Engagement und Indifferenz. Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis

V. EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft

18. Handlungsherausforderungen

Erste Überlegungen zu den Ergebnissen der V. KMU

Von Thies Gundlach

Zehn Jahre nach der letzten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD 2002 (IV. KMU) zeigen die Ergebnisse der aktuellen Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung 2012 (V. KMU) im Grundsatz eine Verstärkung und Verdeutlichung schon in den vergangenen Untersuchungen wahrgenommener Tendenzen. Eine wie auch immer geartete Umkehr der Trends ist nicht zu erkennen: Die absolute Zahl der Kirchenmitglieder sinkt kontinuierlich, die Kasualien werden seltener begehrt, mit jeder nachrückenden Generation wird die Relevanz von Glaube und Kirche in der Gesellschaft undeutlicher.

Das wird von anderer Seite bestätigt dadurch, dass auch der Berufsstand der Pfarrerinnen und Pfarrer an Wertschätzung verliert. Die evangelische Kirche nimmt seit Beginn der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen 1972 ihre kontinuierliche Schwächung wahr, ohne dass eine der bekannten geistlichen Richtungen des Glaubens ein »Rezept« gegen den Mitglieder- und Bedeutungsverlust gefunden hat, falls es überhaupt eines gibt – diese Wahrnehmung sollte nicht beschönigt werden. Zugleich stellt diese Grundsituation die Reflexionen über Handlungsoptionen vor die Fragen: Schlägt dieser beständige quantitative Verlust in eine neue Qualität um? Was bedeutet dies für das Ideal einer flächendeckenden Präsenz der Kirche? Wie verändert sich die Rede von der Volkskirche, wenn sie zwar weiterhin Großkirche bleibt, aber nicht mehr als Mehrheitskirche erfahren wird? Wird das Nachdenken über die Zukunft der evangelischen Kirche dadurch freier, leichter und perspektivreicher?

Die bisherigen Reformanstrengungen

Die Grundeinsicht einer ausbleibenden Trendwende gilt auch für die auf unterschiedliche Weise angeschobenen Reformanstrengungen, denen sich im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts fast alle evangelischen Kirchen unterzogen haben. Auch das mit dem Impulspapier »Kirche der Freiheit« 2006 angestrebte, in absoluten Zahlen nachweisbare »Wachsen gegen den Trend« konnte nicht generell, sondern lediglich in einigen Bereichen erreicht werden. Dennoch können die seinerzeit entfalteten zwölf Leuchtfeuer heute manchen Reformerfolg beleuchten: Die organisatorische Flexibilisierung kirchlicher Strukturen ist in Gestalt von Kooperationen und Zusammenlegungen, von abgestimmten Profilierungen und Konzentrationen der Kräfte vorangekommen. Die Kampagnenfähigkeit der evangelischen Kirche hat deutlich gewonnen. Zudem sind die missionarischen Herausforderungen ungleich häufiger als noch vor zehn Jahren selbstverständlicher Teil kirchlicher Arbeit geworden. Die anfänglich noch aufgeregt geführte Qualitätsdebatte hinsichtlich kirchlicher Angebote ist einer professionellen Integration der Qualitätsfrage gewichen u.a.m. Dass die Reformanstrengungen auch zusätzliche Belastungen des Haupt- und des Ehrenamtes mit sich gebracht haben und sich reformorientiertes Vorgehen gegen Widerstände durchsetzen muss(te), sollte nicht gelungene kirchliche Reformprozesse verschatten, die in den Gemeinden und der mittleren Leitungsebene erfolgreich umgesetzt wurden.

Die neue Wahrnehmung der Ambivalenz von Religion

Die Situation der evangelischen Kirche in der modernen Gesellschaft konnte auch der Reformprozess nicht grundsätzlich zum Besseren wenden, auch herausragende Einzelaktivitäten, -personen und -ereignisse können die Grundtendenzen einer Zeit nicht umkehren. Dies muss man im Blick zurück oder voraus auf das Reformationsjubiläum und Symboldatum 2017 nüchtern festhalten. Ein Wachsen gegen den Trend der Demografie, der Säkularisierung und der Deinstitutionalisierung dürfte ein kraftvolles geistliches Geschehen zur Voraussetzung haben – ein solches außerordentliches Geschehen ist weder durch Geld noch durch Reformen zu initiieren oder sonst wie zu erzwingen. Darüber hinaus muss auch in Erinnerung gerufen werden, dass die Hoffnung auf eine Zeit der »Wiederkehr der Religion« als Rückenwind für alles Wachsen gegen den Trend insofern ein Irrtum war, als es nicht die Zustimmung zur oder Neugier auf Religion war, die wiederkehrte, sondern eine neue Wahrnehmung der Ambivalenz von Religion. Wie aber steht es um Religions- und Konfessionszugehörigkeit bzw. -losigkeit, wenn einer breiten Öffentlichkeit im Zuge einer zunehmenden medialen Skandalisierungsbereitschaft ständig vorgehalten wird, dass Religion entweder aggressiv oder korrupt, missbrauchend oder militant sei? Auch wenn mittlerweile festzustehen scheint, dass die These von Jan Assmann, nach der ein »besonders enger Zusammenhang zwischen forderndem Eingottglauben und Religionsgewalt bestehe, … empirisch gesehen falsch« ist (Friedrich Wilhelm Graf/Heinrich Meier: Politik und Religion. Zur Diagnose der Gegenwart, München 2013, S. 15), bleibt doch die medial prolongierte Einschätzung im Raum, Religion sei bedenklich! Und im Blick auf diese Imagekrise sitzen nicht nur die beiden großen christlichen Kirchen in einem Boot, sondern alle Christinnen und Christen.

Entwicklungslinien und Gegentendenzen

Mit diesen Wahrnehmungen kann und muss man zweifach umgehen: Einerseits müssen diese großen Linien ausdifferenziert wahrgenommen und zugeordnet werden; denn je genauer man die Ergebnisse im Detail anschaut, desto deutlicher werden auch Gegentendenzen und feinere Verschiebungen wahrnehmbar. Andererseits darf diese mikroorientierte Wahrnehmung nicht dazu führen, die großen Entwicklungslinien aus den Augen zu verlieren, sodass man am Ende zwar manches junge Pflänzchen feiert, den Zustand des Waldes aber aus dem Blick verloren hat. In den folgenden Zeilen wird daher zur Vorbereitung von Reaktionsmöglichkeiten und Handlungsoptionen der Versuch gemacht, einige dieser Grundlinien anzusprechen. Es geht dabei vorerst noch nicht um konkrete Handlungsoptionen, sondern um Problemstellungen, die bei kirchenleitenden Entscheidungen berücksichtigt werden sollten.

18.1 Fragen anlässlich der V. KMU Individuell gelebtes Christentum und Kirchenbindung

Die V. KMU zeigt auf, dass die lang vertretene These von einem freien, kirchendistanzierten Christentum zunehmend »in der Luft hängt«. Im Hintergrund der bisherigen KMU stand die Überzeugung, dass das Christentum in dreifacher Gestalt in der Moderne präsent sei:

  1. Als privates Christentum, das sich z. B. im Gebet bei Tisch, im Abendlied am Bett, beim Besuch des kranken Nachbarn niederschlägt;
  2. als öffentliches Christentum, das sichtbar ist in Feiertagen, im Status der theologischen Fakultäten, im Religionsunterricht usw.; und
  3. als kirchliches Christentum, das auf Gemeinden bezogen ist.

Mit der V. KMU muss man wieder einmal nüchtern wahrnehmen, dass privates und öffentliches Christentum von Voraussetzungen lebt, die es selbst nicht garantieren oder herstellen kann. Das kirchliche Christentum stellt Vergewisserungs- und Verbundenheits-Ressourcen zur Verfügung, die das private Christentum nicht (wieder) herzustellen vermag und auf die das öffentliche Christentum angewiesen ist, um plausibel zu bleiben. Und es bleibt eine gewichtige Herausforderung, diesen Zusammenhang gerade jenen Mitgliedern der Kirche begreiflich zu machen, die den spezifischen Angeboten der Gemeinden eher distanziert gegenüberstehen. Die Gestalt individuell gelebter Verbindung zur verfassten Kirche allein über die Inanspruchnahme lebenszyklisch relevanter Angebote erzeugt keine stabile und belastbare Verbundenheit zu Kirche und Glaube. So wird die Generationsweitergabe des Evangeliums geschwächt, es verflüchtigen sich die noch vorhandenen Bestände individueller Frömmigkeitsformate, und die Rolle der Kirche in der Öffentlichkeit verliert an Plausibilität. Was bedeutet es aber für eine Kirche, wenn die »nahen Kirchenfernen« (III. KMU) oder jene vielen Mitglieder in Halbdistanz in Gefahr stehen, sich zu »Übergangsmitgliedern ins Konfessionslose« zu entwickeln? Ist das innerkirchliche Nachdenken über Bindungsformate und Mitgliederkommunikation schon an sein Ende gekommen oder bedarf es ganz neuer Impulse?

Existenzielle Themen im Fokus

Die V. KMU zeigt auch auf, dass es vor allem die existenziellen Themen sind, wie die Frage nach Sinn, Leben und Tod u.a.m., die als spezifisch religiöse Themen wahrgenommen werden. Dagegen spielen gesellschaftspolitische Themen wie Gerechtigkeit, Frieden und Umwelt eine geringere Bedeutung für die Identifikation religiöser Dimensionen und Kompetenzen der Kirche. Dieser Wahrnehmung entspricht die Lokalisierung der Kommunikation des Evangeliums im privaten Kreis: Ehepartner, Familienmitglieder und – bestenfalls – enge Freunde sind geeignet, religiöse Themen miteinander anzusprechen. Aber hat nicht die innerkirchliche intellektuelle und finanzielle Ressourcenverwendung eine andere Gewichtung? Sind nicht auch viele Äußerungen von Kirchenleitungen thematisch anders fokussiert, nicht zuletzt aus der Sorge heraus, die Kirche könne ohne gesellschaftspolitische Relevanz ihrer Aussagen leichter ins Private abgedrängt werden? Ohne hier eine falsche Alternative aufzubauen, sollte der Frage nachgegangen werden, ob nicht eine gewisse Vernachlässigung typisch individueller Frömmigkeitsfragen im kirchlichen Diskurs zu konstatieren und also zu prüfen sei, was es bedeutet, wenn die Kirche für eine markante Mehrheit der eigenen Mitglieder Themen »bespielt«, die an deren Erwartungen vorbeigehen? Hängt die Zukunft der Kirche daran, dass sie ihre Kompetenz in genuin religiösen Fragen stärker sichtbar macht?

Polarisierung der Kirchenverbundenheit zwischen Engagement und Indifferenz

Die V. KMU zeigt auf, dass die Individualisierung und ihre Schwester, die Schwächung der Institution, auch in der evangelischen Kirche angekommen sind. Belege dafür sind das eklektische Verhältnis vieler Mitglieder im Blick auf das christliche Lehrgebäude und die zunehmend situative Teilnahme an den Angeboten der Institution. Es wächst eine neue Form konventionalisierten Glaubens, eine moderne Form jenes mittelalterlichen »Köhlerglaubens«, der die Bereitschaft bedeutete zu glauben, was die Kirche glaubt. Insbesondere anlässlich der Inanspruchnahme von Kasualien erscheint die Partizipation an den Inhalten zurückzugehen, während die Form weiterhin geschätzt wird. Zugleich wächst in einem bescheideneren Maße die Zahl derer, die eine hohe Verbundenheit mit der evangelischen Kirche entwickeln, die sich durch Identifikation mit der Arbeit und den Angeboten der Kirche auszeichnen und selbst aktiv daran mitwirken. Jene Individualisierung führt so gesehen zu einer Polarisierung der Kirchenverbundenheit zwischen Engagement und Indifferenz. Die »Extreme« werden gestärkt, man ist entweder stark engagiert oder vorwiegend biografisch-situativ dabei. D. h. aber, dass die milde, gemäßigte Form der evangelischen Frömmigkeit und Kirchenverbundenheit – die so genannte Mehrheits-Religion, auf die unsere Kirche weithin ausgelegt ist – im Schwinden ist. Entsprechend spreizen sich die Erwartungen an die Kirche immer deutlicher: Die einen wollen klar erkennbare, religiös-profilierte Gemeinschaftskonturen, die anderen punktuell-situative, individuell zugewandte und qualitativ verlässliche Betreuung. Nehmen die sich gegenseitig exkludierenden Erwartungen unterschiedlicher Gruppen an die Kirche zu? Gerät kirchenleitendes Handeln immer stärker in eine Zwickmühle unvereinbarer Polaritäten?

Flexibilisierung der Gemeindeformen

Die V. KMU zeigt, dass es eine Polarisierung auch durch eine sich verstärkende »intensive Mitgliedschaftspraxis« gibt. Diese Praxis üben oftmals wohnortstabile und kontinuierlich die Gemeindearbeit mittragende Gruppen aus, die zugleich auch die klassischen Glaubensinhalte tragen und teilen. Zugleich hat diese Praxis eine sich abkapselnde Wirkung – ein unvermeidlicher Mechanismus, der für jede profilierte Gesellungsform gilt: Ohne Grenzen gibt es keine Beheimatung. Allerdings wird immer deutlicher, dass diese Gruppen aus verschiedenen Gründen (Ausdünnung der ländlichen Räume, Generationenwechsel, demografischer Wandel) immer kleiner werden, dass aber in den jüngeren Alterskohorten diese Form der Geselligkeit bzw. Beteiligung am kirchlichen Leben nicht mehr gewünscht wird. Die evangelische Kirche stellt diesen rückläufigen Geselligkeitsformen erhebliche Ressourcen zur Verfügung, wohl auch aus der Sorge heraus, diese Alterskohorten zu verlieren, ohne für die Jüngeren angemessene Formate gefunden zu haben. Die situations- und klientelbezogene Flexibilisierung der Gemeinde- und Beteiligungsformen ist daher nach wie vor eine der zentralen Herausforderungen für die Zukunftsfähigkeit des kirchlichen Lebens. Zugleich aber ist zu fragen, ob die Profilierung von zielgruppenspezifischer Beheimatung nicht unvermeidlich eine polarisierende Wirkung zeitigt. Führt der Weg der evangelischen Kirche in eine kongregationalistische Situation, in der die zentrifugalen Kräfte durch zunehmende Traditionsströme gestärkt werden?

»Vor­Ort­Kirche«

Die V. KMU zeigt auf, dass die Antworten auf die Frage nach dem, was von der evangelischen Kirche wahrgenommen wird, sich wie ein Blick in die Zukunft lesen lassen. Trotz aller medialer Investition gilt: Sehr viele Menschen – und ganz besonders in der jüngeren Generation – nehmen kaum etwas wahr von der Kirche. Und diejenigen, die sie noch wahrnehmen, nehmen vor allem den Geistlichen/die Geistliche vor Ort wahr, insbesondere sein/ihr Kasualhandeln. Die evangelische Kirche ist im Wesentlichen eine »Vor­Ort­Kirche«, Kirchenkreis-, Dekanat- oder Propsteiebene sind in der Regel so unsichtbar wie die Ebene der leitenden Geistlichen einer Landeskirche (die nur punktuell bei besonderen Anlässen wahrgenommen werden). Einen gewissen Gegenpol bildet nur die mediale Wahrnehmung »der Kirche«, die konfessionell kaum noch differenziert wird, und die viele Menschen in einer gewissen Unbestimmtheit sagen lässt: Ich bin evangelisch. Ist es vor allen der Pfarrer/die Pfarrerin vor Ort bzw. an den verschiedensten »kirchlichen Orten«, der/die die evangelische Kirche repräsentiert, muss die alte Frage neu gestellt werden, ob die evangelische Kirche diesen »Schlüsselberuf« (Kirche der Freiheit) angemessen auf diese Funktion vorbereitet und im Laufe des Berufslebens ausreichend unterstützt. Und darf nicht der Pfarrer/die Pfarrerin diese besondere öffentliche Funktion für die evangelische Kirche annehmen, ohne dass das »Priestertum aller Getauften« gleich in Frage gestellt zu sein scheint? Stellen sich die Diskussionen um das Schlüsselpersonal der »leitenden Geistlichen vor Ort« gegenwärtig diesen Rollenherausforderungen, oder gerät jede Hervorhebung zu schnell in den Strudel der Berufsständedebatten? Und wie verändert sich diese Schlüsselrolle, wenn Ehrenamtliche in der Fläche faktisch das »Gesicht der Kirche« werden? Sind die verschiedenen Berufsrollen in der Kirche schon ausreichend durchdacht und einander zugeordnet? Stärkung der Familien in ihrer religiösen

Erziehungskompetenz

Die V. KMU zeigt auch, dass der Traditionsabbruch zur nächsten Generation in einem erheblichen Maße eingesetzt hat. Dies zeigt sich einerseits bei der Gruppe der »Jungen Alten«, die sich erkennbar weniger als frühere Generationen kirchlich verbunden fühlen, aber auch bei den jungen Erwachsenen, die überproportional häufig fern der Kirche leben. Die Generationsweitergabe des Evangeliums gelingt zunehmend weniger, mitunter muss man die Sorge haben, dass sie schon unterbrochen ist. Dabei muss nüchtern festgehalten werden, dass die evangelischen Kirchen seit Jahren dieses Problem erkannt haben und erhebliche Teile ihrer Ressourcen in den religiösen Elementarbereich investieren, um Eltern in der religiösen Erziehung ihrer Kinder zu unterstützen. Kann es sein, dass nicht das Richtige getan bzw. das Richtige nicht richtig getan wird? Ist das weithin dominierende Konzept einer Entlastung der Eltern bzw. einer Delegation der religiösen Erziehung an die kirchlichen Institutionen problematisch? Müssen die Kirchen nicht kraftvoller als bisher die Stärkung der Familien in ihrer eigenen religiösen Kompetenz fördern? Wenn die primäre religiöse Kommunikation an die Familie gebunden ist, dann ist die Stärkung dieser Kommunikationssituation das Gebot der Stunde. Um aber die Vielfalt der realen kindlichen Lebenswelten ins Blickfeld zu bekommen und keine Ausgrenzungen vorzunehmen, ist ein erweiterter Familienbegriff im Blick auf Alleinerziehende oder Patchwork-Familien u. a. eine unerlässliche Voraussetzung.

Religiöse Indifferenz als Herausforderung

Die V. KMU zeigt, dass das Phänomen religiöser Indifferenz zunimmt und dieses auf den Inhalt des Glaubens bezogene faktische Nicht-Verhältnis eine völlig neue Grundsituation für die Kommunikation des Evangeliums eröffnet. Religiöse Indifferenz meint kein zwiespältiges (ambivalentes) oder mehrdeutiges (ambiguitäres) Verhältnis, sondern kennt vielmehr überhaupt keine Beziehung zu Religion und Kirche. Die verbreitete Verbindung zwischen Bedeutungsverlust von Religion und Kirchendistanz ist eine fundamentale Veränderung für alles kirchliche Handeln und trägt nicht nur für kirchliche Akteure ein erhebliches Verunsicherungspotenzial in sich. Ein gutes Drittel aller Deutschen gehört keiner der beiden großen christlichen Religionsgemeinschaften an, und diese Haltung »vererbt« sich exponentiell. Denn nüchtern muss man sagen: Wer einmal »weg« ist, kommt in aller Regel nicht wieder, sondern nimmt auch noch seine Familie, später seine Kinder und Enkel mit.

Die Weitergabe der »religiösen Nichtsozialisation« vererbt sich, die religiöse Indifferenz verfestigt sich. Diese stetig zunehmende Ferne zu den Großkirchen in Deutschland ist ein Zeichen für die schwächer werdenden Bindungskräfte; die Jahrhunderte lang unbestrittene Rolle der christlichen Kirchen als religiöse Monopolisten geht zu Ende. Vor diesem Hintergrund ist einerseits die nach wie vor hohe Kirchenmitgliedschaft ein ebenso erklärungsbedürftiges wie staunenswertes Phänomen. Andererseits ist jene wachsende Indifferenz für die christlichen Kirchen eine zentrale geistliche und mentale Herausforderung, hängt an ihr doch die Frage der externen Relevanz und des inneren Selbstbewusstseins. Wie aber geht eine Kirche sinnvoll und souverän mit ihrem Bedeutungsrückgang um? Ist der beständige Hinweis auf die doch noch vorhandene Relevanz weiterführend oder braucht es ganz andere Haltungs- und Handlungsoptionen? Lässt sich die Kirche als »Bundesagentur für Werte« (Wolfgang Huber) oder als »Quelle für diakonisches Sozialkapital« gesellschaftlich plausibilisieren, oder wird das religiöse Selbstverständnis der Kirche so zu deutlich »verzweckt«?

18.2 Perspektiven

Es wird für mögliche Handlungsoptionen angesichts dieser – zweifellos noch ergänzungsfähigen und -bedürftigen – Wahrnehmungen wichtig sein, die vorliegenden Daten der V. KMU noch weiter auszuwerten und mit anderen Ergebnissen zur Wahrnehmung kirchlicher Wirklichkeit abzugleichen. Auf der Basis einer solchen intensivierten Wahrnehmung können dann in einem weiteren Schritt Handlungsstrategien erwogen werden. Dabei sollte im Blick bleiben, welche Möglichkeiten und Grenzen kirchliche Handlungsstrategien insgesamt haben, denn erst wenn man sich theologisch klar und organisatorisch souverän zwischen den unbrauchbaren Polen Reformstress oder Reformverweigerung zu bewegen versteht, können sinnvolle Handlungsstrategien in Anknüpfung an das Impulspapier »Kirche der Freiheit« entwickelt werden, um die Verkündigung des Evangeliums auch in schwierigen Zeiten kraftvoll anzugehen.



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