategorisch ausschließen. Dieser Prozentsatz steigerte sich von 55% (III. KMU) auf 73% (V. KMU). Während die absolute Zahl der Kirchenmitglieder stetig sinkt und der prozentuale Anteil von Protestanten an der Gesamtgesellschaft weiter zurückgeht, kommt für die übergroße Mehrheit der verbliebenen Kirchenmitglieder ein Austritt dezidiert nicht in Frage. Dazu mag der Umstand beitragen, dass das durchschnittliche Alter der evangelischen Befragten weit über dem durchschnittlichen Lebensalter liegt, in dem evangelische Kirchenmitglieder in der Regel den Austritt aus der Kirche vollziehen.

Auf eine ähnliche Mischung von Entschiedenheit und Konventionalität deutet zudem der grundsätzliche Trend im Bereich der Mitgliedschaftsgründe: Im Vergleich zu allen vorherigen KMUs ist in der V. KMU bei nahezu sämtlichen Antwortvorgaben ein Anstieg der Zustimmung zu verzeichnen. Die eigene Kirchenmitgliedschaft aufrechtzuerhalten, scheint demnach eine inhaltlich reflektierte und insofern bewusste Entscheidung zu sein.

Ein Blick auf die Mitgliedschaftsgründe im Einzelnen zeigt, dass die Antwort "weil es sich so gehört" nicht nur für Evangelische mit einer geringen Kirchenverbundenheit ein wichtiger Bindungsfaktor ist, sondern dass diese Antwort auch in allen anderen Verbundenheitsgruppen eine stärkere Zustimmung erfährt als in den früheren KMUs. Während die Zustimmung zu dem Mitgliedschaftsgrund "weil ich religiös bin" eher eine Polarisierung zwischen Hochverbundenen (klare Zustimmung) und kaum Verbundenen (geringe Zustimmung) aufweist, ist das Motiv der Konventionalität unabhängig von der Kirchenverbundenheit relevant für die Fortführung der eigenen Mitgliedschaft.

Bei einer grundsätzlichen Tendenz zur Polarisierung gehen Entschiedenheit und Konventionalität, anders als beim Kirchenaustritt, also eine spezifische Mischung ein, die sich nur teilweise aus der subjektiven Verbundenheit zur Kirche erklären lässt. Deutlich wird dabei: Die Mitgliedschaft in der evangelischen Kirche unterliegt gegenwärtig einer generellen Begründungserwartung parallel zu dem gesamtgesellschaftlichen Trend, Entscheidungen der Lebensführung zumindest retrospektiv mit kommunizierbaren Begründungen zu versehen. In der Palette der möglichen Begründungen für die eigene Kirchenmitgliedschaft ist der Aspekt der Konventionalität eine Begründungsoption neben anderen.

1.3.5 Mitgliedschaftsverhältnisse im Wandel - Stabilität, Flexibilisierung, Diffusion

Zwei grundlegende Ergebnisse der V. KMU sind summierend festzuhalten: Zum einen sind die Netzwerke existenzieller wie pragmatischer religiöser Kommunikation wesentlich stärker im privaten Nahbereich verortet, als bisher angenommen wurde. Zum anderen findet sich in der Gesamtschau der Daten eine grundlegende Spannung zwischen den Polen Engagement und Indifferenz. Es sind mitnichten nur Abbrüche oder Erosionsprozesse zu konstatieren. Solche in religiöser Indifferenz mündenden Veränderungen gehen vielmehr spannungsreiche Mischungen ein mit klar formulierten Ansprüchen an die Kirche und mit einer deutlichen Bereitschaft zum eigenen Engagement. Die skizzierten Spannungslinien verlaufen dabei nicht nur zwischen unterschiedlichen Gruppen von Kirchenmitgliedern (differenziert z. B. nach Lebensalter oder nach dem Grad der religiösen Selbsteinschätzung), sondern sie durchziehen zuweilen auch die individuelle Haltung: Auch hier findet sich nämlich die Spannung zwischen Indifferenz und Engagement. Während Religion im Alltag der Befragten häufig keine oder zumindest keine profilierte Rolle spielt, verhalten sie sich an bestimmten (z. B. biografisch bedeutsamen) Punkten der Kirche gegenüber sehr engagiert.

Die skizzierten Veränderungen sind zu deuten als komplexe, mehrdimensionale Mischungen von Stabilität, Flexibilisierung und Diffusion analog zu gesamtgesellschaftlichen Veränderungen, an denen die Kirche und ihre Mitglieder direkt oder indirekt partizipieren.

Eine Tendenz zur Stabilität zeigt sich vor allem bei der Bereitschaft der Kirchenmitglieder, an den klassischen Kasualien teilzunehmen. So ist der Anteil derer, die sich für die Taufe ihres Kindes entscheiden würden, zwar gegenüber der IV. KMU gesunken (IV. KMU: 95%, V. KMU: 89%), bewegt sich im Gesamtvergleich (1972 - 2012) jedoch auf stabilem Niveau. Ähnlich stellt sich die Entwicklung bei dem Anteil der evangelischen Befragten dar, der angibt, konfirmiert und kirchlich getraut zu sein.

Ein anderes Bild ergibt sich allerdings, wenn man die Bereitschaft zur Inanspruchnahme der Kasualien mit ihrem tatsächlichen Vollzug vergleicht. Beispielsweise sind die Differenzen zwischen der stabil hohen Taufbereitschaft und dem deutlichen Rückgang der tatsächlich vollzogenen Taufen augenfällig. Ähnliche Differenzen ergeben sich im Blick auf kirchliche Trauungen und kirchliche Bestattungen. Und auch bei den Angaben zum Gottesdienstbesuch differieren die Selbsteinschätzungen zur Häufigkeit des Gottesdienstbesuchs erheblich von der tatsächlichen Teilnahme.

Dass diese Stabilität mit einer vielschichtigen Dynamik einhergeht, zeigt sich, wenn zusätzlich zu der zahlenmäßigen Inanspruchnahme der Kasualien auch nach der Motivation für diese Inanspruchnahme gefragt wird. Denn die Motivation zur Trauung und zur Taufe verschiebt sich: Waren in den vergangenen KMUs vor allem Traditions- und Konventionsorientierung als Kernmotive identifizierbar, so stehen in der V. KMU inhaltliche Gründe im Vordergrund. Stärker als bislang scheint die Inanspruchnahme des kasuellen Angebots (besonders im Blick auf Taufen und Trauungen) aus der Sicht der Kirchenmitglieder einen inhaltlich-bekenntnishaften Aspekt zu bekommen und sich - zumindest in der Retrospektive - einer bewussten, inhaltlich begründbaren Entscheidung zu verdanken; die Mitglieder verstehen sich jedenfalls in dieser Hinsicht tatsächlich als Akteure. Auch aus dieser Perspektive sind steigende Ansprüche der Kirchenmitglieder an die liturgische und seelsorgerliche Qualität der Kasualhandlungen zu erwarten.

Stabil stellt sich auch die Lage im Blick auf die Kombination von Mitgliedschaftsgründen und Kirchenverbundenheit dar. Nahezu unverändert lassen die Daten sämtlicher KMUs seit 1972 erkennen: Je stärker sich die Befragten mit der evangelischen Kirche verbunden fühlen, desto häufiger stimmen sie - gefragt nach dem Grund ihrer Mitgliedschaft - der Begründung "weil ich religiös bin" zu. Je geringer hingegen in der Selbstwahrnehmung der Befragten die Verbundenheit mit der Kirche ausgeprägt ist, desto stärker begründen sie ihre Mitgliedschaft mit der Aussage "weil sich das so gehört". Diese Begründung von Kirchenmitgliedschaft ist bei den wenig Verbundenen ein relevantes Bindungsmotiv: Denn von den Befragten, die der Kirche kaum verbunden sind, für die aber dennoch ein Austritt nicht in Frage kommt, stimmt ein hoher Anteil genau diesem Mitgliedschaftsgrund zu.

Eine Flexibilisierung erfährt die Gestaltung der Kirchenmitgliedschaft in der Selbstwahrnehmung der Befragten. In einem gesamtgesellschaftlichen Kontext, der geprägt ist von Pluralität, Individualisierung und Mobilität und dem Einzelnen insofern ein hohes Maß an Wahlfreiheit in Fragen der Lebensgestaltung suggeriert, nehmen sich die Befragten auch in Fragen ihrer Kirchenmitgliedschaft (bis hin zum Austritt aus der Kirche) als selbstbewusste und selbstverantwortliche Akteure wahr, die ihre jeweiligen Interaktionen mit der Kirche individuell und situationsbezogen gestalten und mit unterschiedlichen Optionen kompetent umgehen. So wird beispielsweise der Austritt aus der Kirche von den befragten Konfessionslosen überwiegend als individuelle Entscheidung rekonstruiert und weniger als Produkt eines spezifischen sozialen Umfelds bzw. einer bestimmten Sozialisation.

Relativiert wird diese Tendenz wiederum durch die Tatsache, dass der Mitgliedschaftsgrund "weil sich das so gehört" durchgängig mehr Zustimmung erfährt als je zuvor. Die Dimension der Konventionalität spielt für die Begründung der eigenen Kirchenmitgliedschaft auch bei den Hochverbundenen eine relevante Rolle.

Bezieht man diese Beobachtungen zur Kirchenmitgliedschaft als individuell gestaltete Praxis auf den bereits markierten engeren Zusammenhang von Religion und Kirche, so liegt der Eindruck nahe, dass die Kirche als Institution nach wie vor eine hohe Relevanz für die Ausprägung und Tradierung der individuellen Religiosität hat. Anders formuliert: Die individualisierten Formen gegenwärtiger Religiosität erhalten ihre Vitalität nicht nur, aber doch auch von Voraussetzungen, die sie selbst nicht schaffen können und die den Einzelnen auch nicht immer bewusst sind.

In verschiedener Hinsicht sind schließlich auch Tendenzen zur Diffusion zu konstatieren. Das gilt z. B. im Blick auf die soziale Bedeutung von Religion für den Lebensalltag Jugendlicher und junger Erwachsener. Für diese Gruppe scheinen Kirche und Religion immer seltener eine relevante Rolle im Lebensalltag zu spielen.

Diese Tendenz könnte zwar auch lebenszyklisch bedingt sein, sodass zu erwarten wäre, dass für die zum Zeitpunkt der Befragung Jugendlichen mit steigendem Lebensalter auch die Relevanz religiöser Themen auf ein höheres Niveau steigt. Die oben skizzierten Veränderungen im Bereich der religiösen Sozialisation deuten allerdings darauf hin, dass wir es prognostisch eher mit einem Kohorteneffekt zu tun haben. Mit anderen Worten: Von einem sich in der Generationenabfolge steigernden Relevanzverlust des Religiösen ist auszugehen. Im Blick auf die Prognosen zur Erziehung zukünftiger Generationen stellt sich deshalb die Frage, inwieweit die quantitativ messbare Diffusion kirchlich-institutioneller Prägung in eine andere Qualität umschlägt, ab welchem Punkt also das Konzept einer volkskirchlich-flächendeckenden Prägung der bundesdeutschen Gesellschaft zu überdenken ist.

Die Relevanzdiffusion des Religiösen im Sinne einer zunehmenden religiösen Indifferenz spielt eine wichtige Rolle im Blick auf die Austrittsgründe. Hauptsächlich ist es eine wachsende Distanz zur Kirche, die zur Austrittsentscheidung führt. Auch wenn man die Konfessionslosen selbst fragt, so ist ihnen die Kirche weitgehend gleichgültig, oder sie geben an, für ihren Lebensalltag keine Religion zu brauchen. Der Kirchenaustritt wird in der Selbstwahrnehmung der Befragten überwiegend nicht auf unzureichende Qualität der pastoralen Arbeit oder auf Ärger über kirchliche Stellungnahmen zurückgeführt. Der relevante Faktor ist vielmehr die individuelle Distanz zur Institution Kirche.

Deutlicher als in den früheren KMU wird hier die Auswirkung religiöser Indifferenz sichtbar. Zwar wird auch in der V. KMU wiederum der Grund "Kirchensteuer" häufig gewählt, er fällt aber nun - anders als noch vor 10 Jahren - hinter die anderen, eben skizzierten Beweggründe zurück. Die klaren Zusammenhänge zwischen Areligiosität bzw. religiöser Indifferenz und Konfessionslosigkeit sowohl in West- als auch in Ostdeutschland zeigen in der V. KMU so deutlich wie kaum zuvor eine zunehmende Kirchendistanzierung, verbunden mit einer geringen Bedeutung von Religion für die Konfessionslosen. Das belegt auch das Antwortverhalten auf die Frage nach der Religiosität, wenn sich in Westdeutschland knapp 12% der Konfessionslosen, in Ostdeutschland gerade einmal 3% für einen religiösen Menschen halten.

Der Austritt aus der Kirche und die daraus resultierende Konfessionslosigkeit werden von den Befragten mehrheitlich ihrer individuellen Entscheidung zugeschrieben und weniger als Produkt des sozialen Umfeldes verstanden. Diese Haltung findet sich etwas häufiger in West- als in Ostdeutschland - und insbesondere bei Personen, die erst vor kürzerer Zeit aus der Kirche ausgetreten sind. Deutlich wird: Konfessionslose sehen die von ihnen gewählte Lebensweise keineswegs als defizitär, sondern - im Kontext gesellschaftlich akzeptierter Indifferenz gegenüber Religion und Kirche - schlicht als normal an.

Fazit: Wie sind die Ergebnisse der V. KMU insgesamt einzuordnen? Deutlich wird zunächst: In den meisten thematischen Hinsichten zeigen die Daten hochkomplexe Mischungen und vielschichtige Veränderungsprozesse. Denn nicht selten verlaufen die dargestellten Spannungslinien nicht zwischen verschiedenen, klar zu identifizierenden Gruppen. Stattdessen gestalten einerseits die einzelnen Kirchenmitglieder ihre Mitgliedschaft in Spannungen; andererseits bleiben Spannungen auch angesichts der in mancher Hinsicht disparaten Datenlage bestehen. Zwei Grundlinien der Einordnung der Gesamtergebnisse sind abschließend zu markieren:

Zum einen ist nüchtern zu konstatieren, dass die V. KMU in vielen Hinsichten Abschmelzungsprozesse erkennbar werden lässt. Mit zu bedenken sind dabei die prägenden gesamtgesellschaftlichen Veränderungen, die sich u. a. mit dem Stichwort "demographischer Wandel" verbinden und einen prägenden Kontext für die innerkirchlichen Veränderungen darstellen. Die daraus abzuleitenden Prognosen bieten keinen Anlass zu kirchlicher Selbstberuhigung.

Zum anderen zeigen die Ergebnisse der Studie eine Reihe von Potenzialen, die für zukünftige Entwicklungen der Kirche fruchtbar zu machen sind: Die hohe Wertschätzung der Kasualien und das ausgeprägte Vertrauen in die Diakonie sind hier zu nennen, weiter die enge Verbindung zwischen der Kenntnis der Pfarrerin/des Pfarrers und der eigenen Kirchenbindung und schließlich das hohe Maß an Sozialkapital, das die Protestanten durch überdurchschnittliches ehrenamtliches Engagement und ausgeprägtes interpersonales Vertrauen der gesamten Gesellschaft zur Verfügung stellen.



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